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Debatte um WM-Vergabe 2022 : Brisante Vorwürfe gegen Fifa und Qatar

  • Aktualisiert am

Am 2. Dezember 2010 bekam Qatar die WM – seitdem wird diskutiert und ermittelt Bild: AFP

Informantinnen des Korruptionsermittlers Michael Garcia liefern viele Beweise für das Fehlverhalten der Qatarer. Nun geben sie brisante Einblicke und sprechen über mangelnden Schutz der Fifa und Drohungen aus Qatar.

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          Zwei Informantinnen des Korruptionsermittlers Michael Garcia, der für die Ethikkommission des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) die WM-Vergabe 2018 und 2022 an Russland und Qatar untersucht hat, haben scharfe Vorwürfe gegen den Ethikkomissionsrichter Hans-Joachim Eckert erhoben. Phaedra Almajid, eine der ersten Mitarbeiterinnen in Qatars Bewerbungskomitee und wichtige Informantin von Fifa-Chefermittler Garcia, sagte der englischen Zeitung „Mail on Sunday“, aus Angst um ihre Kinder habe sie belastende Aussagen über Mitglieder der Fifa-Exekutive per eidesstattlicher Versicherung wieder zurückgezogen.

          Die ehemalige Funktionärin habe Garcia zahlreiche Beweise über grobes Fehlverhalten der Qatarer geliefert, so die Zeitung. Zusammen mit Bonita Mersiades, die für öffentliche Angelegenheiten der australischen Kandidatur für die WM 2022 zuständig war und Garcia ebenfalls wichtige Informationen zukommen ließ, wurde sie jetzt ins Parlament in London eingeladen und soll dort vor einem Komitee im Unterhaus aussagen.

          Almajid gab einen Einblick in die brisante Affäre. Sie sei unter Druck gesetzt worden, ihre Aussagen zu widerrufen. „Wenn es um die Fifa geht, muss man darauf vorbereitet sein, gekreuzigt zu werden, nicht einmal oder zweimal, sondern wieder und immer wieder“, sagte sie der „Mail on Sunday“. Man müsse darauf vorbereitet sein, „niemandem vertrauen zu können“ und „von denen betrogen zu werden, die dir versprochen haben, dich zu beschützen“. Almajid wurde nach eigener Darstellung von den Qatarern wegen gebrochener Schweigepflicht, die sie als Angestellte der Bewerbung vertraglich zusichern musste, eine Schadensersatzklage in Höhe von einer Million Dollar angedroht.

          Ein Funktionär aus Qatar habe ihr daraufhin angeboten, die Klage fallenzulassen, sollte sie per eidesstattlicher Versicherung einräumen, ihre Korruptionsvorwürfe seien eine Erfindung gewesen. „Ich war völlig allein bei meinem Versuch, mich gegen die Qatarer zu wehren“, sagte Almajid. „Ich musste das Wohlergehen meiner Kinder schützen und habe unterschrieben.“

          „Garcia wollte und bekam alles, was ich hatte“

          Almajid und Mersiades fühlten sich im Bericht von Eckert, dem Vorsitzenden der 6. Strafkammer am Münchner Landgericht, als unglaubwürdig dargestellt und deshalb im Stich gelassen. Sie nannten Eckerts dokumentierte Zweifel hinsichtlich ihrer Integrität eine „absichtliche Verunglimpfung von zwei Frauen, die den Mut gehabt haben, etwas zu sagen“. Viele ihrer Aussagen und Informationen seien in Eckerts Bericht nicht mehr aufgetaucht. „Garcia wollte und bekam alles, was ich hatte: eine zeitliche Darstellung, USB-Sticks, mein iPhone, ein Blackberry, Dokumente, Notizen, CDs und Emails.“

          Eckert hatte in seinem am vergangenen Donnerstag vorgelegten Report die Vergabe der WM-Endrunden 2018 (Russland) und 2022 (Qatar) für zulässig erklärt, gegenüber der F.A.Z. aber davon gesprochen, dass sein Bericht nur einen Zwischenstand darstelle. Garcia kritisierte nur kurze Zeit später eine „unvollständige und fehlerhafte Darstellung von Fakten und Schlussfolgerungen“ und legte Einspruch ein. Eckert hat mittlerweile erklärt, sich mit Garcia treffen zu wollen.

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          Die Fifa hatte den Report am Donnerstag als Freispruch interpretiert und war damit sofort auf scharfe internationale Kritik gestoßen. Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga und von Borussia Dortmund, hatte gegenüber dem „Kicker“ gefordert, die Europäische Fußball-Union (Uefa) müsse darüber nachdenken, sich von der Fifa zu lösen, wenn nicht sowohl Garcias Anklageschrift als auch Eckerts Bericht in vollem Umfang veröffentlicht würden. Nur so könne die Fifa ihrer „vollständig verloren gegangenen Glaubwürdigkeit“ entgegentreten, sagte der Rechtsanwalt.

          Ähnlich äußerte sich der frühere britische Sportminister Sir Hugh Robertson, der in seiner Amtszeit die englische Bewerbung um das Turnier 2018 unterstützt hatte. „Die Worte ,Fifa‘ und ,Korruption‘ sind untrennbar miteinander verwoben“, sagte Robertson dem Sender „BBC“. Der Verband müsse die Berichte offenlegen. Der für den Sport zuständige Kommissar der Europäischen Union, der Ungar Tibor Navracsics, sagte: „Es ist Zeit, dass die Fifa alle Karten auf den Tisch legt, um die Zweifel über die Ergebnisse des Reports zu beseitigen.“

          Ermittlungen gegen Beckenbauer werden ausgeweitet

          Offen ist unterdessen weiterhin, gegen welche Einzelpersonen nun auf der Grundlage von Eckerts Bericht ermittelt werden wird. Die „Welt am Sonntag“ berichtete, die Ethikkommission werde die Ermittlungen gegen Franz Beckenbauer, bis zum Frühjahr 2011 Mitglied der Fifa-Exekutive, ausweiten. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehe eine Reise Beckenbauers nach Qatar im Herbst 2009, die der Ehrenpräsident des FC Bayern München gemeinsam mit Fedor Radmann unternommen hatte. Radmann war zu jener Zeit Lobbyist der australischen Bewerbung, deren PR-Chefin Bonita Mersiades später entlassen wurde, weil sie das Verhalten der internationalen Lobbyisten wie Radmann kritisiert hatte.

          Beckenbauer wurde nach seiner Zeit in der Fifa-Exekutive Sportbotschafter der russischen Gas-Gesellschaft. Aus Russland hatten die Fifa-Ermittler bei ihren Untersuchungen keine wesentliche Unterstützung erhalten. Die von der Bewerbungsgesellschaft gemieteten Computer seien zurückgegeben und anschließend zerstört worden, heißt es in Eckerts Bericht. Im Sommer hatte die Fifa Beckenbauer, der korruptes Verhalten bislang stets bestritten hat, mit einer provisorischen Sperre belegt, weil er sich anfänglich geweigert hatte, Garcias Fragen zu beantworten.

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