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DFB : Zwanziger, der Bombenleger

Was weiß er? Was sagt er? Was will er? Theo Zwanziger ist die entscheidende Figur in der DFB-Affäre Bild: ddp

Dass wir nicht in einem Mafiafilm sind, erkennt man daran, dass Theo Zwanziger noch keine Betonschuhe trägt. Im „Spiegel“ darf der frühere DFB-Präsident trotzdem nach Herzenslust singen. Aber zu den Guten gehört auch er nicht.

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          Theo Zwanziger hat die Sache ins Rollen gebracht. Das muss man dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) lassen. Der Verdacht, dass Spitzenleute im DFB und einige seiner Heroen Mitspieler im Korruptionsgeflecht des internationalen Fußballgeschäfts sind, hat sich erhärtet. Da spielt es gar keine Rolle mehr, welchem Zweck eine dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro aus dem Jahr 2005 nun wirklich gedient hat.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Wir wissen auch endgültig, was für ein schwacher und schlecht beratener DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist. Dass jeder Provinzpolitiker ein besseres Krisenmanagement auf die Beine stellt als er. Niersbachs Idee, eine Wallfahrt nach Salzburg zu Franz Beckenbauer zu unternehmen, um sich von etwaigen Sünden zu befreien, zeugt von unwürdiger Naivität. Er ließ sich dort Beckenbauers Version der Geschichte erzählen, präsentierte diese dann als eine Art Gotteswort ohne jede Überprüfung und ohne jeden Beleg der Presse, und glaubte, das könnte zu seiner Entlastung ausreichen.

          Kein Mafiafilm

          Damit qualifiziert er sich höchstens zum gläubigen Beckenbauer-Anhänger, aber nicht zum Präsidenten des größten Sportverbands der Welt. Schließlich muss der Kaiser, als Bewerbungs- und Organisationschef der WM 2006 tief involviert in die Unregelmäßigkeiten, selbst darum kämpfen, dass es ihm nicht an den Hermelinkragen geht. Entsprechend dürfte seine Darstellung ausgefallen sein. Dass wir jetzt genau wissen, dass Niersbach nicht präsidiabel ist, das hat Theo Zwanziger mit seinen vom Magazin „Spiegel“ transportierten Beschuldigungen erreicht.

          Die DFB-Familie sieht Zwanziger natürlich als Verräter an. Doch weil wir uns nicht in einem Mafiafilm befinden, sondern im deutschen Funktionärswesen, trägt der selbsternannte Gutmensch aus Altendiez, der nie so recht in die Fußballfamilie passte und am Ende - nach mehreren scharfen Attacken gegen seinen Nachfolger Niersbach - von ihr ausgestoßen wurde, noch keine Betonschuhe. Er darf im „Spiegel“ nach Herzenslust singen. Und er scheint sich sicher zu fühlen.

          Keine Freunde: Niersbach und Zwanziger

          Er hat alles von seinem Anwalt prüfen lassen. Sollte irgendjemand auf die Idee kommen, ihn selbst, der immerhin von 2001 bis 2004 Schatzmeister des DFB, von 2003 an Vizepräsident Finanzen des Organisationskomitees der WM 2006 und von 2004 bis Anfang 2012 Präsident des DFB war, mit Korruption in Verbindung zu bringen, so wären mögliche Vergehen verjährt. Und es drängt sich der Eindruck auf, dass dieser Umstand ihm als Zeichen zum finalen Angriff gerade recht kam.

          Hätte Zwanzigers Anwalt Hans-Jörg Metz es nicht in einem Interview bei „Spiegel online“ vorsorglich bestritten, so drängte sich jedem der Eindruck auf, dass Zwanziger sowohl in der ersten Titelstory des „Spiegel“ vor einer guten Woche und - noch detaillierter - in der zweiten Geschichte am vergangenen Wochenende der wichtigste, wenn nicht gar der einzige Informant war. Der Anwalt empfahl aber „Zurückhaltung in der Gerüchteküche“. Es liege eine eidesstattliche Versicherung vor.

          Bei der Lektüre zeigt sich aber, dass Zwanziger als einziger Kronzeuge der Berichterstattung angegeben und wörtlich zitiert ist. Grundlage der Behauptung, es habe eine schwarze Kasse in der deutschen Bewerbung um die WM 2006 gegeben, sind Zwanzigers Aussagen. Und auch das Papier, Dreh- und Angelpunkt der Vorwürfe, durch die der einstige geschäftsführende Vizepräsident des WM-Organisationskomitees Wolfgang Niersbach schwer belastet wird, ist Zwanziger schon lange bekannt.

