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WM 2006 : Schwarzer und Hiddink führen Australien zur WM

  • -Aktualisiert am

Tim Cahill feiert mit Elfmeterheld Mark Schwarzer Bild: REUTERS

Australiens Fußballer fahren zum zweiten Mal nach 1974 zu einer WM. Das Team setzte sich im Relegations-Rückspiel gegen Uruguay mit 4:2 im Elfmeterschießen durch.

          Das Bild paßte: Mark Schwarzer hatte sich die australische Flagge über die Schultern drapiert. Und wie sie sich blähte, ähnelte sie ein bißchen dem Cape eines Comic-Helden. Der deutschstämmige Torhüter war kurz zuvor tatsächlich zu einem Supermann für seine Landleute mutiert. Schwarzer wehrte beim Elfmeterschießen zwei Schüsse der Gegner aus Uruguay ab und sicherte seinem Team zum ersten Mal nach 31 Jahren und erst zum zweiten Mal überhaupt die Teilnahme an einer Fußball-WM.

          Die Stimmung im Olympiastadion von Sydney war nur mit der bei dem berühmten Sieg von Cathy Freeman zu vergleichen, die dort vor mehr als fünf Jahren Sportgeschichte geschrieben hatte. 83.000 Zuschauer in der ausverkauften Arena verfielen wie damals, als die 400-Meter-Läuferin Gold gewann, in Stürme der Begeisterung, nachdem John Aloisi den letzten Elfmeter zum 4:2 für die Gastgeber verwandelt hatte.

          Das „göttliche Recht Uruguays“

          Zuvor war es Marco Bresciano vom FC Parma in der 35. Minute gelungen, das 0:1 aus dem Hinspiel in Montevideo auszugleichen. Der zweimalige Weltmeister Uruguay erlebte mit dem Ausscheiden gegen die vermeintlichen Außenseiter vom fünften Kontinent eine der bittersten Momente seiner Fußball-Geschichte. Stürmerstar Alvaro Recoba von Inter Mailand hatte die WM-Teilnahme vor dem Match noch als „göttliches Recht Uruguays“ bezeichnet. Nun muß Uruguay weiter auf seine elfte WM-Teilnahme warten, während Australien nach Deutschland fährt, genau wie 1974.

          Australische Erlösung: Zum zweiten Mal nach 1974 qualifizierten sich die Kicker von „down under” für die WM

          Und im Tor wird dann mit Schwarzer ein Spieler stehen, der zum Gastgeberland ein besonderes Verhältnis hat. Mehrere Verwandte des 33jährigen Torhüters leben in Deutschland, und er hat mehr als zwei Jahre als Profi in Deutschland verbracht; wenngleich seine Zeit in Kaiserslautern und Dresden wegen anhaltender Verletzungsprobleme zur Enttäuschung wurde. Inzwischen gehört Schwarzer zu den zuverlässigsten Torhütern in der englischen Premier League, wo er bei Middlesbrough unter Vertrag steht, genau wie sein Kapitän Mark Viduka. Der bullige Stürmer hatte einen besonderen Grund, sich bei Schwarzer zu bedanken, schließlich konnte er als einziger australischer Elfmeterschütze den Ball nicht im Tor unterbringen.

          „Tiefpunkt meines Lebens“

          Für Australien und Schwarzer war der Erfolg auch Wiedergutmachung für die Enttäuschung vor vier Jahren, als sie Uruguay im Hinspiel 1:0 geschlagen hatten, aber im Rückspiel in Montevideo 0:3 untergingen. Während Uruguays Trainer Jorge Fossati den „Tiefpunkt meines Lebens“ beklagte, feierten die Aussies neben Schwarzer vor allem einen, ihren Trainer Guus Hiddink. Der Coach ist bereits zum „alten holländischen Meister“ aufgestiegen. Sollte er mit Australien in Deutschland ein ähnliches Meisterwerk vollbringen wie mit Südkorea, das er zum Halbfinale der letzten WM geführt hatte, würde er sich endgültig in der Reihe der besten Trainer der Fußballgeschichte etablieren. Immerhin hatte er die „Socceroos“ erst vor vier Monaten übernommen und ist gleichzeitig noch als Vereinstrainer in Eindhoven tätig.

          Schon der Auftritt in Montevideo am vergangenen Samstag trug seine Handschrift und hatte die Australier hoffen lassen, ihre grausame schwarze Serie endlich zu beenden. Sie kehrten mit lediglich einem Tor Rückstand und voller Selbstbewußtsein nach Australien zurück. Sie flogen in einer Privatmaschine, in der sogar Massagebänke aufgestellt waren, um besser zu regenerieren. Die Uruguayer wählten die Economy Class eines kommerziellen Fliegers.

          Aufschwung für die „Einwanderersportart“

          Als genialer Schachzug entpuppte sich die Entscheidung des Niederländers, in der 32. Minute den Liverpooler Stürmer Harry Kewell einzuwechseln, der bei seiner ersten Aktion prompt die Vorlage für Bresciano lieferte. Kewell, der Monate lang verletzt gewesen war, düpierte die Gegner ein ums andere Mal, war über weite Strecken der beste Spieler auf dem Platz und sorgte ständig für Gefahr. Die zweite Halbzeit wurde deutlich von den Australiern dominiert, ohne daß ein zählbarer Erfolg heraussprang. Die Verlängerung brachte zwar noch einige Chancen, aber die Spieler wurden nach zwei intensiven Spielen innerhalb von dreieinhalb Tagen und einer Reise um die halbe Welt zunehmend müder. Dann kam Schwarzers großer Auftritt.

          Für den Fußball in Australien ist die zweite Teilnahme bei einer WM ein enormer Gewinn. Jahrzehntelang hatte die „Einwanderersportart“ im sportverrückten und erfolgsverwöhnten Land von Rugby, Kricket und australischem Fußball zu kämpfen, um Anerkennung, um Platz in den Medien, um Geld. Alle australischen Stars spielen in Europa, die heimische Liga ging pleite und wurde erst vor ein paar Monaten wiederbelebt.

          Der frühere Nationalspieler Pierre Littbarski ist Trainer vom Glamourclub Sydney FC, sah sich das Spiel im Stadion an und ist sich sicher: „Das wird dem Fußball hier einen gewaltigen Schub geben.“ Auch Trainerkollege Hiddink weiß, daß es „enorm wichtig“ ist, daß Australien bei der WM in Deutschland dabei ist. Für ihn ist es nach den Erfolgen mit Korea und den Niederlanden vier Jahre zuvor die dritte WM mit dem dritten Land hintereinander, „wenn ich nicht vorher gefeuert werde“, wie er scherzte. Kaum anzunehmen.

          Qualifizierte Teams Fußball-Weltmeisterschaft 2006

          Teilnehmer 32 - qualifiziert 28

          Europa (Gastgeber + 13 Startplätze)
          Deutschland, England, Frankreich, Italien, Kroatien, Niederlande, Polen, Portugal, Schweden, Serbien-Montenegro, Ukraine

          Asien (4,5 Startplätze)
          Iran, Japan, Saudi-Arabien, Südkorea

          Südamerika (4 Teilnehmer)
          Argentinien, Brasilien, Ecuador, Paraguay

          Nord- u. Mittelamerika/CONCACAF (3,5 Startplätze)

          Costa Rica, Mexiko, USA

          Ozeanien (1 Teilnehmer)

          Australien

          Afrika (5 Teilnehmer)

          Angola, Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Tunesien

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