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WM-Tickets : Schlechte Karten für das breite Fußballvolk

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Beim Verteilungskampf um die WM-Tickets ist das Organisationskomitee Täter und Opfer zugleich. „Bis auf das Ticketing-Problem geht's uns gut", sagte Franz Beckenbauer 501 Tage vor dem ersten Spiel.

          3 Min.

          Selbst der "größte Experte auf der Welt" stößt manchmal an seine Grenzen. Eben noch war Horst R. Schmidt, erster Vizepräsident des deutschen Organisationskomitees (OK) für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, hymnisch gelobt worden - dann mußte er eingestehen: "Ich habe keine Vorstellung, was auf uns zukommt."

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ihn treibt der 1. Februar um, jener Tag, an dem der freie Verkauf der Eintrittskarten beginnt. Und da beruhigt es kaum, wenn Urs Linsi, der Generalsekretär des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), auf einer Pressekonferenz in Frankfurt Schmidt als Spezialisten Nummer 1 umschmeichelt. Keiner wisse, wieviele Bestellungen von Dienstag nächster Woche an eingehen werden, sagte Schmidt am Montag in Frankfurt.

          "Bis auf das Ticketing-Problem geht's uns gut"

          Dafür weiß jeder, daß es nur darum geht, den Kartenmangel zu verwalten. In Zahlen klingt das in Frankfurt erläuterte Dilemma so: 2,93 Millionen Tickets werden ausgegeben - aber nur etwas über eine Million landet im freien Verkauf. Ein Drittel fürs internationale Fußballvolk, der Rest für Sponsoren, Förderer, Großkunden, die 205 Mitgliedsverbände der Fifa, Medien. Ein Anteil, mit dem sich nur wenig Freunde, aber viele Gegner machen lassen. "Bis auf das Ticketing-Problem geht's uns gut", sagte Franz Beckenbauer, der Präsident des OK, in Frankfurt.

          Es ist ein selbstgewähltes Problem. Das OK hatte darauf gedrängt, diese Mammutaufgabe selbst zu schultern. Bei der WM vor vier Jahren in Japan und Südkorea war die Fifa noch selbst verantwortlich für diese "schwierigste aller Aufgaben", so Beckenbauer. Das OK ist Auslöser, Gestalter und Opfer des Verteilungskampfs. Seine Botschaft: Wir tun, was wir können - aber wir werden hundertausendfach enttäuschen. Schließlich ist jedes bereits versprochene Ticket eines weniger für den freien Verkauf. 555.000 Karten erhalten allein die offiziellen WM-Partner, fünfzehn internationale Großkonzerne, und die nationalen Förderer, sechs der ersten deutschen Industrieadressen. 468.000 Karten gehen an die der Fifa angeschlossenen Verbände, von Argentinien bis Zypern.

          Restkarten für Freiwillige

          Hoffnung setzt das OK vor allem auf den Rücklauf nicht abgesetzter Tickets. Ein Kuriosum angesichts einer Nachfrage, die "noch nie so hoch" war, wie Urs Linsi sagt - obwohl auch er nicht weiß, wie hoch. Sollten einige Verbände ihre Ticktes nicht absetzen können, sind sie frei für den öffentlichen Verkauf, der dem OK insgesamt 200 Millionen Euro einbringen soll. Gleiches gilt für so genannte "Hospitality"-Angebote, kostspielige Kartenpakete, die von einer Agentur exklusiv angeboten werden. Aus den bereits feststehenden 913.000 Karten fürs große Publikum soll so ein Angebot in siebenstelliger Höhe werden. "Wir gehen von mindestens 1,1 Millionen Tickets für den freien Verkauf aus", sagte Schmidt.

          Verhindern wollen OK und Fifa vor allem einen Publicity-Killer, den sie "No show" nennen. Das sind jene leeren Ränge, die mitunter die WM 2002 verunstalteten. Ein häßliches Bild: Tausende müssen draußenbleiben, aber die, die zum Beispiel als Mitarbeiter oder Partner von Sponsoren Karten haben, gehen nicht hin. Schmidt wünscht sich eine schnelle Rückmeldung bei mangelndem Interesse und eine schnelle Weitergabe an Neugierigere - zum Beispiel unter den 190.000 Freiwilligen, die bei der WM zum Einsatz kommen werden.

          "Ich bin keine Vorverkaufsstelle"

          Weitaus einträglicher ist allerdings eine Vereinbarung zwischen Fifa und OK, die den heimeligen Namen "Deutsche Fußballfamilie" trägt. Sie sichert Beckenbauer und Co. weitere 389.000 Karten, die an Verbände, Vereine und Mitglieder des Deutschen Fußball-Bundes verteilt werden können. "Weil Deutschland ein so fußballverrücktes Land" ist, wie Urs Linsi etwas zu überschwenglich betonte. Dem OK ist es so gelungen, sein Kartenkontingent kräftig aufzustocken. Acht Prozent der verfügbaren Karten stehen bei einer WM-Partie den beiden beteiligten Nationalverbänden zu. Nun verfügt der Ausrichter also über weitere Ressourcen. Die Quote bleibt, der Anteil wächst - ein besonderes Verhandlungskunststück des OK. Möglicherweise wird so auch Franz Beckenbauer ein wenig entlastet. Der berichtete zuletzt von Menschen, die er kaum kenne, die sich aber als Freunde ausgeben und nichts anderes als WM-Karten wollten. "Ich bin keine Vorverkaufsstelle", sagte er in Frankfurt, "und das wird auch so bleiben." Noch eine schwierige Aufgabe. Die deutsche Fußballfamilie ist schließlich groß.

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