          Es handelt sich um ein Fax aus dem Jahr 2005 mit einem handschriftlichen Vermerk, der angeblich von Niersbach stammt. Aus dem geschlossen werden könnte, dass Niersbach wissentlich auf anrüchigem, wenn nicht gar gesetzwidrigem Weg einen Kredit des damaligen Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus zurückzahlen ließ. Auffällig ist, dass der „Spiegel“ in seiner ersten Story behauptet, auf dem Fax stünde der Vermerk: „das vereinbarte Honorar für RLD“. („Drei Buchstaben, die elektrisieren“, schreiben die Autoren.) Eine Woche später wird lässig korrigiert: „Übrigens, der erste Buchstabe ist ein ,H‘. ... In der Sache ändert das aber nichts.“ Das Kürzel stehe nun eben für Herrn Louis-Dreyfus. Und der Text laute auch anders: „ ... erlauben wir uns, das vereinbarte Honorar für H.L.D. an Sie zu überweisen mit der Bitte um Weiterleitung auf folgendes Konto ...“

          Bestätigung einer Reihe von Behauptungen

          Das Schriftstück wurde von der Zeitschrift nicht faksimiliert, es heißt, aus Gründen des Quellenschutzes. Unabhängig davon wirkt der Vorgang so, als hätte der „Spiegel“ erst einmal nur von dem Fax gewusst, und Zwanziger, der es nach eigenen Angaben seit Jahren kennt, hätte es nachgeliefert. Der „Spiegel“ redet von „unterschiedlichen Wegen“, auf denen die Papiere zu ihm gekommen seien.

          Zwanziger bestätigte nun eine ganze Reihe von Behauptungen, die in der Vorwoche anonym aufgestellt worden waren. Dass er die Person sei, der Günter Netzer 2012 in einem Züricher Restaurant gesagt habe, Deutschland habe vom Fußball-Weltverband den Zuschlag für die WM 2006 bekommen, weil vier asiatische Stimmen gekauft worden seien. Netzer, einst WM-Botschafter, will das nie gesagt haben. Außerdem zitierte Zwanziger für den „Spiegel“ aus dem „Gedächtnisprotokoll“ eines Telefongesprächs mit dem einstigen Vizepräsidenten des Organisationskomitees und DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, der am vergangenen Dienstag geäußert haben soll, die 6,7 Millionen seien an den Qatarer Mohamed bin Hammam gegangen - der die asiatischen Stimmen hätte besorgt haben können. Schmidt bestreitet, das so gesagt zu haben.

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          Das heißt, Zwanziger belastet Niersbach via „Spiegel“ mit drei angeblichen Belegen: zweimal dementiertes Hörensagen und ein nicht veröffentlichtes Geheimpapier. Offen ist auch, ob Louis-Dreyfus das Darlehen, wie vom „Spiegel“ ohne genauen Zeitpunkt angegeben, vor der WM-Vergabe im Juli 2000, oder, wie von Niersbach dargestellt, erst 2002 gewährt hat. Im ersten Fall könnte das Sommermärchen gekauft worden sein. Im zweiten ist das unwahrscheinlich, denn zu diesem Zeitpunkt war es schon vergeben. Der zweite Fall allerdings würde die Schlagkraft der beiden Titelstorys im Nachrichtenmagazin erheblich schwächen.

          Bleibt Zwanzigers Lügen-Vorwurf an Niersbach. Tatsächlich behauptete der DFB-Präsident, er habe erst im vergangenen Sommer von der zweifelhaften Zahlung erfahren. Horst R. Schmidt wiederum gab an, er habe bereits 2004 Kenntnis erhalten, dass Robert Louis-Dreyfus Anspruch auf die Rückzahlung eines Darlehens habe, und umgehend das Präsidium des Organisationskomitees informiert, dem Niersbach angehörte.

          Dieser Vorwurf Zwanzigers klingt also plausibel. Wieso aber fordert er, dass Niersbach sich an die anrüchigen Vorgänge erinnert, und reklamiert, dass dieser die Sache in seiner seit 2012 währenden Präsidentschaft längst hätte aufklären müssen? Und behauptet gleichzeitig, er selbst habe keinen Anlass zu einer Untersuchung gehabt? Schließlich hat er im Jahr 2005 als Finanz-Verantwortlicher des Organisationskomitees die Überweisung zusammen mit Schmidt abgezeichnet - offenbar ohne genauer rückzufragen. Und er „sah“ - laut „Spiegel“ schon kurz darauf - das Fax mit dem verdächtigen Vermerk, handelte aber wieder nicht. Und auch als DFB-Präsident von 2004 bis März 2012 hätte er den Fall klären lassen können. Zwanziger beruft sich jedoch darauf, dass ihm die Sache erst 2012, durch die Begegnung mit Netzer und neue Erkenntnisse aus den damaligen Schmiergeld-Enthüllungen im Weltverband verdächtig vorgekommen sei.

          Zwanziger hat Niersbach, gegen den er seit fast vier Jahren schießt, nun wohl bald so weit: Sein Nachfolger ist reif für den Rücktritt. Er hat dabei - möglicherweise als Kollateralschaden - auch Franz Beckenbauer und einige andere in Bedrängnis gebracht. Zwanzigers Anwalt Metz sagte, er habe ihm geraten, sich der Zeitschrift zu offenbaren, „weil nur so die Wahrheit auf den Tisch kommen kann, die nun mal zum Schutz meines Mandanten unerlässlich ist“. Zwanzigers Name solle kaputtgemacht werden, schreibt der „Spiegel“.

          Vielleicht war das jetzt tatsächlich eine Wendung zu viel in Zwanzigers kriegerischem Eiertanz. Dem ehemaligen Bundesinnenminister Otto Schily, einst Aufsichtsrat des OK, jedenfalls platzte der Kragen. In der „Bild am Sonntag“ erklärte er, es sei „äußerst fragwürdig“, dass Zwanziger sich in dieser Affäre als Ankläger gebärde. Er solle sich „eher in der Rolle des Beschuldigten sehen“. Doch das wird Zwanziger nicht einleuchten. Er hält sein Alibi schließlich für wasserdicht.

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