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WM-Qualifikation : Holland und die Angst vor dem Scheitern

  • -Aktualisiert am

Hoffnungsträger bei Oranje: Quincy Promes traf gegen Weißrussland doppelt. Bild: AP

Die Fußball-EM 2016 verpassten die Niederländer überraschend. Nur ein Ausrutscher? Mancher ist sich da nicht so sicher. Denn die „Elftal“ hat einige Probleme.

          Es wäre schön, hatte Schiedsrichter Björn Kuipers nach der EM in Frankreich so ironisch wie inständig gesagt, wenn 2018 bei der WM in Russland nicht abermals ein Unparteiischer der einzige Niederländer im Turnier wäre. Tatsächlich ist die Angst, nach dem kläglichen Scheitern bei der EM-Qualifikation nun auch auf dem Weg zur WM zu scheitern, beim niederländischen Verband ungebrochen groß.

          Zwar teilt sich die Elftal vor dem Aufeinandertreffen mit Frankreich in Amsterdam den ersten Platz im zur „Hammergruppe“ ausgerufenen Topf A, doch der Eindruck zweier Gegner auf Augenhöhe täuscht. Selbst das 4:1 über Weißrussland am Freitag brachte vor der Partie der beiden Gruppenfavoriten an diesem Montag (20.45 Uhr / Live bei Sky und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) keine allzu große Erleichterung, denn auch die Franzosen kamen über Bulgarien beeindruckend stark zum selben Resultat.

          „Wir spielen oft zu leichtsinnig, machen zu viele Fehler. Das können wir uns nicht mehr leisten“, sagte Danny Blind vorab. Der Bondscoach weiß genau, dass es in einer Gruppe mit Frankreich und Schweden in dieser Qualifikationsrunde noch schwerer werden dürfte als vor der EM gegen Tschechien, Island und die Türkei. Seit er die Mannschaft von Guus Hiddink übernahm, versucht Blind daher, alte Tugenden wiederzubeleben. Mit mäßigem Erfolg, denn ihm fehlen die passenden Spieler. Das ehemals so rasante Angriffsspiel ist schwerfällig geworden. Vorbei ist die Zeit, da holländische Trainer weltweit begehrt waren und Ajax Amsterdam Maßstäbe in der Jugendarbeit setzte.

          Das einzusehen fällt den Niederländern aber immer noch schwer. Zu lange hat das kleine Land verharrt – bis der taktische Vorsprung des niederländischen Fußballs in Europa schließlich verspielt war. Die zwischenzeitliche Abkehr von diesem Dogma hin zum Ergebnisfußball brachte nur Teilerfolge. Unter Bert van Marwijk und Louis van Gaal kam Holland bei den letzten beiden Weltmeisterschaften zwar mit einem pragmatisch defensiven Ansatz jeweils unter die letzten vier, spielte aber alles andere als elegant, sondern bisweilen zerstörerisch und aggressiv.

          Es folgten der Kollaps und die Erkenntnis, dass das einst so revolutionäre System „Totaalvoetbal“, das 1988 bei der EM den einzigen internationalen Titel brachte, überholt ist. Es verstarb endgültig mit dem Tod seines Spiritus Rectors Johan Cruyff im vergangenen März. Die Spieler, die es dafür braucht, wachsen in den nationalen Leistungszentren nicht mehr nach.

          Stürmer Quincy Promes, der beim Sieg über Weißrussland seine ersten beiden Länderspieltore erzielte, und Manchester Uniteds Memphis Depay sind da nur Hoffnungsschimmer. Noch immer verlässt sich die Elftal zu sehr auf ihre Altvorderen. Gegen Frankreich aber werden weder der 32 Jahre alte Arjen Robben noch der ein Jahr jüngere Wesley Sneijder auflaufen können. Und schon grübelt das Land, ob Blind das Zeug zum Kurswechsel hat. „Wir haben den Trend verschlafen“, fasst Ruud Gullit, seinerzeit Kapitän der Europameisterelf, die prekäre Lage zusammen. So ganz verstanden haben sie in Holland nämlich immer noch nicht, warum sie in diesem Sommer zu Hause bleiben mussten, während in Frankreich Europas größtes Fußballfest stattfand.

          Kein leichtes Amt: Bondscoach Danny Blind will die Niederländer zur WM führen.

          Damit es nicht wieder so kommt, basteln sie beim „Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond“ fieberhaft an Lösungsansätzen. Externe Experten wurden geladen und befragt, von Arsène Wenger bis zu Arrigo Sacchi. Heraus kam der Masterplan „Holländische Schule 2.0“, doch der Neuanfang stockt. Verbandsdirektor Bert van Oostveen baut bereits vor: „Das Resultat erwarten wir frühestens in zehn Jahren. Einen neuen Robin van Persie kreiert man nicht in sechs Monaten. Sollten wir an der Qualifikation scheitern, sind wir bereit, das zu akzeptieren.“

          Diese Ansicht dürfte der scheidende Oostveen im Land exklusiv haben, und das akute Durcheinander im KNVB, wo sich jeder mit jedem überwarf, macht die Situation nicht einfacher. Erst traten mit Dick Advocaat und Marco van Basten die beiden prominenten Assistenztrainer Blinds zurück, dann kündigte auch van Oostveen seinen Rücktritt an.

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          Im Vergleich wirken die Probleme des Gegners in der Amsterdam Arena ziemlich klein. Sicher, Paul Pogba – seit seinem Wechsel zu Manchester United teuerster Spieler der Welt – wird dem Anspruch, den dieses Etikett mit sich bringt, bislang wenig gerecht. Sorgen macht sich deswegen Nationaltrainer Didier Deschamps keine. Offensiven Ersatz hat er schließlich reichlich. Kevin Gameiro, bei der EM nicht berücksichtigt, traf beim 4:1 über Bulgarien zweimal.

          Antoine Griezmann, sein Vereinskollege bei Atlético Madrid, Kandidat für eine Nominierung zum Weltfußballer, erzielte wie Frankreichs anderer EM-Liebling Dimitri Payet einen weiteren Treffer. „Ich spüre keinen großen Druck. Wir sind im Soll“, sagt Deschamps. Der Baske hat die letzte Partie gegen die „Elftal“ noch in bester Erinnerung. Ebenfalls in Amsterdam war der EM-Finalist im Frühjahr beim 3:2 deutlich überlegen gewesen.

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