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Wolfgang Holzhäuser im Gespräch : „Zwei Halbfinals gegen spanische Verhältnisse“

  • Aktualisiert am

Denker und Lenker in Leverkusen: Wolfgang Holzhäuser tritt zum Monatsende ab Bild: dpa

Fast vierzig Jahre war Wolfgang Holzhäuser im Fußball tätig, bald zieht er sich zurück. Im F.A.Z.-Interview spricht er über das Image von Bayer Leverkusen, eine Maßnahme gegen spanische Verhältnisse und seine Abschied.

          5 Min.

          Nach 38 Jahren als Fußball-Funktionär zieht sich Wolfgang Holzhäuser als Geschäftsführer von Bayer Leverkusen zum Monatsende von seinem Posten zurück. Der Druck ist dem 63-jährigen zu groß geworden.

          Warum hören Sie auf, obwohl Ihr Vertrag noch ein Jahr laufen würde?

          Ich habe schon vor der letzten Vertragsverlängerung gesagt, irgendwann kommt der Tag, wo man hoffentlich selbst erkennt, dass es für einen selbst, aber auch für die Mitarbeiter und das Unternehmen besser ist, einem anderen Platz zu machen. Und ich wollte nicht zu denen gehören, denen beim Frühstück gesagt wird, es ist Zeit zu gehen. Vor einigen Jahren habe ich zu Wolfgang Niersbach gesagt, Wolfgang, sag du mir, dass es so weit ist, wenn ich es selbst nicht merke. Er hat geantwortet, mach dir keine Gedanken, du wirst es schon merken. Und er hat recht behalten. Es ist gut, dass ich den Zeitpunkt meines Ausscheidens selbst bestimmt habe.

          Woran haben Sie gemerkt, dass es Zeit ist?

          Ich habe gespürt, dass es schwieriger wurde, mit dem Druck fertig zu werden. Früher ist der Druck nach den Spielen schnell von mir abgefallen. Seit zwei Jahren fällt es mir viel schwerer, die Spannung abzubauen. Ich habe lange gebraucht, um in den Schlaf zu finden, wenn ich überhaupt geschlafen habe. Manchmal habe ich mir das Spiel nachts noch zweimal angeguckt. Aber das hatte auch seine Vorteile. Ich konnte am nächsten Morgen besser mitreden.

          Wie haben Sie während der Spiele den Stress bewältigt?

          Seit zwei Jahren bin ich zur zweiten Halbzeit in den Katakomben verschwunden. Da kann ich ungestört rumlaufen und muss mir nicht die Kommentare der Leute um mich herum anhören. Umgekehrt bleiben denen meine Kommentare erspart, die auch sehr unangenehm sein können. In letzter Zeit gehe ich durch die Garage in das Büro unseres Teammanagers und schaue mir dort mit Hans-Peter Lehnhoff das Spiel im Fernsehen an.

          Sie sagen, man sollte aufhören, wenn’s am schönsten ist. Was finden Sie jetzt so schön?

          Platz drei in der vergangenen Saison ist für mich eine gefühlte deutsche Meisterschaft. Wir standen in der Abschlusstabelle nur einen Punkt hinter dem zweitbesten Verein Europas.

          So gut gelaunt ist er nur vor dem Spiel, während der Partie ist Holzhäuser nervös

          Herrschen in Deutschland spanische Verhältnisse mit zwei Vereinen, die dominieren?

          Es ist möglich, dass in der Bundesliga vorübergehend spanische Verhältnisse eintreten. Bayern München ist so gut besetzt, da kann derzeit nur Dortmund mithalten. Das wird erst einmal auch so bleiben. Aber das muss nicht auf Dauer manifestiert sein. Außerdem müssen spanische Verhältnisse nicht unbedingt etwas Negatives sein. Real Madrid und der FC Barcelona spielen ja überragenden Fußball. Im Übrigen habe ich etwas dagegen, wenn man spanische Verhältnisse kritisiert, aber keine Idee hat, sie zu verhindern.

          Sie haben eine Idee?

          Wenn man solche Verhältnisse unbedingt verhindern will, könnte man am Saisonende ein Halbfinale Erster gegen Vierten und Zweiter gegen Dritten austragen und die Sieger im Finale um den Titel spielen lassen. Eine solche Lösung ist sicher nicht das Alleinseligmachende, aber besser, als spanische Verhältnisse zu bejammern, ohne eine Lösung zu haben.

          Ein Bild von 2004: Holzhäuser im Schatten von Reiner Calmund

          Bayer Leverkusen spielt regelmäßig im oberen Drittel der Bundesliga mit, wird aber im Vergleich zu Traditionsklubs wie Dortmund, Schalke, Gladbach oder selbst Köln als unattraktiv wahrgenommen. Was fehlt Bayer - Charisma, Ausstrahlung, Titel?

          Unsere Leistung wird bundesweit nicht genug anerkannt. Dennoch haben wir unser Niveau über Jahre hinweg gehalten, obwohl andere Klubs ganz andere Möglichkeiten haben. Wenn in Dortmund oder Gelsenkirchen ein Blitzlicht aufleuchtet, denken die Leute, es sei das Flutlicht, und sechzig- oder siebzigtausend Menschen rennen ins Stadion. Auch uns wurde zum Beispiel Henrich Mchitarjan angeboten, aber wir konnten ihn uns nicht leisten. Dortmund hat ihn dann verpflichtet.

          Aber Sie haben die Alimente eines großzügigen Konzerns, um die Bayer 04 von vielen anderen beneidet wird.

          Die Bayer AG stellt uns ansprechende Mittel zur Verfügung. Das ist eine gute Basis, aber es reicht nicht, um finanziell mit Bayern, Dortmund, Schalke oder Wolfsburg mitzuhalten. Dort investieren große Unternehmen ein Vielfaches von dem, was wir bekommen.

          Auch bei der DFL engagierte sich Holzhäuser viele Jahre

          Das beantwortet nicht die Frage nach der fehlenden Ausstrahlung.

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