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WM-Qualifikation : Pavel Nedved kämpft um die letzte Chance

Pavel Nedved - der Mann, den sie „Pferd” nannten Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Rückkehr des Fußball-Maestros Pavel Nedved hat den Katzenjammer in der tschechischen Nationalmannschaft vorerst beendet. Nach dem 1:0 im Play-off-Hinspiel gegen Norwegen steht das Land vor seiner ersten WM-Teilnahme.

          Ihn verbindet viel mit seinem Vorgänger: mit Zinedine Zidane. Jeder andere wäre in diesen Fußstapfen versunken. Aber Pavel Nedved wurde wie zuvor Zidane eine unumstößliche Größe bei Juventus Turin. Und in Europas Fußball. Beide sind Jahrgang 1972. Beide sind im offensiven Mittelfeld so unberechenbar und elegant wie im Privatleben unscheinbar und bescheiden - zwei Fußball-Maestros, zwei Familienmenschen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In diesem Herbst haben Zidane und Nedved die Parallele noch weiter getrieben. Beide waren sie nach der Europameisterschaft 2004, nach Blessuren und enttäuschenden Niederlagen gegen Griechenland, mit 32 Jahren aus ihren Nationalteams zurückgetreten. Zidane überlegte es sich in diesem August anders und führte die ohne ihn spielerisch gehemmten Franzosen zur WM-Qualifikation. Nedved kehrte vergangenen Samstag zurück. Er trieb sein Team zum 1:0-Sieg in Oslo gegen Norwegen und will es diesen Mittwoch im Rückspiel in Prag Zidane nachmachen: die WM-Teilnahme 2006 mit Tschechien.

          Im tschechischen Fußball drohte Katzenjammer

          "Das war mein schwerstes Spiel", sagte der blondzottelige Tscheche in Oslo. "Es gab großen Druck von meiner Familie, den Fans, den Journalisten. Ich bin glücklich, weil ich die Erwartungen des Trainers erfüllt habe." Er erklärte seine Rückkehr vor allem mit der Verbundenheit zu den alten Teamkollegen. Als mit dem Sieg in Finnland vor einem Monat die Play-off-Teilnahme feststand, riefen sie ihn an und baten ihn um Hilfe. Er sagte nicht nein.

          Das Play-off-Hinspiel um einen der letzten WM-Plätze bezeichnete Nedved als „mein schwerstes Spiel”

          Ohne den Glanz eines Nedved drohte im tschechischen Fußball Katzenjammer. Es drückt eine Reihe von Problemen: ein im Ausland kaum wahrgenommener, aber viel größerer Schiedsrichterskandal als der in Deutschland; der stete Exodus der besten Spieler; die Krise des Meisters und früheren Nedved-Klubs Sparta Prag, der sechs der letzten sieben Ligaspiele verlor und sich in der Champions League blamierte; die schwere Knieverletzung des verläßlichsten Torschützen, Jan Koller; vor allem die Furcht, nicht bei der WM dabeizusein. Die größte Gefahr wurde zwar durch den Sieg im Morast von Oslo erst mal abgewendet. Doch ist es nur ein winziger Vorsprung. Und noch ist die Erinnerung daran lebendig, wie man beim letzten Mal gegen ein technisch ähnlich unterlegenes Team aus Belgien durch eine Heimniederlage in Prag die WM-Teilnahme 2002 verpaßte.

          Als wäre er nie fortgewesen

          Tschechien wäre, was überraschend klingt: ein WM-Debütant. Obwohl man seit je eine erste Adresse des Weltfußballs war. WM-Zweiter 1934 und 1962, Europameister 1976 - doch all das als Tschechoslowakei. Seit die Tschechische Republik 1993 selbständig wurde, konnte sich ihre Fußballauswahl nicht für eine Weltmeisterschaft qualifizieren. Und das, obwohl man seit dem gegen Deutschland verlorenen EM-Endspiel 1996 zum Inbegriff des technisch glänzenden, herzerfrischenden Offensivfußballs wurde (und noch mit der B-Auswahl Deutschland aus dem EM-Turnier 2004 warf) und zu einer Art Europameister der Herzen. So haben all die tschechischen Könner, Poborsky und Smicer, Rosicky und Koller, Baros und Cech, noch nie eine WM gespielt. Allen voran auch Nedved nicht. Für ihn wäre es mit fast 34 die letzte Chance.

          Es wäre schwer ertragbar gewesen, hätte die internationale Karriere eines solch begnadeten Spielers auf solche Weise enden müssen: mit der Knieverletzung in der 39. Minute des EM-Halbfinales gegen Griechenland. Sie kostete den bis dahin überragenden Spielmacher und sein Team vermutlich die Finalteilnahme und vielleicht den Titel. Danach erklärte Nedved, die körperliche Zusatzbelastung durch die Länderspiele sei ihm zu groß geworden. Doch 492 Tage nach seinem 83. Länderspiel schien es in seinem 84. Einsatz, als wäre er nie fortgewesen. Nedved wirbelte wie immer durchs Mittelfeld und leitete den Angriff ein, der über Poborsky zum Siegtor durch Smicer führte.

          Der Mann, den sie „Pferd“ nannten

          Sogar Juve-Trainer Fabio Capello, der sich unzufrieden über die Rückkehr seines Verteidigers Lilian Thuram ins französische Nationalteam geäußert hatte, zeigte sich von Nedveds Comeback-Entscheidung angetan. Wobei das nicht ganz uneigennützig sein dürfte. Denn die körperliche Belastung dieser Karrierezugabe und damit das Risiko für den Klub halten sich in engem Rahmen. Vom emotionalen Ertrag aber könnte auch Juventus profitieren. Denn Nedved braucht spielerische Streicheleinheiten. Im Klub ist er nicht mehr ganz die zentrale Figur wie früher, weil die physische Leistung nachläßt. Der Mann, den sie "Pferd" nannten, wegen seiner Zugkraft und Lauffreude, wurde beim 1:3 gegen Milan ausgewechselt, blieb beim 1:2 bei den Bayern blaß, war beim 2:1-Heimsieg gegen Bayern nur Einwechselspieler. Da leidet schnell die sensible Seele des Spielmachers - und blüht wieder auf, wenn er etwas für sein Land tun kann. Auch das verbindet Pavel Nedved mit seinem Bruder im Fußballgeiste, mit Zinedine Zidane.

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