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WM-Qualifikation : Das Elfmeter-Drama bringt Italien in Not

Jorginhos alte Sicherheit beim Elfmeter ist weg, Italien leidet mit ihm. Bild: Reuters

Im Sommer wurden die Italiener Europameister. Nun droht, wie vor dem Turnier 2018, das Scheitern in der WM-Qualifikation. Im Duell mit der Schweiz geht es am Ende drunter – und vor allem drüber.

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          Der Kapitän wusste sofort, was zu tun ist. Und so lief Leonardo Bonucci zu Jorginho, richtete ihn auf und zog ihn zu sich. Er tat das einerseits, um zu zeigen, dass er in diesem schweren Moment da ist, um Trost zu spenden, andererseits war das Spiel ja noch gar nicht vorbei. Da blieb keine Zeit für lange Trauer. Italiens Nationalspieler Jorginho hatte soeben den Ball vom Elfmeterpunkt über das Schweizer Tor von Yann Sommer gejagt und schaute entgeistert auf den Boden, als wäre dort die Schuld für den Fehlschuss zu suchen. Es stand 1:1. Ein Treffer in der 90. Minute wäre der fast sichere Sieg gewesen.

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          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Und nicht nur das. Mit drei Punkten im Duell mit dem ärgsten Rivalen in der WM-Qualifikation hätten die Italiener das Ticket für die Endrunde so gut wie in der Tasche gehabt. Nun aber gehen Italien und die Schweiz punktgleich in den letzten Spieltag. Der Europameister tritt am Montag (20.45 Uhr bei DAZN) in Nordirland an, die Eidgenossen empfangen Bulgarien zur gleichen Zeit. Sind beide auch danach noch punktgleich, entscheidet das Torverhältnis. Hier ist Italien mit einer Differenz von elf derzeit um zwei Treffer besser als die Schweiz.

          Beim Showdown um Platz eins in der Gruppe C ist es sogar möglich, dass am Ende beide Teams punkt- und torgleich sind, etwa, wenn Italien 1:0 und die Schweiz 3:0 siegt. Dann entschiede der direkte Vergleich. Der spricht für die Schweiz. Auf das 0:0 im September in Basel folgte nun das 1:1 in Rom. Das Auswärtstor von Silvan Widmer von Mainz 05 am Freitagabend in der elften Spielminute durch einen satten Schuss aus dem Rückraum würde den Schweizern den entscheidenden Vorteil bringen. Giovanni Di Lorenzo glich mit einem Kopfballtreffer aus kurzer Distanz nach einem Freistoß aus (26.).

          Jorginho schießt über das Tor

          In einem danach taktisch geprägten Spiel kam die turbulente Schlussphase. Nach einem Stoß des eingewechselten früheren Bremers und Nürnbergers Ulisses Garcia an Domenico Berardi entschied der englische Schiedsrichter Anthony Taylor auf Hinweis seines Videoassistenten auf Strafstoß. Doch Jorginho verschoss. Schon im Hinspiel in der Schweiz hatte der gebürtige Brasilianer einen Elfmeter vergeben. Seinerzeit hielt der Gladbacher Sommer den Versuch. Nun musste der Schlussmann gar nicht groß eingreifen. Jorginho jagte den Ball hoch Richtung Fankurve im Olympiastadion von Rom.

          Und das Drama war noch nicht vorbei. Nach einem Leichtsinnsfehler von Gianluigi Donnarumma auf der anderen Seite sprang der Ball vom Torwart zum eingewechselten Andi Avdi Zeqiri (90.+3). Doch der Augsburger Stürmer war zu überrascht, löffelte nur unter den Ball und brachte ihn aus wenigen Metern nicht im Tor der Italiener unter. So hatten die Europameister letztlich Glück im Unglück. Sollten am Montag die Schweizer noch vorbeiziehen, muss Italien in die Playoffs. Und mit denen haben sie keine guten Erfahrungen gemacht. Die Endrunde 2018 in Russland verpasste die Squadra Azzurra eben dort.

          Fehlschuss in der 90. Minute: Jorginho trifft das Tor von Yann Sommer nicht.
          Fehlschuss in der 90. Minute: Jorginho trifft das Tor von Yann Sommer nicht. : Bild: Reuters

          Auf ein 0:1 in Schweden folgte damals nur ein torloses Remis in Mailand. Die Weltmeisterschaft fand ohne den vierfachen Champion statt. Es war eine Blamage. Und es waren andere Zeiten. Legendär ist die Szene aus dem Rückspiel, als der defensive Mittelfeldspieler Daniele De Rossi von einem Betreuer zum Aufwärmen geschickt werden sollte, der sich aber weigerte und auf Offensivkraft Lorenzo Insigne zeigte, weil er die Idee des überforderten Trainers Gian Piero Ventura für komplett daneben hielt. Schließlich brauchte Italien ein Tor. Und da sei ein Angreifer doch wohl besser geeignet als er.

          Ventura ist längst Geschichte. Vor drei Jahren übernahm Roberto Mancini und führte das Team in dieser Zeit auf den europäischen Thron. Die Fußballwelt bewunderte die Italiener im Sommer für ihren Spielstil und die Hingabe, die in jeder Minute zu spüren war. Doch nun wartet auf Mancini das große Nervenspiel auf dem Weg nach Qatar. Wieder eine Weltmeisterschaft zu verpassen würde selbst dem Erfolgscoach einen kräftigen Kratzer in der Vita bescheren. Kapitän Bonucci beruhigte alle: „Jetzt fahren wir als Mannschaft, als Gruppe, als Familie nach Belfast und holen uns die WM.“

          Jorginho aber wird noch etwas an seinem Fehlschuss zu knabbern haben. Er galt als sicherer Schütze. Bei Neapel vergab er 2017 einen Strafstoß, doch von September 2020 an hakte es immer mal wieder. Für seinen aktuellen Klub Chelsea vergab er drei Strafstöße. Bei der EM verwandelte er im Halbfinale entscheidend gegen Spanien, verschoss allerdings im Endspiel gegen England. Das war nicht schlimm, Italien holte den Titel. Doch die Sicherheit ist weg. Nach der EM scheiterte Europas Fußballspieler des Jahres nun zwei Mal gegen die Schweiz. „Er war unser Schütze und fühlte sich gut“, sagte Mancini.

          Das könnte sich ändern. Der Commissario tecnico überlegt, einem anderen Spieler das Mandat zu erteilen: „Er tut sich gerade etwas schwer. Ich rede mit ihm, mal sehen, was er denkt. Vermutlich würden wir wechseln, sollten wir nochmal einen Elfmeter bekommen“, sagte Mancini am Freitag, nahm Jorginho aber in Schutz: „Er ist ein maßgeblicher Spieler für uns.“ Dass er in der Situation überhaupt antrat, sei ihm hoch anzurechnen. „Er hat es sich zugetraut, dafür braucht es Mumm.“ Auch die Kollegen halfen verbal: „Jorginho ist ein großer Champion“, sagte Torschütze Di Lorenzo. Ob Italien auch ein großer Champion ist, zeigt sich am Montag.

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