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Endspielball der WM 1954 : „Der DFB müsste zuschlagen“

Der Ball, der aus der Tiefe kam: „Unser Ball hat deutliche Gebrauchsspuren“ Bild: Agon-Sportsworld

Ball ist nicht gleich Ball: Wo ist der „richtige“ vom WM- Finale 1954? Der Fußball-Verband könnte zur Sicherheit bei dem Auktionator Wolfgang Fuhr in Kassel mitbieten - wenn das Leder denn eines Tages tatsächlich versteigert wird.

          Unerwartet ist ein Endspielball von der WM 1954 aufgetaucht. Der Auktionator Wolfgang Fuhr von Agon Sportsworld, der am Freitag und Samstag in Kassel über 1000 Fußball-Memorabilia versteigert,  erläutert, wie es zu dem Fund kam und warum es sich um den Ball handeln könnte, den Helmut Rahn schießen musste und geschossen hat.

          Herr Fuhr, Sie wollten am Samstag bei Ihrer Aktion mit der Katalgonummer 413 den Endspielball der WM 1954 versteigern. Die Auktion ist nun abgesetzt. Gab es Zweifel am Ball?

          Wolfgang Fuhr: Nein, es wurde am Mittwochvormittag ein Besitzanspruch der Erben eines Vorbesitzers des Balles eingereicht, der eine Versteigerung am Samstag im Rahmen unserer Auktion verhindert. Wir hoffen sehr, die Versteigerung nach einer Klärung der Sachlage bald nachholen zu können.

          Wo kommt dieser Ball denn her? Bislang ging man davon aus, dass der Endspielball, mit dem Fritz Walter, Helmut Rahn und Co. 3:2 gegen Ungarn gewannen und das Wunder von Bern schufen, im gerade eröffneten deutschen Fußballmuseum in Dortmund liegt. Muss die Fußballgeschichte neu geschrieben werden?

          Die Fußballgeschichte muss aber keineswegs umgeschrieben werden. Es gab zwei Endspielbälle. Das kann man auch auf Fotos von 1954 sehen. Einen haben wir, den anderen der DFB in seinem Museum.

          Auktionator Wolfgang Fuhr: „Die Fußballgeschichte muss aber keineswegs umgeschrieben werden. Es gab zwei Endspielbälle“

          Wurden beide Bälle im Endspiel eingesetzt?

          Nein. Vor dem Spiel haben sich damals üblicherweise die beiden Kapitäne mit dem Schiedsrichter auf den Ball geeinigt, der ihnen besser erschien. Mit dem wurde dann durchgespielt, wenn er nicht gerade kaputtging. Sonst gab es anders als heute nur einen Ersatzball für den Notfall. Filmaufnahmen belegen, dass nur der eine Ball im Einsatz war.

          Haben Sie denn jetzt den Ball, mit dem Rahn aus dem Hintergrund schoss, oder liegt er in Dortmund?

          Das kann ich nicht sicher sagen. Unser Ball hat deutliche Gebrauchsspuren. Aber es wurden beim Aufwärmen beide Bälle benutzt, je einer von einer der beiden Mannschaften. Welcher der beiden Bälle eher der verwendete Ball ist, könnte man nur entscheiden, wenn man beide nebeneinanderlegt. Das Spiel war ein hartes, umkämpftes Spiel. Von daher sollte der genutzte Ball deutlich mehr Gebrauchsspuren aufweisen als der andere.

          „Filmaufnahmen belegen, dass nur ein Ball im Einsatz war“

          Wie können Sie überhaupt beweisen, dass es sich um einen Endspielball von 1954 handelt?

