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Julian Weigl beim Nationalteam : „Man muss vorsichtig sein in diesem Geschäft“

Ein ganz besonderer Moment für Julian Weigl, als er im Abschiedsspiel von Bastian Schweinsteiger für ihn eingewechselt wurde. Bild: Picture-Alliance

Julian Weigl wird als Mittelfeldstratege beim BVB geschätzt. Er hat klare Vorstellungen über seinen Weg im Nationalteam und für das WM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien.

          5 Min.

          Ist Ihnen und Borussia Dortmund der Bundesliga-Fußball zu hart?

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wie kommen Sie denn darauf? Rückschläge wie in Leverkusen wird es immer mal geben. Wir sind ein ganz junges und auch neu zusammengestelltes Team.

          Die Frage zielte auf die Klage Ihres Trainers Thomas Tuchel, der zahlreiche Fouls von Leverkusen, aber auch von Mainz und Freiburg beklagte.

          Das ist mir nicht verborgen geblieben. Es stimmt ja auch, dass wir oft gefoult werden. Dazu kommt aber, dass unser Spiel Fouls der Gegner einfach mit sich bringt, weil wir häufig in Ballbesitz sind und die Gegner uns stoppen wollen. Gegen mich hat es bisher noch keine schlimmen Fouls gegeben.

          Wie gehen Sie denn mit einer aggressiven Spielweise um, die ja bei den BVB-Niederlagen in Leverkusen und Leipzig vor allem darauf zielte, Sie als Ballverteiler zu attackieren und an der Entfaltung des Dortmunder Spiels zu hindern?

          Für mich drückt sich darin auch Anerkennung aus, wenn mich die Gegner zustellen wollen. Das war auch beim 2:2 gegen Real Madrid so. Für mich ist es wichtig, mich trotzdem nicht aus meinem Spiel bringen zu lassen. Ich hatte auch in diesen drei Partien viele Ballkontakte und habe versucht, unser Spiel zu lenken. Ich muss mich frei davon machen, ob ich zugestellt werde oder nicht. Es gibt dann immer noch Räume, in denen ich präsent sein kann. Ganz egal, wie der Gegner verteidigt: Ich muss mich durchsetzen mit meinem Spiel.

          Wie wollen Sie sich diesem Druck künftig besser entziehen?

          Der Druck liegt nicht nur auf mir. Auch wenn ich zugestellt werde, gibt es Lösungen nach vorne. Das müssen wir als Mannschaft auffangen. Wir haben aggressive Außenspieler in Dortmund, die durch Dribblings Räume reißen können. Natürlich will ich dem Spiel auch unter diesen Umständen meinen Stempel aufdrücken. Wir haben schon in vielen Ballbesitzphasen gezeigt, dass meine Pässe ganz wichtig sind. Und diese Pässe versuche ich weiterhin zu spielen.

          Julian Weigl wurde bei der EM in Frankreich zwar nicht eingewechselt, lernte aber viel dazu. Bilderstrecke

          An welcher Spielweise, an welchem Spielertyp orientieren Sie sich?

          Früher hatte ich einige Spieler auf meiner Position im Blick: Bastian Schweinsteiger, Ilkay Gündogan, Toni Kroos, Xavi. Mein Spielertyp hat sich in Dortmund aber ein wenig geändert. Bei 1860 München habe ich manchmal auf der Achter-Position ein Stück weiter vorne gespielt. Seitdem ich in Dortmund in diesem System spiele, ist Sergio Busquets mein Vorbild. Barcelona spielt ein ähnliches System, und Busquets hat darin eine zentrale Rolle. Zudem hat er eine ähnliche Statur. Er ist immer in den richtigen Räumen unterwegs, hat immer viele Ballkontakte und kurbelt das Spiel so an, wie ich das gerne beim BVB machen würde.

          Im Sommer waren Sie bei der EM, haben aber keine Minute gespielt. Hat Ihnen die EM wirklich etwas gebracht?

