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WM 2014 in Brasilien : Der Fußball-Albtraum

  • -Aktualisiert am

Sind das Brasiliens Stars von 2014? Bild: REUTERS

Die Fans interessieren sich ausschließlich für die eigene Mannschaft, die Infrastruktur ist mangelhaft: Brasilien ist für die Austragung der Fußball-WM 2014 nicht gerüstet, berichtet Josef Oehrlein aus Sao Paulo.

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          Zürich erlebt an diesem Dienstag eine brasilianische Invasion. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, ein großer Fußballfan, reist mit einer unüberschaubar großen Delegation in die Schweiz. Er wird für sein Land von der Fifa den Auftrag entgegennehmen, 2014 die Fußball-Weltmeisterschaft zu organisieren.

          Jeder in Brasilien will es, und jeder glaubt, dass das Land die Aufgabe meistern wird. Und das wäre dann der Albtraum: Brasilien richtet die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 aus, und keiner geht hin. Es ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen, dass die WM im Land des Sambas ein Fiasko wird. Mit der WM könnte selbst das Fußballwunderland überfordert werden. Brasilien kann den Schub gut gebrauchen, den ein so großes Ereignis wie eine WM für seine Wirtschaft bringt, doch es ist nicht im Geringsten darauf vorbereitet.

          „Dann ist die WM zu Ende“

          Gründe für ein mögliches Scheitern gibt es viele, vor allem da, wo man sie am wenigsten vermutet: bei der brasilianischen Fußballbegeisterung. Denn sie gilt so ausschließlich den eigenen Mannschaften und Spielern, dass das Interesse an Fußball mit Teams aus dem Ausland gering oder fast nicht vorhanden ist.

          Das berühmte Maracana-Stadion in Rio de Janeiro
          Das berühmte Maracana-Stadion in Rio de Janeiro : Bild: REUTERS

          Der Albtraum der Organisatoren fängt etwa so an: Im südbrasilianischen Porto Alegre spielt Tunesien gegen Saudi-Arabien. Dann kann man die Besucher im Stadion an zwei Händen abzählen. Und er setzt sich so fort: Brasiliens Seleção scheidet im Viertelfinale aus. "Dann ist die WM zu Ende", sagt ganz offen der frühere Nationalspieler Socrates, der 1982 und 1986 Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft war und heute als Kinderarzt in der Stadt Ribeirão Preto im Bundesstaat São Paulo tätig ist. "Aber das wird nicht passieren, dafür wird schon gesorgt. Selbst Südkorea ist ja bei der WM 2002 bis ins Halbfinale gekommen."

          Gewaltige Distanzen, gewaltige Klimaunterschiede

          Die größten Hindernisse für eine WM in Brasilien sind die gewaltigen Distanzen zwischen den Spielorten und die ebenso gewaltigen Klimaunterschiede der einzelnen Regionen. Brasilien hat eine Ausdehnung wie Europa, und im Juni herrschen in südbrasilianischen Städten wie Porto Alegre oder Curitiba winterlich niedrige Temperaturen, während in der Amazonasstadt Manaus tropische Hitze die Spieler schwitzen lässt.

          Wenn die WM angesichts der großen Entfernungen nicht im organisatorischen Chaos untergehen soll, muss der Flugverkehr reibungslos funktionieren. Aber gerade daran krankt es. In Brasilien ist die Luftfahrt chronisch überlastet und bricht wegen organisatorischer Probleme, veralteter technischer Einrichtungen und personeller Unterbesetzung in den Kontrollzentren fast regelmäßig zusammen. Innerhalb eines Jahres sind bei zwei schweren Flugzeugunglücken mehr als 300 Personen getötet worden. Der Wille ist da, das gesamte Luftfahrtwesen neu zu ordnen und zu modernisieren, doch vieles deutet darauf hin, dass bis 2014 doch wieder mit traditioneller Flickwerktechnik lediglich hier und da etwas ausgebessert wird.

          Wettbewerbsvorteil für deutsche Firmen

          Von dem Dutzend brasilianischer Städte, die als Austragungsorte in Frage kommen, hat keine einzige ein WM-taugliches Stadion vorzuweisen. Nicht einmal das Maracanã in Rio, das für die Panamerikanischen Spiele im vergangenen Juli für teures Geld hergerichtet wurde, ist geeignet. Etliche Stadien müssten neu gebaut werden.

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