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WM-Vergaben 2018 und 2022 : Der Kaiser auf der Anklagebank

Franz Beckenbauer Bild: dpa

Die Manipulationsvorwürfe um die WM-Vergaben an Russland und Qatar erreichen erstmals offiziell den deutschen Fußball. Die Fifa-Ethikkommission erhebt Anklage gegen Franz Beckenbauer. Das Reich des Kaisers gerät ins Wanken.

          3 Min.

          Die unter massivem Manipulationsverdacht stehende Vergabe der Weltmeisterschaft an Russland 2018 und Qatar 2022 zieht immer weitere Kreise - im deutschen, europäischen und im Weltfußball. Und nun machen die Vorwürfe auch vor einem Kaiser nicht mehr halt. An diesem Mittwoch hat die Untersuchungskammer der Ethikkommission des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) bekanntgegeben, dass sie ihre Ermittlungen gegen Franz Beckenbauer abgeschlossen hat und einen Antrag auf eine Sanktion gestellt hat. Das Verfahren gegen Beckenbauer ist zur rechtsprechenden Kammer weitergeleitet worden, hieß es aus Zürich. Weitere Angaben wurden nicht gemacht. Nach Informationen dieser Zeitung sollte in der Anklageschrift aber eher eine kleine Strafe gefordert werden. Zu den Sanktionen zählen auch Geldstrafen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Unabhängig von der Höhe der Strafe haben die Ermittlungen mit dem Verfahren gegen Beckenbauer, der zur Lichtgestalt des deutschen Fußballs erhobenen Figur, nun erstmals auch offiziell den deutschen Fußball erreicht. Bisher war Beckenbauer nur gehört worden. Der Mann, dem seit fünfzig Jahren im Fußball immer alles gelang, muss nun hässliche Flecken in seiner unvergleichlichen Fußballvita fürchten.

          Strahlend und wie imprägniert

          Lange und bis zuletzt hatte es so ausgesehen, als würde der Morast, in dem der Weltverband versinkt, überhaupt nicht durch die Tore des Kaiserreichs dringen. Obwohl Beckenbauer genau zu jener Zeit der Fifa-Regierung angehörte, in der die skandalösen WM-Vergaben nach Russland 2018 und vier Jahre später nach Qatar fielen, schienen des Kaisers Kleider bis zuletzt strahlend und wie imprägniert. Und dies, obwohl er sich nach der Vergabe vom russischen WM-Förderer Gasprom ganz ungeniert als Sportbotschafter des vom Kreml gelenkten Staatsunternehmens engagieren und bezahlen ließ. Nichts und niemand schien Beckenbauer, dem Zentralgestirn des deutschen Fußballs und seines Establishments, etwas anhaben zu können. In dem ganzen Sumpf schien Beckenbauer - trotz aller Interessenkonflikte auf seinen Wegen - immer sauber zu bleiben.

          Im Vorjahr war er dann trotzdem von der frisch geschaffenen Ethikkommission der Fifa gesperrt worden. Provisorisch. Zunächst auch nur, so schien es, weil er einen Fragebogen nicht ausgefüllt hatte. Und zwar deswegen, wie Beckenbauer behauptete, weil er nur angeblich auf Englisch gestellte Fragen nicht komplett verstanden habe - also nicht wegen grundsätzlicher Aussageunwilligkeit. Oder gar eines möglichen Fehlverhaltens. „Ich habe gedacht, das ist ein Aprilscherz. Vielleicht hat sich da jemand einen Spaß erlaubt“, sagte er in einer ersten Reaktion. Dass ihm in dieser Angelegenheit etwas passieren könnte, hielt er offenbar für ausgeschlossen.

          Außerdem, so machte Beckenbauer im Juni 2014 für sich geltend, sei er immer davon ausgegangen, dass er die Fragen des Weltverbandes überhaupt nicht beantworten müsse, da er bei der Fifa keine offizielle Funktion mehr ausübe. Der deutsche Fußballkaiser wurde wegen „mangelnder Kooperation“ trotzdem im Sommer 2014 zunächst für neunzig Tage zur Untätigkeit im Fußball verurteilt. Es war ihm sogar untersagt, sich die Spiele bei der Weltmeisterschaft in Brasilien im Stadion anzusehen. Als er die Fragen der Ethikkommission daraufhin mit anwaltlicher Hilfe beantwortete, wurde die Sperre nach vierzehn Tagen noch während der WM aufgehoben. „Das war sein Fehler, aber die Sperre war überzogen“, sagte sein Freund Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), über die Vorgänge noch vor wenigen Monaten. „Das hat er nicht verdient.“