          Ganz klar: Ja. Wie so ein Turnier abläuft, wie sich der Team-Spirit entwickelt, wie andere große Nationen sich vorbereiten und präsentieren – da konnte ich sehr viel lernen. Auch von unseren großen Spielern in der Mannschaft, nicht zuletzt von Bastian Schweinsteiger. Wir sind schon beim Trainingslager in Ascona ins Gespräch gekommen, zudem stammen wir ja aus derselben Gegend. Über das Turnier hinweg hat sich zwischen uns eine echte Sympathie entwickelt, wir liegen auf einer Wellenlänge. Auch bei seinem Abschiedsspiel haben wir viel miteinander gesprochen, und er hat mir angeboten, dass ich ihm immer schreiben könne, wenn ich mal Rat brauche. Wir schreiben uns jetzt regelmäßig, das ist für mich eine tolle Sache. Und dass ich bei seinem Abschiedsspiel auch noch für ihn eingewechselt wurde, war etwas sehr Besonderes. Das war ja ein sehr emotionaler Abend – wann sieht man schon mal einen gestandenen Mann so weinen?

          Bei der EM waren Sie gar nicht ungeduldig, weil Sie nicht zum Einsatz kamen?

          Ich kenne das Geschäft jetzt auch schon ein bisschen. Für mich ist es jetzt völlig okay, dass ich in der Nationalmannschaft noch nicht die erste Geige spiele. Vor eineinhalb Jahren habe ich noch in der zweiten Liga gespielt. Aber klar ist auch, dass man als Fußballer immer spielen will. Wenn man sich jedoch die Konkurrenz im zentralen Mittelfeld anschaut, dann war es doch auch verständlich, dass ich in Frankreich auf der Bank saß.

          Öffentlich seine Chance einzufordern ist im Profifußball nahezu undenkbar. Wie gehen Sie mit den Drang um, den Sie privat ja kennen, Ihre Ungeduld auch mal im Profifußball auszuleben – oder auch mit dem Wunsch, mal richtig aus sich herauszugehen, Grenzen zu testen oder gar zu überschreiten, was in diesem Alter auch ganz normal wäre?

          In Dortmund musste ich gar nicht ungeduldig sein. Da ging alles sehr schnell. Und bei der Nationalmannschaft ist es wirklich in Ordnung, wie es ist. Ich werde hier, genau wie Sie gesagt haben, keine Ansprüche stellen. Es ist ein Privileg, überhaupt dabei zu sein. Und der Bundestrainer gibt mir Feedback, wie er meine Entwicklung sieht. Solange das positiv ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich mehr Einsatzzeiten bekomme.

          Wie sehen Sie und der Bundestrainer denn Ihren Weg bis zur WM 2018 – gibt es da große Unterschiede?

          Wir haben keine konkreten Ziele festgelegt. Dass ich Champions League spielen kann, ist der nächste Schritt. Der Blick geht von Woche zu Woche, von Lehrgang zu Lehrgang. Wir schauen nicht, ob ich 2018 Stamm- oder Einwechselspieler sein werde. Es wird kommen, wie es kommt. Die Bundesliga ist meine Plattform.

          Der Bundestrainer will die Nationalelf ausdrücklich verjüngen. Was erwarten Sie sich für die Qualifikationsspiele am Samstag gegen Tschechien und am Dienstag gegen Nordirland?

          Ich will dem Bundestrainer zeigen, dass er sich auf mich verlassen kann. Dass ich bereit bin. Dass er kein Risiko eingeht, wenn er mich spielen lässt. Dass er von mir das Spiel bekommt, das ich in Dortmund spiele. In den Trainingseinheiten versuche ich, mich bestmöglich zu präsentieren. Ich hoffe, dass ich eingewechselt werde. Es sind ja zwei wichtige Spiele, und da ist klar, dass die beste Mannschaft auf dem Platz stehen wird.

          Was können Sie der Mannschaft konkret geben?

          Es ist schwierig, wenn man das selbst sagen soll.

          Das ist Ihnen unangenehm?

