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Showdown in WM-Qualifikation : Italiens Angst vor der nächsten Apokalypse

  • -Aktualisiert am

Roberto Mancini und die italienische Nationalmannschaft wollen zur WM nach Qatar. Bild: AP

Fußball-Europameister Italien mit seinem Trainer Roberto Mancini kämpft um die WM-Teilnahme. Dabei geht es im Spiel nicht nur gegen die Schweiz – sondern auch um die Geister der Vergangenheit.

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          Es gibt spätestens seit Pythagoras Menschen, die an die mystische Bedeutung von Zahlen glauben. Omen spielen dabei keine geringe Rolle. Die abergläubischen Italiener haben insofern die Nachfolge dieser mathematisch-esoterischen Schule angetreten, was unter anderem im Vorfeld des WM-Qualifikationsspiels gegen die Schweiz an diesem Freitag (20.45 Uhr bei DAZN) zu sehen ist.

          Das Spiel wird an einem 12. November, Freitag, ausgetragen. Kein schlechtes Zeichen, befindet die Volksseele, dass die laut der Zeitung Corriere della Sera „Apokalypse“ des italienischen Fußballs sich an einem 13. November zutrug. 2017 scheiterte die Nationalmannschaft an jenem Datum in den Play-offs nach einem 0:0 an Schweden: Italien verpasste erstmals seit 60 Jahren eine Fußball-Weltmeisterschaft. Im zurückliegenden Sommer wurde das Team von Trainer Roberto Mancini Europameister. Die azurblaue Fußball-Welt war so heil wie lange nicht, alle Wunden schienen geheilt. Und plötzlich wird es doch wieder eng. „Alarm Italien“, warnte der Corriere dello Sport.

          Es ist irritierend. „Kann man Europameister sein, ein spektakuläres Spiel darbieten, das zur Marke geworden ist, die FIFA-Rangliste bis auf Platz vier hochklettern, aber noch nicht für die WM qualifiziert sein?“ So fragte sich im Namen aller Tifosi vor Tagen die Zeitung La Repubblica. Italien steht auf Platz eins der Gruppe C, punktgleich mit der Schweiz, und das zwei Spiele vor Ende der Qualifikation. Sollten Mancinis Mannen, was in Italien aus metaphysischen Gründen nicht erwähnt werden darf, im römischen Olympiastadion gegen die Schweiz verlieren, drohen die Play-offs. Und damit das apokalyptische Szenario von 2017.

          Man kann nun, wie es der Nationaltrainer tut, positiv denken. „Spiel des Jahres“ nannte Mancini die dritte Begegnung gegen die Schweiz binnen eines Jahres. Bei der EM setzte sich Italien 3:0 durch. In der WM-Qualifikation im September kam man über ein 0:0 in Basel nicht hinaus. „Wir müssen ruhig bleiben, wir werden ein großes Spiel machen und die notwendigen Tore erzielen“, schwor der 56-Jährige.

          Möglich ist auch, nach den Gründen für diese unerwartete Situation zu suchen. Dabei wird deutlich, dass der werdende Europameister während des Turniers auf einer Welle der Euphorie surfte, die dann gar nicht so abrupt ihr Ende nahm. Bereits während des Turniers setzte sich Italien im Halbfinale sowie im Endspiel erst im Elfmeterschießen und nicht schon nach 90 oder 120 Minuten durch. Es folgten in der WM-Qualifikation zwei weitere Unentschieden gegen Bulgarien (1:1) und die Schweiz (0:0), die die Schwierigkeiten der inzwischen von den Gegnern sehr ernst genommenen Mannschaft offenlegten.

          Dynamik und Spielfluss fehlen

          Seit der Achillessehnen-Verletzung von Außenverteidiger Leonardo Spinazzola im EM-Viertelfinale gegen Belgien gelingt der Mannschaft das Spiel in Überzahl nicht mehr so flüssig wie unter Mitwirkung des 28-Jährigen vom AS Rom. Spinazzola drängte stets an den gegnerischen Strafraum und sorgte für Chaos in der Verteidigung der italienischen Gegner. Sein Vertreter Emerson Palmieri hat nicht dieselbe Dynamik. Im Oktober riss dann Italiens Serie von 37 Spielen ohne Niederlage. Im Halbfinale der Nations League unterlag Mancinis Team Spanien 1:2.

          Die Dauerfrage, auf die vielleicht Pythagoras eine Antwort gehabt hätte, lautet: Wie gelingt Italien die Rückkehr zu seinem geometrischen und unwiderstehlichen Offensivspiel, auch angesichts der Abwehrstärke der Schweiz, die in den vergangenen vier Spielen kein Gegentor hinnehmen musste? Hohes Pressing, Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte, schnelles, präzises Passspiel, lauten die Antworten, die der Nationaltrainer man­traartig wiederholt und das fußballinter­essierte Italien längst auswendig kennt. Allein, es will nicht mehr recht funktionieren.

          La Repubblica prognostizierte deshalb eine „Nervenschlacht“ im mit 52.000 Zuschauern besetzten Stadio Olimpico. Die verletzungsbedingten Ausfälle von Kapitän Giorgio Chiellini, Regisseur Marco Verratti und Stürmer Ciro Immobile tragen nicht zum Selbstvertrauen bei. Obwohl der Ausfall Immobiles auch Potential bietet. Der 31-Jährige hat in dieser Saison bei Lazio Rom schon 15 Treffer erzielt, sein letzter Treffer für die Nationalmannschaft datiert vom Juni, aus dem EM-Spiel gegen die Schweiz. Italien hofft nun also auf seinen nominellen Stellvertreter Andrea Belotti, auf Flügelstürmer Domenico Berardi oder den jungen, 21-jährigen Giacomo Raspadori. Sollte einer der drei den entscheidenden Treffer erzielen, wäre bei den Azzurri alles wieder rosarot. Zur Qualifikation fehlte dann nur noch ein Qualifikations-Punkt am Montag gegen Nordirland in Belfast.

          „Macht es wie wir“, riefen am Donnerstag alte italienische WM-Helden wie Francesco Totti oder Dino Zoff von der Titelseite der Gazzetta dello Sport, wohl wissend, dass ihre Ratschläge nur bedingte Wirkung entfalten würden. Aber eine WM zum zweiten Mal ohne Italien, den aktuellen Europameister? Mehr als apokalyptisch. Roberto Mancini fasste die Lage in ein Diktum zwischen dialektischer Mystik und Karl Valentin: „Wenn wir so spielen, wie wir es können, gewinnen wir, und wenn wir gewinnen, sind wir fast bei der WM.“ Jetzt muss es nur noch gelingen.

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