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Fifa : Unter Beschuss aus Brüssel

Bild: AFP

Brief an die Fifa: Missstände in Qatar. Missstände in Russland. Doch Sepp Blatter und seine Organisation hat die selbe Taktik wie immer – einfach nicht reagieren und abwarten.

          Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) muss sich scharfer Kritik aus dem Europäischen Parlament stellen. Dabei wird vor allem die Glaubwürdigkeit des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter weiter in Zweifel gezogen, der sich im nächsten Mai im Alter von fast achtzig Jahren zum fünften Mal wählen lassen will. Es geht bei dem Vorstoß aus Brüssel um die Weltmeisterschaften in Russland (2018) und Qatar (2022) sowie den Umgang der Sportorganisation mit den umstrittenen Ausrichterländern und Fragen der Transparenz.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einem Brief an Blatter, der der Frankfurter Allgemeine Zeitung orliegt, wirft die stellvertretende Vorsitzende des EU-Menschenrechtsausschusses, Barbara Lochbihler, den Fifa-Funktionären indirekt Tatenlosigkeit und mangelndes Verantwortungsbewusstsein vor. Im Visier stehen weiterhin die schlechten Bedingungen für Gastarbeiter in dem WM-Land am Golf. „Die qatarische Regierung kündigte zwar Reformen an – auch im direkten Austausch, als ich den Golfstaat Anfang des Jahres besuchte. Umgesetzt wurde davon aber nichts“, schreibt die Grünen-Politikerin und ehemalige Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International in dem Brief. „Es ist zu befürchten, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird – weil sich nichts ändern soll.“

          Barbara Lochbihler hatte die Fifa schon mehrmals auf deren Verantwortung hingewiesen. Anfang des Jahres hatte sie noch in ihrer damaligen Funktion als Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Europaparlament eine Anhörung zum Thema Sport und Menschenrechte organisiert. Hier nahm für die Fifa das deutsche Vorstandsmitglied Theo Zwanziger teil, der sich sehr offen zeigte und selbst die Verantwortung des Weltverbandes anmahnte.

          Fifa unternimmt nichts gegen Missstände

          Die Qatarer wie auch der europäische Fußballpräsident Michel Platini waren damals der Einladung des EU-Ausschusses nach Brüssel nicht gefolgt. In der Zwischenzeit hatte sich der Druck auf das Emirat durch eine von den Qatarern selbst in Auftrag gegebene Untersuchung zur menschenunwürdigen Behandlung von Arbeitsmigranten erhöht, in dem die internationale Anwaltskanzlei Piper die Missstände bestätigte und Forderungen aufstellte. „Seitdem ist wenig geschehen“, kritisiert Barbara Lochbihler.

          Hinzu komme die Weigerung Blatters, den von der Fifa-Ethikkommission initiierten Untersuchungsbericht zu den korruptionsverdächtigen WM-Vergaben an Russland und Qatar zu veröffentlichen. „Aus politischer Sicht halte ich diesen Verfahrensvorschlag für absolut inakzeptabel“, schreibt die außen- und menschenrechtspolitische Sprecherin der Grünen im Europäischen Parlament.

          „Nun soll sich dieses Szenario 2018 wiederholen?“

          Sie fordert Blatter auf, sich für eine Veröffentlichung einzusetzen, und stellt im Zusammenhang mit der WM 2022 in Qatar weitere Fragen. Es würde sie interessieren, wie der Fifa-Präsident die Lage einschätze. „Was unternimmt die Fifa beispielsweise, um den Forderungen des Piper-Berichts ausreichend Nachdruck zu verleihen? Gedenken Sie, die dringend notwendige Einrichtung einer unabhängigen Kommission zur Überprüfung der Piper-Maßnahmen durch die qatarische Regierung zur Bedingung einer weiteren Kooperation zu machen? Wie lautet Ihr Plan, sollte sich trotz öffentlicher Ankündigungen faktisch nichts an der Menschenrechtslage in Qatar ändern? Verfügt die Fifa über eine Exit-Strategie?“

          Frau Lochbihler geht noch weiter und übt auch Kritik am Umgang der Fifa mit dem nächsten WM-Ausrichter Russland. Dort habe sich Präsident Wladimir Putin mit den Winterspielen in Sotschi bereits ein erstes Denkmal gesetzt. Anders als vom Internationalen Olympischen Komitee und auch dem Deutschen Olympischen Sportbund angenommen, habe die Veranstaltung kein Schlaglicht gesetzt und nichts an den zwangsarbeitsähnlichen Bedingungen für die vielen Arbeitskräfte auf den olympischen Baustellen geändert, die zum Teil bis heute auf ihre Bezahlung warteten.

          Außerdem seien vor den Spielen viele Nichtregierungsorganisationen in Russland massiv unter Druck gesetzt worden, schreibt Barbara Lochbihler. „Nun soll sich dieses Szenario 2018 mit der Fußball-WM wiederholen. Vorausgesetzt, die WM findet überhaupt in Russland statt, wie will die Fifa sicherstellen, dass sich die Menschenrechtsverletzungen auf russischen Baustellen nicht wiederholen?“, fragt die Grünen-Politikerin an die Adresse von Blatter.

          Ist die Fifa von Gasprom gekauft?

          Der umstrittene Fifa-Präsident hielt sich am Dienstag in Moskau auf und traf dabei auch Kremlchef Putin – bei einvernehmlichen Gesprächen. Dabei sicherte Blatter Russland seine Unterstützung zu und sagte: „Wir vertrauen dem Land und seiner Führung.“ Kritik an den Missständen hört sich anders an. In den vergangenen Monaten waren von internationalen Politikern aufgrund der blutigen Krise in der Ukraine wiederholt Forderungen laut geworden, die WM zu boykottieren oder Russland das Turnier ganz zu entziehen.

          Diesen erteilte Blatter nochmals eine Absage. Die Fifa sieht bisher auch keine Sanktionen gegen den russischen Fußballverband vor, der sich zuletzt drei Klubs von der Krim einverleibte. Der Weltverband wird vom russischen Energiekonzern Gasprom mit zig Millionen gesponsert. Im Fifa-Vorstand sitzt auch der russische Sportminister Witali Mutko.

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