          Ein Stück weit schon. Es geht am Ende aber um die Dinge, weswegen ich hierhergekommen bin: meine Passsicherheit, mein Spielverständnis, meine Übersicht, meine defensive Qualität auf der zentralen Mittelfeldposition. Das würde ich alles gerne zeigen, wenn ich die Chance dazu bekomme.

          Sie gehören zu einer Generation, die schon als Kind auf eine Karriere im Profifußball vorbereitet wurde. Ab wann ist Ihnen das Denken, dass immer das Team im Mittelpunkt zu stehen habe und man sich zurücknehmen müsse, in Fleisch und Blut übergegangen?

          Dafür wird man vom ersten Tag an sensibilisiert. Sobald man zu einem Nachwuchsleistungszentrum wechselt, fängt das an. Dort werden einem sofort die Attribute aufgezeigt, die einem zeigen, dass man nur als Team Erfolg hat und nicht allein. Je höher man kommt, desto mehr merkt man das auch als Spieler auf dem Platz. Nur wenn deine Mitspieler gut mit dir spielen, kann man selbst glänzen. Auf meiner Position in der Zentrale ist es enorm wichtig, wirklich gut angespielt zu werden. Ich habe ja auch in der zweiten Liga Erfahrungen gesammelt, wo viel über den Kampf geht und der Spielaufbau nicht so läuft wie jetzt beim BVB. Aber auch da musste ich mich dem Team unterordnen und den Kampf annehmen. In Dortmund und bei der Nationalelf ist es besser für mich – mit stärkeren Mitspielern kann man selbst mehr glänzen.

          Bei München 1860 waren Sie mit 18 Jahren der jüngste Spielführer in der Geschichte des Klubs. Und dann kamen Sie in einer Nacht spät nach Hause – und waren zur Strafe nicht mehr Kapitän. Kaum zu glauben. . .

          Ja, aber so war es. Nach dieser Nacht wurde ich als Kapitän abgesetzt. Daraus habe ich viel gelernt. Ich habe jetzt einen besseren Blick auf dieses Business. Mit 18 Jahren Zweitliga-Kapitän zu sein in einem Verein wie 1860 München, in dem es teilweise drunter und drüber ging, und wo ich mich dann vor die Kameras stellen und für die Mannschaft sprechen musste – das waren Dinge, die ich zu lernen hatte. Im Nachhinein denke ich jetzt, dass es sicher nicht das Beste war, einen so jungen Spieler diesem Druck auszusetzen. Damals habe ich natürlich nicht nein gesagt zu so einer Chance. Die Löwen waren ja mein Heimatverein, dafür hat mein Herz geschlagen. Und dann habe ich einen Fehler gemacht, den mal als junger Spieler halt mal macht.

          Sie werden es wohl kaum als fair und gerecht empfunden haben, wie damals mit Ihnen umgegangen wurde?

          Ich bin der Meinung, dass man das anders hätte regeln müssen. Intern. Aber damals lief viel über die Öffentlichkeit, das war nicht sauber.

          Welche Erfahrung haben Sie daraus gezogen?

          Ich habe gelernt, dass man vorsichtig sein muss in diesem harten Geschäft. Nicht jeder will dir etwas Gutes. Danach war ich fünf Wochen lang in München außen vor, obwohl ich im Training immer alles gegeben hatte. Aber der Trainer hatte mich abgehakt. Als der Kotrainer den Job übernahm, wurde ich für meinen Einsatz im Training nachträglich doch belohnt. Ich habe gelernt, dass am Ende, wenn man immer Gas gibt, die Qualität belohnt wird. Vom unumstrittenen Stammspieler und Kapitän zu einem Spieler, der wochenlang nicht zum Kader gehört hat - daran bin ich gereift. Ich weiß, dass ich diszipliniert sein muss, weil in dem Geschäft alles ganz schnell gehen kann. Nach oben wie nach unten. Mir ist jetzt vollkommen klar: Man darf sich einfach nichts erlauben.

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