          Im Frühjahr 2011 hatte Beckenbauer bereits seinen Abschied aus dem Fifa-Exekutivkomitee aus „persönlichen und familiären Gründen“ vollzogen, den er schon im November 2010 angekündigt hatte - kurz vor der Wahl Russlands und Qatars am 2. Dezember 2010. Er teilte damals mit, dass er für eine Wiederwahl nicht mehr zur Verfügung stehe. „Ich hatte und habe eine gute Zeit mit meinen Kollegen im Fifa-Vorstand, bei der Uefa und habe ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu Sepp Blatter und Michel Platini. Ich bitte um Verständnis für meine Entscheidung“, sagte er damals zu seinem Abschied aus der letzten seiner vielen offiziellen Funktionen seines Fußballlebens.

          Nachdem Beckenbauer die Fragen der Fifa-Ethikkommission nachträglich endlich beantwortet hatte, wurde sein in Zürich seitdem anhängiges Verfahren öffentlich kaum noch thematisiert. Zum einen, weil die Kräfte, die Beckenbauer die ganzen Jahre über stützten, daran kein Interesse hatten. Aber auch, weil die Schande an der Spitze der Fifa um Präsident Joseph Blatter so viel empörte Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Untersuchungen der amerikanischen und Schweizer Behörden; die Verhaftungen von Beckenbauers früheren Exekutivkollegen in Zürich unmittelbar vor der Wiederwahl Blatters. Die dubiose Millionenzahlung durch den Weltverband an Uefa-Präsident Michel Platini.

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          In den vergangenen Tagen war nun auch der Schöpfer des Sommermärchens in den Strudel von Enthüllungen geraten. Die unbestrittene Zahlung von 6,7 Millionen Euro aus der Kasse des WM-Organisationskomitees des DFB an die Fifa hat auch Beckenbauer bisher nicht erklären können. Das ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz aufgefallen. Vielleicht folgt der ersten Untersuchung nun eine zweite durch die Ethik-Kommission der Fifa. Das Reich des Kaisers könnte ins Wanken geraten.

          Das Fifa-Exekutivkomitee bei der Vergabe der WM 2018 und 2022

          Zahlreiche Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, die bei der Vergabe der WM 2018 und 2022 involviert waren, sind inzwischen gesperrt. Ein Überblick der fußball-internen Strafen oder Ermittlungen gegen die damaligen stimmberechtigten Regierungsmitglieder des Weltverbands:

          Präsident: Joseph Blatter (Schweiz)* – derzeit für 90 Tage gesperrt
          Senior Vize-Präsident: Julio Grondona (Argentinien)

          Vize-Präsidenten:

          Issa Hayatou (Kamerun)*
          Chung Mong Joon (Südkorea) – derzeit für sechs Jahre gesperrt
          Jack Warner (Trinidad und Tobago) – lebenslang gesperrt
          Ángel María Villar Llona (Spanien)* – Verfahren läuft
          Michel Platini (Frankreich)* – derzeit für 90 Tage gesperrt
          Geoff Thompson (England)

          Mitglieder:

          Michel D’Hooghe (Belgien)*
          Ricardo Teixeira (Brasilien) – laufendes Ethik-Verfahren
          Mohamed bin Hammam (Qatar) – lebenslang gesperrt
          Senes Erzik (Türkei)*
          Chuck Blazer (Vereinigte Staaten) - lebenslang gesperrt
          Worawi Makudi (Thailand) – derzeit für 90 Tage gesperrt
          Nicolás Leoz (Paraguay) – nach amerikanischem Haftbefehl vorläufig gesperrt
          Junji Ogura (Japan)
          Marios Lefkaritis (Zypern)*
          Jacques Anouma (Elfenbeinküste)
          Franz Beckenbauer (Deutschland) – Verfahren läuft
          Rafael Salguero (Guatemala)
          Hany Abo Rida (Ägypten)*
          Witali Mutko (Russland)*

          * aktuell noch Mitglieder der Fifa-Exekutive

          Hierbei nicht berücksichtigt sind Anschuldigungen oder Strafen auf anderen Ebenen: So wurde unter anderem Hayatou vom Internationalen Olympischen Komitee wegen Korruptionsanschuldigungen mit einem Verweis belegt. Der inzwischen gestorbene Grondona steht im Verdacht, etwa 59 Millionen Euro aus Qatar erhalten zu haben. Auch Teixeira wies die immer wieder erhobenen massiven Korruptionsvorwürfe gegen sich zurück. (dpa)

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