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Vorwürfe zu WM-2006-Vergabe : Zwanziger bringt Niersbach in Bedrängnis

Das waren noch andere Zeiten: Wolfgang Niersbach (links) und Theo Zwanziger (Bild vom 2. März 2012). Bild: dpa

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist sich sicher: Die Geschichte von der Vergabe der WM 2006 mit unlauteren Mitteln wird widerlegt. Nun aber greift sein Vorgänger Theo Zwanziger ihn heftig an.

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          Am Montag trat Wolfgang Niersbach im nagelneuen Fußball-Museum von Dortmund auf. Und beschwor seine Zuhörer, nur ja das wunderbare Sommermärchen von 2006 nicht in eine dunkle Ecke der Geschichte zu stellen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          „Das Sommermärchen ist nicht zerstört, weil ich auch hier nochmal sage: Es hat keine schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und sandte inmitten verehrter Reliquien an diesem Ballfahrtsort seine frohe Botschaft aus: Die Geschichte von dem WM-Gewinn mit unlauteren Mitteln, wie sie der „Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe schildert, werde widerlegt. Wann das sein werde, ließ Niersbach offen.

          Während der frühere Vizepräsident des in die Bredouille geratenen Organisationskomitees seine Abwehrstatements vom Wochenende wiederholte, griff ihn sein Vorgänger im Amt an: Theo Zwanziger, der Niersbach in inniger Feindschaft verbunden ist. Aus dem Urlaub heraus warf er dem DFB vor, „wieder einmal statt sachliche Aufarbeitung dieses Vorganges zu betreiben (...) in den Medien Legenden“ zu stricken. Die vom rachsüchtigen Theo, der hinter den Attacken auf Kaiser Franz Beckenbauer und vor allem Niersbach stecke.

          Zwanziger gerät damit in eine zentrale Position. Denn er wird im „Spiegel“ als ein von schlechten Gefühlen gepeinigter, um Aufklärung bemühter Funktionär beschrieben. Letzteres bestätigt Zwanziger in einem von seinem Rechtsanwalt formulierten Schreiben unter anderem an die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Seit drei Jahren bittet Dr. Zwanziger den DFB-Präsidenten Niersbach, seiner Pflicht zur Aufklärung nachzukommen, denn der großartige Verlauf der WM 2006 hat es nicht verdient, mit Spekulationen beschädigt zu werden.“

          Aber was meint Zwanziger konkret? Dass er Niersbach, Beckenbauer und anderen schon 2013 bei einem Treffen am Frankfurter Flughafen auf die ominösen, vom DFB an die Fifa überwiesenen 6,7 Millionen Euro angesprochen hat, die laut „Spiegel“ vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus in eine schwarze Kasse geflossen sein sollen? Dann wäre der DFB-Präsident schon vor zwei Jahren über einen höchst dubiosen Vorgang informiert gewesen, von dem er (laut der DFB-Pressemeldung am Freitag) erst im Sommer dieses Jahres Wind bekommen haben will.

          Zwanziger äußert sich vorerst nicht konkret zu dieser wichtigen Frage. Er versucht, Niersbach im Visier zu behalten und stellt eine von Niersbach angeführte Untersuchung in Frage: „Soweit hiermit vorgeblich eine große Wirtschaftskanzlei beauftragt worden ist, sollte klargestellt werden, wann exakt die Beauftragung erfolgt ist, und welche Ergebnisse nach doch über 4 Monaten der Prüfung denn nun vorliegen.“

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          Der DFB hat entsprechende Fragen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht beantwortet. Und die Untersucher, wer auch immer, haben in den vergangenen Monaten auch keine Anstalten gemacht, den Mann zu dem 6,7 Millionen-Deal zu befragen, der zu Zeiten der Zahlung 2005 im OK für die Finanzen zuständig war. „Insgesamt ist auffällig, dass Herr Dr. Zwanziger“, so heißt es im Schreiben des Rechtsanwaltes, „im Rahmen der angeblichen Ermittlungen zu keinem Zeitpunkt befragt wurde, obwohl er sie doch selbst angeregt hat.“

          Das ist so verwunderlich wie die Auskunftsverweigerung des DFB rund um den heiklen, offenen Punkt, der Niersbach auch am Montag beschäftigte: „Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden.“ Offenbar nicht für das Kulturprogramm, wie der DFB schilderte. Es fiel aus, das Geld kam nicht zurück. Die Summe von 6,7 Millionen Euro soll nämlich via Fifa auf einem Konto von Dreyfus gelandet sein. „Auch uns wäre es lieb“, sagte Niersbach in Dortmund, „wenn das möglichst schnell aufgeklärt wird.“

          „Es hat keine schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben“: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

          Neben einer DFB-Ermittlungsgruppe wird nun auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft auf den Fall schauen. Sie prüft einen Anfangsverdacht. Als mögliche Tatbestände nannte Sprecherin Nadja Niesen am Montag Betrug, Untreue oder Korruption. Allein die Verjährung, die Zahlung der Millionen liegt mehr als zehn Jahre alt zurück, wird wohl die Eröffnung eines Verfahrens in Deutschland verhindern. Es sei denn, die Staatsanwälte entdeckten Neues. Die Aufklärungslust hat jedenfalls neuen Schwung erhalten.

          Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Die Grünen) hatte schon im Frühsommer die Bundesregierung zu ihren Erkenntnissen gefragt. Jetzt habe sie „Anlass, nochmals zu überdenken, was sie und ihre Vorgänger von diesen Machenschaften wussten. (...) Die laufenden Ermittlungen der US-amerikanischen und Schweizer Fahnder gegen FIFA-Vertreter werden gewiss bald weitere Erkenntnisse auch zu den Umständen dieser WM-Vergabe zutage fördern. Möglicherweise ergibt sich dabei auch, ob Deutschlands Stimme für die kuriose Fußball-WM 2022 in Katar tatsächlich ein Dankeschön für die katarische Zustimmung zur ‚deutschen WM’ 2006 war.“ Der Versuchsballon des Aufklärungsspezialist Ströbele dürfte schnell an Luft verlieren. Die Regierung wird auf den Sport verweisen. Vermutlich hat Zwanziger die besseren Antworten auf naheliegendere Fragen.

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