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WM-Auslosung für 2010 : Durban ist keine Fußballstadt

  • -Aktualisiert am

Stadionbau in Durban: Streiks bedrohen den Baufortschritt Bild: dpa

Durban hat ein Imageproblem: Das kriminelle und vibrierende Johannesburg kann sich der Hassliebe seiner Einwohner sicher sein, Kapstadt ergeht sich im Zelebrieren des eigenen Snobismus, aber was macht eigentlich Durban aus? Am Wochenende werden hier die WM-Qualifikationsgruppen ausgelost.

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          „Durban? Das ist was für den Urlaub!“ Solche und ähnliche Sprüche hört man immer wieder, wenn von der drittgrößten Stadt Südafrikas die Rede ist. Und tatsächlich: Wenn sich Südafrika zu Weihnachten in den Jahresurlaub aufmacht, mutieren die Strände der knapp vier Millionen Einwohner zählenden Metropole am Indischen Ozean zu handtuchfein abgegrenzten Regionen für Sonnenanbeter. Die anderen elf Monate des Jahres aber lässt Durban den Rest des Landes kalt, was zu der grotesken Situation führt, dass Durbaner, die es etwa nach Johannesburg verschlagen hat, stets glauben, sich entschuldigen zu müssen für ihre Geburtsstadt.

          Durban, wo am Wochenende die Qualifikationsauslosung für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 stattfinden wird, hat ein Imageproblem: Das kriminelle und vibrierende Johannesburg kann sich der Hassliebe seiner Einwohner sicher sein, Kapstadt ergeht sich im Zelebrieren des eigenen Snobismus, doch was macht eigentlich Durban aus?

          Die Innenstadt wirkt etwas verschimmelt

          Dabei hat „Durbs“ weit mehr zu bieten als 300 Sonnentage im Jahr und durchgängig angenehme Wassertemperaturen, wobei sich nur Hasenfüße von den großen Haien vor der Küste schrecken lassen. Zwar kommt die Innenstadt wie alle Stadtzentren im Land ein wenig verschimmelt daher und wird spätestens bei Einbruch der Dunkelheit zur Kampfzone. Gleichwohl ist Durban die einzige südafrikanische Großstadt mit einem echten multikulturellen Flair. Das Bild von der Bikinischönheit in trauter Zweisamkeit mit der verhüllten Muslima ist zwar auch in Durban ein Klischee, gleichwohl kommt die Wirklichkeit der Stadt diesem Bild nahe.

          Das wiederum hängt mit der Geschichte des Zuckerrohranbaus in der Provinz KwaZulu-Natal und der steten Migration von billigen Arbeitskräften aus Indien und Indonesien zusammen. Heute stellen die Nachfahren der Zuckerrohrschneider die wirtschaftliche Elite der Stadt, und über weite Strecken gleicht zumindest die Innenstadt Durbans tatsächlich einer indischen Stadt – allerdings ohne den Dreck.

          Der größte Hafen Schwarzafrikas

          Die große Zahl der indisch- und indonesischstämmigen Südafrikaner in Durban ist nicht ohne Auswirkung auf die Popularität von Sportarten geblieben. Fußball ist schlicht kein Thema, auch wenn der Weltverband (Fifa) darauf hinweist, dass die erste Fußballliga des Landes 1882 in Durban gegründet wurde. Damals durften weder Inder noch Schwarze mitreden. Das hat sich zum Glück geändert, und wenn in diesen Tagen ein Sportereignis Stadtgespräch ist, dann bestimmt nicht die Auslosung der WM-Teilnehmer, sondern der Aufstieg der südafrikanischen Kricketnationalmannschaft auf Platz drei der Weltrangliste.

          Vor diesem Hintergrund fällt es nicht weiter ins Gewicht, dass die beiden Fußball-Erstligaklubs der Stadt, Amazulu und Golden Arrows, einem vorzeigbaren Erfolg weiter hinterherlaufen. Auch wirtschaftlich muss sich Durban schon lange nicht mehr hinter den beiden Rivalen „Joburg“ und Kapstadt verstecken. Der Hafen der Stadt ist der größte Schwarzafrikas, und seit Indien und China Afrika als Handelspartner entdeckt haben, erlebt Durban ein schnelles Wachstum.

          „Der Stier mit einem Hoden“

          Zwar galt es lange Zeit als ausgemacht, dass die Regierung in Pretoria Durban schon deshalb keine besondere Aufmerksamkeit schenkt, weil die Bevölkerungsmehrheit in KwaZulu-Natal zur Ethnie der Zulu gehört, wohingegen die Regierung überwiegend aus Angehörigen der Xhosa besteht und sich die entsprechenden politischen Gruppierungen – ANC für die Xhosa, die Regionalpartei Inkhata für die Zulu – noch in den neunziger Jahren blutige Schlachten lieferten. Doch auch das scheint Geschichte, seit der ANC die Mehrheit bei den Wahlen für die Provinzregierung gewinnen konnte. Seither fließt viel Geld in die Stadt, das vor allem in den Ausbau der Infrastruktur investiert wird.

          Politisch machte Durban in jüngster Zeit vor allem durch die Posse um die Namensänderung von Plätzen, Straßen und Städten von sich reden. Das ist zwar überall im Land ein heißes Thema, weil die schwarzen Südafrikaner es langsam leid sind, durch Pieter-Botha-Avenues zu fahren, um auf einem Vortrekker-Platz zu landen. Durban, benannt nach einem britischen General und versehen mit einer Stadthalle, die der in Belfast nachempfunden ist, macht da keine Ausnahme. Der Vorschlag des regierenden ANC aber, die Stadt nach der Bezeichnung für den Großraum Durban, nämlich „eThekwini“, zu benennen, sorgte für ein wenig Heiterkeit in dieser häufig verbissen geführten Diskussion. „eThekwini“ heißt auf Zulu: Der Stier mit einem Hoden.

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