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WM-Gastgeber Südafrika : Eine Nation auf gewagter Kletterpartie

Niedriger Lohn, hohe Arbeitslosigkeit: Die WM soll Südafrika voranbringen Bild: dpa

Wo die Deutschen kicken: Durban, Port Elizabeth, Johannesburg - die Fußball-WM-Stadien erzählen auch Geschichten über Südafrikas Hoffnungen und Probleme. Wird die Weltmeisterschaft dennoch das erhoffte Wintermärchen?

          5 Min.

          Durban, Moses-Mabhida-Stadion - kein schlechter Ort, um anzufangen. Am 13. Juni wird die deutsche Nationalmannschaft hier ihr erstes Spiel bei der Weltmeisterschaft bestreiten, gegen Australien. Auftakt einer Afrikareise, die bis zum Finale am 11. Juli in Johannesburg gehen soll. Vor allem aber lässt sich hier, an der südafrikanischen Ostküste, der vielleicht beste Eindruck gewinnen, was dieses Turnier für das Gastgeberland und seine Menschen bedeutet.

          550 Stufen muss der Besucher erklimmen, wenn er sich auf den „Adventure Walk“ wagt: eine Kletterpartie auf den gewaltigen Stahlbogen, der das gesamte Stadion überspannt. Mit einer Gurtkonstruktion, die den Oberkörper umschließt, und angeklinkt an ein Führungsseil, ist es ein mühsamer Aufstieg bis zur Aussichtsplattform in 106 Meter Höhe. Aber es lohnt sich. Von dort, praktisch über dem Anstoßpunkt schwebend, sieht man alles - und irgendwie auch nichts.

          36 Milliarden Euro wurden investiert

          Natürlich, da ist die wunderbare Lage, nur einen Steinwurf vom Meer entfernt, das Stadtzentrum von Durban mit seinen Hochhäusern, die besseren Vororte in sonniger Hanglage mit viel Grün. Da ist auch die Uferpromenade, derzeit noch eine einzige Baustelle, die im Sommer aber als „Golden Mile“ erstrahlen soll. Und da ist auch das Stadion selbst: ein spektakulärer Bau mit einer filigranen Außenhaut und einer kühnen Dachkonstruktion. Es klingt nicht übertrieben, wenn Danny Jordaan, der Chef des WM-Organisationskomitees, von „einem der drei besten Stadien der Welt“ schwärmt.

          Vorfreude auf die WM: Fußbälle und Vuvuzelas

          All die Anstrengungen, die die Südafrikaner unternehmen, um der Welt ein großartiger Gastgeber zu sein, lassen sich von hier oben erahnen. Rund 36 Milliarden Euro sind in den letzten Jahren insgesamt investiert worden, ein Gutteil davon in Verkehrs- und Telekommunikationsinfrastruktur; von einem „Quantensprung“ für das Schwellenland spricht der deutsche Botschafter, Dieter W. Haller. Allein das Moses-Mabhida-Stadion, heißt es, habe fast vier Milliarden Rand (rund 385 Millionen Euro) gekostet; es ist ausschließlich aus Steuergeldern finanziert und nach einem ANC-Helden benannt.

          40 Prozent Arbeitslosigkeit

          Im Innern der Arena sieht es aus wie eine Mischung aus Regierungsbau und Nationalmuseum: überall Symbolik und Repräsentation. Der große Bogen ist das mächtigste Symbol dessen, was diese WM für Südafrika leisten soll. Er ist die gebaute Version der südafrikanischen Flagge, genauer: ihres horizontalen „Y“, das für das Verschmelzen und Zusammenwachsen nach dem Ende der Apartheid vor 20 Jahren stehen soll. „Nation building“ - das ist, neben den ökonomischen, eines der wichtigsten Ziele, die die Südafrikaner mit ihrer WM verbinden. Eine Fortschreibung der Geschichte, wie sie zurzeit im Kinofilm „Invictus“ von Clint Eastwood über die Rugby-WM 1995 zu erleben ist: als Versöhnung von Schwarz und Weiß nach den brutalen Konflikten der Vergangenheit. Die Fußball-WM als südafrikanisches Wintermärchen.

          Was man jedoch nicht sieht von hier oben, während der warme Wind vom Indischen Ozean den Schweiß des Aufstiegs trocknet, sind die Probleme, mit denen das Land zu kämpfen hat. Die Kriminalität, die sich nicht nur in abstrakten Statistiken äußert, sondern in der ganz konkreten Anweisung, die Strandpromenade nach Einbruch der Dunkelheit möglichst nicht mehr zu betreten. Oder die Armut, die man in den riesigen Townships weiter außerhalb zu sehen bekäme. Die Begeisterung über die Befreiung vom Rassendenken ist in Teilen der Bevölkerung der bitteren Erkenntnis gewichen, dass sich nicht nur mit Hautfarbe, sondern auch mit Geld Klassengrenzen errichten lassen. Der Durchschnittslohn ist niedrig, die Arbeitslosigkeit hoch - geschätzt werden 40 Prozent. Und wie die Armen und Ärmsten reagieren, wenn die WM nicht den erhofften Effekt auf Wirtschaft, Beschäftigung und Löhne hat, ist eine heikle Frage.

          Für Jordaan ist alles unter Kontrolle

          Port Elizabeth, wo die deutsche Mannschaft ihr zweites Gruppenspiel gegen Serbien bestreitet, gilt den Südafrikanern als die „freundliche Stadt“. Obwohl es die viertgrößte des Landes ist und VW hier, an der Südküste, sein größtes Werk in Afrika hat, geht es weit beschaulicher zu als in den Metropolen Kapstadt oder Johannesburg. Port Elizabeth ist auch die Heimatstadt von Danny Jordaan. Der 58 Jahre alte ANC-Mann ist nicht nur der Cheforganisator der WM, sondern gewissermaßen auch ihr Außenminister und erster Verkäufer. Er schlafe wenig in diesen Tagen, sagt Jordaan, „aber friedlich“. Was heißen soll: All die Schlagzeilen über die Probleme Südafrikas bereiten ihm keinen Kummer.

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