          Absolute Sicherheit gibt es natürlich nie. Völlig sicher ist nur, dass es sich um einen der 50 eigens für die WM hergestellten Spielbälle handelt. In der Auktionärssprache geht es dann um den Nachweis der Provenienz, also der Herkunft oder der Geschichte der Weitergabe des Balls. Der Besitzer, der den Ball bei uns zur Versteigerung anbietet, hat eine sehr überzeugende Provenienz, ganz anders als bei gut zehn Bällen, die mir früher schon angeboten wurden, die nachweislich nicht einmal Spielbälle der WM waren. Da wird viel Schindluder getrieben. Ein einziges Mal war die Geschichte glaubwürdiger, es handelte sich tatsächlich um ein Spielball. Aber es gab keinen Beleg, dass es ein Endspielball war. Das war bei unserem Ball nun anders.

          Wie ist dann die Provenienz Ihres Balls?

          Nach dem Endspiel 1954 verhielt es sich wohl so: Die Bälle wurden nach dem Spiel von den WM-Schiedsrichtern Griffiths und Ling mit in die Kabine genommen. Werner Kohlmeyer sicherte sich den einen, der den Weg ins DFB-Museum gefunden hat. „Unser“ Ball landete bei Ernst Thommen, dem Chef des Organisationskomitees der WM 1954. Als dessen Büro aufgelöst wurde, übergab Thommen den Ball an André Grandjean, den Generalsekretär des OK. Der Ball blieb seitdem in Besitz von Herrn Grandjean und galt lange als verschollen. Erst 2004 hat der Einlieferer einen Hinweis auf den Verbleib des Endspielballs von Helen Muzzulini, der Frau des Architekten des Wankdorf-Stadions, bekommen. Am 6. Oktober 2004 erhielt der Einlieferer den Ball von Grandjean, der ihm die Herkunft des Balles bestätigte.

          Eine Nachfrage zu dem Kohlmeyer-Ball: In den Erinnerungen des legendären Sportreporters Rudi Michel steht, dass Herberger den Endspielball beim Grenzübertritt aus der Hand gegeben haben soll aus Dankbarkeit. Sind Zweifel an der Echtheit des Endspielballs aus dem Fußballmuseum angebracht, zumal bei einer ersten Übergabe des Balls durch den DFB an das Museum versehentlich auch ein Trainingsball übergeben wurde, wie Experten am Aufdruck auf dem Ball erkennen konnten?

          Dazu kann ich nichts sagen. Rudi Michel ist sicherlich ein seriöser Journalist, der in seinem Buch die Beobachtungen eines vertrauenswürdigen Kollegen zitiert. Und irgendein Ball wird damals übergeben worden sein. Aber andererseits ist das alles sehr lange her, und Michel wie auch der Augenzeuge sind mittlerweile verstorben.

          Der Ball im Museum: „Welcher der beiden Bälle eher der verwendete Ball ist, könnte man nur entscheiden, wenn man beide nebeneinanderlegt“

          Welchen Erlös erhoffen Sie sich, wenn der Ball dann doch noch zur Versteigerung ansteht?

          Wir haben als Schätzpreis 54.000 Euro angesetzt. Ich hätte 50.000 gesagt, aber der Besitzer wünschte sich wegen 1954 das angemessene Aufrunden auf die Zahl 54.

          Ist eine solche Summe realistisch?

          Helmut Haller erhielt von der englischen Boulevard-Zeitung „The Sun“ 1996 vor der EM in England angeblich 80.000 Pfund für den Endspielball von 1966, den Haller bekanntlich nach dem Spiel einfach mitgenommen hatte. In England werden freilich auch grundsätzlich ganz andere Preise für Fußball-Erinnerungsstücke gezahlt. Für den Ball von 1954 interessieren sich die Engländer leider überhaupt nicht. Da könnten wir uns schon eher am Endspielball von 1930 orientieren, der bei uns für 40.000 Euro versteigert wurde.

          Könnte der DFB als Käufer in Frage kommen?

          Sie haben ja einen Ball. Aber wenn der DFB sicher sein will, dass der im Endspiel eingesetzte Ball in ihrem Besitz ist, müsste er natürlich zuschlagen.

          Echtes Leder: Der Endspielball von 1954

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