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Fifa fordert Sperre : Es wird eng für Niersbach

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Die Fifa fordert eine Sperre für den früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach. Bild: dpa

Die Fifa-Ermittler fordern nach der WM-2006-Affäre eine Sperre gegen den zurückgetretenen DFB-Präsidenten. Niersbach werden mehrere Verstöße vorgeworfen. Doch er wehrt sich gegen die drohende Strafe.

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          Dem früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach droht im Zuge der Affäre um die WM 2006 eine lange Sperre und der Verlust seiner Ämter bei der Fifa und Uefa. Die Untersuchungskammer der Ethikkommission des Fußball-Weltverbands Fifa fordert einen Bann von zwei Jahren gegen den damaligen Vizechef des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft in Deutschland. Die Rechtsprechende Kammer eröffnete ein offizielles Verfahren, wie der Fußball-Weltverband am Freitag mitteilte. Niersbach will mit allen Mitteln gegen eine drohende Sperre vorgehen. Einen möglichen Verzicht auf seine Ämter bei Fifa und Uefa ließ er in einer schriftlichen Stellungnahme am Freitag unerwähnt.

          Es sei für ihn „eine Frage der Ehre und zur Wahrung meiner persönlichen Rechte erforderlich, diesem Antrag mit allen möglichen Rechtsmitteln entgegenzutreten“, teilte Niersbach auf Anfrage mit. „Auch angesichts der Tatsache, dass ich mit meinem Rücktritt als DFB-Präsident im November 2015 bereits politische Verantwortung übernommen habe, steht meines Erachtens eine Sperre, die faktisch einem weltweiten Berufsverbot im Fußball gleichkommt, sowie die Höhe der beantragten Geldstrafe in keinem Verhältnis zu dem mir gemachten Vorwurf.“ Die Forderung der Ermittler bezeichnete Niersbach als „nicht nachvollziehbar, insbesondere im Vergleich zu anderen Sachverhalten, in denen die Rechtsprechende Kammer der Ethik-Kommission Urteile dieser Härte in Zusammenhang mit Vorteilsnahme und Korruption ausgesprochen hat“.

          Die Ermittler unter dem Vorsitz des Schweizers Cornel Borbély werfen Niersbach Verstöße gegen vier Paragrafen des Fifa-Ethikcodes vor: Allgemeine Verhaltensregeln, Loyalität, Anzeige- sowie Mitwirkungs- und Rechenschaftspflicht und Interessenskonflikte. Die Untersuchungskammer fordert neben dem Bann für alle Fußballaktivitäten auch eine Geldstrafe von 30.000 Schweizer Franken (27.000 Euro). Niersbach hat nun die Gelegenheit, sich zu verteidigen und kann eine Anhörung beantragen. Über eine mögliche Strafe entscheidet nun die Rechtsprechende Kammer unter dem Vorsitz des Australiers Alan Sullivan. Der reguläre Chef des Gremiums, Hans-Joachim Eckert, tritt wie üblich als Landsmann des Beschuldigten nicht in Aktion.

          Der 65 Jahre alte Niersbach war im Zuge des WM-Skandals zwar als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes zurückgetreten, sitzt als deutscher Vertreter aber noch immer im Council der Fifa und im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union Uefa. Vor knapp zwei Monaten hatte die Ethikkommission offiziell Ermittlungen gegen die deutschen WM-Macher eingeleitet. Das Verfahren richtet sich neben Niersbach auch gegen Franz Beckenbauer, Helmut Sandrock, Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger und Stefan Hans.

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          Grundlage der Fifa-Ermittlungen ist der Untersuchungsbericht der Wirtschaftskanzlei Freshfields, die vom DFB mit der Aufklärung der Affäre beauftragt worden war. Nach Erkenntnissen dieser internen Ermittlungen wusste Niersbach spätestens im Juni 2015 von verdächtigen Geldflüssen rund um die WM-Vergabe, hatte das DFB-Präsidium aber monatelang bewusst nicht darüber informiert. „Was die WM angeht, habe ich für mich ein absolut reines Gewissen“, sagte Niersbach der „Welt am Sonntag“ Anfang März. „Was die Vorgänge ab Sommer 2015 angeht, muss ich bekennen, dass ich mich bemüht habe, Klarheit in die Sache zu bringen. Rückblickend muss ich sagen, dass ich das Präsidium früher hätte informieren sollen. Das bedaure ich.“

          In ihrem mehr als 300-seitigen Report hatten die Freshfields-Ermittler Anfang März veröffentlicht, dass es zwar zum damaligen Stand keine Beweise für einen Stimmenkauf vor der Vergabe der WM im Jahr 2000 gebe. Man könne diesen Verdacht gegen die deutschen WM-Bewerber aber auch nicht entkräften. Der Deutsche Fußball-Bund drängt auf ein schnelles Fifa-Urteil in Sachen Niersbach. Es entspreche „den Regeln eines fairen Verfahrens, die endgültige Entscheidung der Beschlusskammer der Fifa-Ethikkommission abzuwarten“, teilte der neue DFB-Chef Reinhard Grindel schriftlich mit. „Ich wünsche mir jedoch, dass alle Verfahrensbeteiligten dafür sorgen, dass diese Entscheidung zügig getroffen wird und der DFB damit Rechtssicherheit hat.“

          Die vier Fifa-Paragrafen, gegen die Niersbach verstoßen haben soll

          Die Untersuchungskammer der Fifa-Ethikkommission wirft dem früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach Verstöße gegen vier Paragrafen des Fifa-Ethikcodes vor. Demnach soll er die Absätze 13, 15, 18 und 19 verletzt haben. Die Deutsche Presse-Agentur hat die einzelnen Paragrafen kurz aufgelistet:

          § 13 - Allgemeine Verhaltensregeln: Hiermit soll sichergestellt werden, dass die im Namen der Fifa handelnden Personen sich auch an die Gesetze der Fifa halten. Sie seien zu „ethischem, würdevollem, absolut glaubwürdigem und integrem Verhalten verpflichtet“ und dürfen „ihre Stellung insbesondere nicht für private Zwecke oder persönliche Vorteile ausnutzen.“

          § 15 - Loyalität: Dieser Passus besteht aus lediglich einem Satz. „Diesem Reglement unterstellte Personen verhalten sich gegenüber der Fifa, den Konföderationen, Verbänden, Ligen und Klubs absolut loyal.“

          § 18 - Anzeige- sowie Mitwirkungs- und Rechenschaftspflicht: Hier wird geregelt, dass Verstöße gegen diesen Paragrafen sofort der Untersuchungskammer gemeldet werden müssen. Sollte die Kammer einen Fifa-Akteur dazu auffordern, muss dieser auch Rechenschaft über seine Einkünfte ablegen „und angeforderte Belege zur Einsichtnahme vorlegen.“

          § 19 - Interessenkonflikte: Diese Regel soll vermeiden, dass Fifa-Akteure in Interessenkonflikte geraten. „Private oder persönliche Interessen umfassen jeden möglichen Vorteil für sich selbst, ihre Familie, Verwandten, Freunde und Bekannten“, heißt es. Sollte ein solcher Interessenkonflikt dennoch bestehen, darf das entsprechende Amt nicht ausgeübt werden.

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