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WM-Tickets : Millionen Fans pochen vergeblich an die Klagemauer

  • -Aktualisiert am

Beckenbauer: Es wird viele Enttäuschungen geben Bild: dpa/dpaweb

Bevor auch nur das erste von über drei Millionen Tickets für die Fußball-WM 2006 verkauft ist, steht fest: Es wird viele Enttäuschte geben. Die Zahl der Karten für die Fans ist einfach zu niedrig.

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          Franz Beckenbauer war früher zwar Abwehrspieler, aber so viel Defensive dürfte auch ihm nicht recht sein. Der 1. Februar naht, jener Tag also, an dem die erste Phase des öffentlichen Verkaufs der Eintrittskarten für die 64 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 beginnt - und alle Verantwortlichen aus dem Organisationskomitee (OK) treten an zur rechtzeitigen Mauerbildung. Es dürfte eine Klagemauer werden.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bevor auch nur das erste von über drei Millionen Tickets verkauft ist, trösten Beckenbauer und seine verteidigenden Kollegen die noch nicht Zukurzgekommenen: Es werde viele Enttäuschungen geben. Die Zahl der Karten sei einfach zu niedrig. Das WM-OK könne nur als Verlierer aus der Sache hervorgehen. Das alte Leid: Es ist WM, und nicht jeder darf rein. Nichts Neues, aber immer wieder neu aufgelegt als angeblicher Empörungsgrund, als Entfernung des Fußballs von seinen Wurzeln und seinen treuesten Anhängern. "Wir haben in jedem Fall zu wenig Karten", sagt Horst R. Schmidt, erster Vizepräsident des Organisationskomitees, vor dem Verkauf einer ersten Tranche von 850.000 Tickets via Internet. "Aus diesem Dilemma kommen wir nicht heraus."

          Großbildleinwände als Ausgleich

          Also geht es schon jetzt darum zu trösten: Dreißig Millionen Deutsche zum Beispiel, die nach einer Vermutung von Joseph Blatter, dem Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), während der WM gerne ins Stadion gingen; oder sechs Millionen Mitglieder des Deutschen Fußball-Bundes, die allein für ein Verteilungsproblem ausreichen würden. Wer allerdings die "Welt zu Gast bei Freunden" wähnt - so das offizielle Motto des Fußball-Titelkampfs -, der sollte diese Welt auch hereinlassen.

          Wie auch immer gerechnet wird, in diesem Spiel wird es viele Verlierer geben. Der jüngst erzielte Durchbruch beim sogenannten "Public Viewing" gilt als erste kleine Wiedergutmachung. Wer keine Karten bekommt, kann immerhin vor Großbildleinwänden so etwas wie WM-Nähe spüren. Die Fifa und die Infront Sports & Media AG als Inhaberin der Fernsehrechte haben gerade erst nicht-kommerziellen Übertragungen auf öffentlichen Plätzen zugestimmt - ohne finanziellen Ausgleich.

          Der Fifa sind die Karten zu billig

          Beckenbauer feierte das Entgegenkommen als "großartige Geste". Auch der Konföderationen-Pokal 2005 der Fifa in fünf deutschen Städten mag als Kompensation dienen. 300.000 der 700.000 Karten sind bereits verkauft. Wer die "kleine WM" im Juni dieses Jahres, die Generalprobe für die große ein Jahr später, erleben will, hat beste Chancen. Das OK wäre froh, alle Tickets verkaufen zu können. Noch herrscht ein für 2006 unvorstellbarer Angebotsüberschuß.

          Vor allem das Zugeständnis beim Public Viewing war ein weiterer Erfolg für das OK. Dieses hatte bereits bei der Festlegung der Ticketpreise still und heimlich einen Triumph im Ringen mit der Fifa verbucht. Mit einem Einstiegspreis von 35 Euro liegt die WM in Deutschland deutlich unter dem Niveau in Japan und Südkorea vier Jahre zuvor. Blatter hatte nicht verhehlt, daß er höhere Preise für angemessen hält. "Ich bin nicht ganz zufrieden", ließ der geschäftstüchtige Schweizer wissen.

          Sport für Millionäre also statt Sport für Millionen?

          Während Beckenbauer, Schmidt und Wolfgang Niersbach, der zweite Vizepräsident des Organisationskomitees, die Überbringer der erwartet schlechten Nachrichten in Deutschland sind, gilt Blatter manchem als Vater der Kartenknappheit. All die eingeladenen offiziellen Partner, nationalen Förderer und finanzkräftigen Firmenkunden nehmen mit ihren Business-Plätzen und "Hospitality-Paketen" - so eine schlichte Rechnung - den einfachen Fans die Sitze weg.

          Sport für Millionäre also statt Sport für Millionen? "Es gibt Vorgaben, die der Ausrichter und auch die Fifa zu beachten haben", sagt Horst R. Schmidt lapidar. Er wäre bei allen Verteilungskämpfen schon zufrieden, wenn die WM 2006 nicht ähnliche Schlagzeilen machte wie ihre Vorgänger. 1998 in Frankreich hatten die Ausrichter mit einem massiven Kartenskandal zu kämpfen, in dessen Verlauf von dubiosen Anbietern Tickets verkauft wurden, die es gar nicht gab. Ein Image-GAU, der nicht wiedergutgemacht werden kann.

          Einigen Zuschauern könnte geholfen werden

          Auch in Südkorea und Japan tauchten größere Mengen im Schwarzhandel auf. Karten für die WM in Deutschland werden mit einem Mikrochip ausgestattet und mit dem Namen des Käufers. Das soll für mehr Sicherheit an den Stadion-Drehkreuzen mit elektronischen Zugangssystemen sorgen und sicherstellen, daß eine einfache Regel eingehalten wird: Wer kauft, geht auch rein. Das mag helfen, aber nicht heilen. Der Fußball-Krankheit Schwarzmarkt ist damit nicht beizukommen.

          Das letzte Ergebnis im Verhandlungsmarathon zwischen OK und Fifa wird an diesem Montag bei einer Pressekonferenz verkündet. Es geht um die Kartenkontingente der an einem WM-Spiel beteiligten Nationalverbände. Bisher gab es jeweils acht Prozent - was bei einem Spiel in München knapp 5.300 Tickets ausmachen würde. Es heißt, das OK hoffe auf eine Erhöhung. Im unteren zweistelligen Bereich dürfe es schon sein. Wäre dem so, könnte einigen Zuschauern geholfen werden. Ein paar Tausend unter Millionen.

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