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DFB-Präsident Niersbach : Mein teurer Freund Michel Platini

Riskante Nähe: Wolfgang Niersbach (links) und Michel Platini. Bild: Imago

Was ist Wolfgang Niersbach wichtiger: die Nibelungentreue zu Michel Platini oder die Verfassung der Fifa? Abtauchen kann der DFB-Präsident nun nicht mehr. Es steht viel auf dem Spiel.

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          Michel Platini lebt seit seiner Suspendierung am Donnerstag - genau wie Joseph Blatter - im fußballerischen Niemandsland. Er darf mindestens für 90 Tage kein offizielles Stadion betreten. Er darf keine E-Mail über den Server der Europäischen Fußball-Union (Uefa) versenden. Er darf an kein Telefon mit einer Uefa-Nummer gehen. Und andere Fußball-Funktionäre dürfen sich auch nicht mit ihm über Fußball-Fragen austauschen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Auch nicht sein erklärter Freund Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Ein Offizieller, der das tut, riskiert eine eigene Strafe durch die Ethik-Kommission des Fußball-Weltverbandes (Fifa). Und das hat seinen Sinn: Nach Artikel 83 des Ethik-Kodex des Weltverbandes kann der Vorsitzende der rechtsprechenden Kammer des Ethik-Komitees die Suspendierung als „vorsorgliche Maßnahme“ verhängen, zur „Verhinderung der Beeinträchtigung der Wahrheitsfindung“. Es handelt sich also um eine Art Untersuchungshaft, die einem ordentlichen Verfahren vorausgeht.

          Die Uefa führt in zweifelhafter Treue den in verbandsrechtlicher „Untersuchungshaft“ befindlichen Platini trotzdem noch offiziell als ihren Präsidenten - und hat dem 60 Jahre alten ehemaligen Fußballstar ihre volle Unterstützung zugesagt. Den Kampf um die Kandidatur für das Amt des Fifa-Präsidenten muss Platini nun aber über ein kommunikatives Parallelsystem führen. Der französische Sportminister Patrick Kanner, der ihm sofort nach der Suspendierung den Rücken gestärkt hat, kann zwar mit ihm auch über heikle Themen reden, weil er kein Fußball-Funktionär ist.

          Aber schon die südamerikanische Konföderation Conmebol, die seinen Wahlkampf weiter unterstützt und nun die Aufhebung der Suspendierung verlangt, sollte laut Reglement keinen amtlichen Kontakt mit ihm aufnehmen. Niersbach, der bisher immer für Platini in die Bresche gesprungen ist, ihn seinen „cher ami“ nennt und ihn auch in den vergangenen Tagen noch - wenn auch auf moderate Weise - verteidigt hat, auch nicht.

          Platini soll die Dinge nicht vernebeln

          Trotzdem forderte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, Platini solle bei der Dringlichkeitssitzung der Uefa-Exekutive am kommenden Donnerstag „Dinge ins Feld führen, die ihn entlasten“. Es geht um eine dubiose Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken, die Blatter Platini 2011 hat zukommen lassen. Aber Platini darf an der Sitzung nicht teilnehmen. Seine Argumente hat er schon am 1. Oktober gegenüber der Fifa-Untersuchungskammer so wenig überzeugend vorgetragen, dass diese bei der rechtsprechenden Kammer die Suspendierung erfolgreich beantragt hat.

          Wer fest auf dem Boden der Fifa-Statuten steht, dem müsste klar sein: Die Fifa-Justiz hat Platini also vorläufig gesperrt, damit er die Lage nicht verbal vernebeln kann. Dass die Regierung der Grande Nation trotzdem zu ihm hält, dürfte auf Nationalstolz beruhen. Die Haltung von Conmebol in Korruptionsfragen ist bekannt - hier spielen einige der härtesten Fälle, aufgrund deren die amerikanische Justiz die Fifa als „kriminelle Vereinigung“ ansieht.

          Sollte Niersbach - was er stets weit von sich weist - insgeheim doch die Idee verfolgen, Platini eines nicht fernen Tages an der Uefa-Spitze zu beerben, müsste er aber eigentlich jetzt einer Art Platini-Schattenkabinett angehören, das im Fußball-Untergrund für ihn arbeitet. Dies zu unterstützen, verbietet sich für Niersbach.

          Natürlich kann ein Fußball-Funktionär sich auch heimlich mit Platini absprechen. Er muss sich ja nicht erwischen lassen. Allerdings sollte er dann nicht allzu offensichtlich die Strategie des Franzosen übernehmen. Zum Beispiel in der Frage, ob der für 26. Februar 2016 anberaumte Wahlkongress nach hinten verschoben werden soll. Das hätte Platini gern, weil er immer noch glaubt, seine Präsidentschaftskandidatur über das Verfahren hinwegretten zu können.

          Klare Positionierung von Niersbach erwünscht

          Niersbach hat das noch am Donnerstag abgelehnt und damit seine alte Forderung nach raschen Reformen unterstrichen. „Ich setze stark darauf, dass wir den Termin ... auch halten können“, sagte er. Am Samstag eierte er schon mehr: „Wenn man wirklich an den Punkt käme, das ist noch nicht besprochen, also im Konjunktiv gesprochen, wir müssten eventuell noch einmal verschieben, dann kann das auf keinen Fall ein langes Herausschieben sein, weil einfach Druck auf dem Kessel ist.“

          Es ist zu erwarten, dass die Fifa-Exekutive, deren Mitglied Niersbach ist, am 20. Oktober in Zürich unter ihrem Interimspräsidenten Issa Hayatou über eine Verschiebung des Kongresses abstimmen wird. Eine klare Positionierung des deutschen Präsidenten in dieser Frage wäre dringend erforderlich.

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          Sollten Blatter oder Platini durch ihre Einsprüche wider Erwarten eine Aufhebung der Suspendierung erreichen - im Fall des Franzosen droht der nationale Verband sogar mit dem Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas -, würde das aber keine echte Entlastung bringen, denn die Verfahren gegen sie laufen weiter. Die Ethik-Kommission arbeitet unter Hochdruck und will beide innerhalb der 90 Tage abschließen. Blatters Argument, er sei nicht ausreichend angehört worden, ist ohnehin nicht sehr tragfähig.

          Beide haben vor der Ermittlungskammer ausgesagt, und der Vorsitzende der rechtsprechenden Kammer kann laut Artikel 84 des Ethik-Reglements nach Aktenlage über eine Suspendierung entscheiden kann. Platinis Begründungen blieben noch vager. Sollte er keine überzeugenderen Fakten zum Verfahren beisteuern, müsste DFB-Präsident Niersbach sich einmal gründliche Gedanken machen über den Unterschied zwischen Freundschaft und Verantwortung - damit er seinen Verband nicht endgültig in die sportpolitische Sackgasse führt.

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