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WM 1982: „Die Schande von Gijon“ : Fußballverhinderungserfolg

Das Tor, das beiden reichte: Hrubesch traf zum 1:0 Bild: picture-alliance/ dpa

Heute vor 25 Jahren trieben Deutsche und Österreicher in Gijon ihr schändliches Spiel. Es war ein Spiel, das zwei Länder weiterbrachte, aber zwei Fußballnationen und ihr Verhältnis zu den eigenen Fans jahrzehntelang belasten sollte.

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          Captagon soll Kickern Flügel verliehen haben in den achtziger Jahren, das legt manche Aussage der letzten Wochen nahe. Tatsächlich scheint es im Rückblick, als wäre der Fußball nach dem fließenden Spiel der Siebziger damals aggressiver geworden, zerstörerischer, ja: aufgeputschter.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Etwa bei der WM 1982, als der Italiener Gentile den jungen Maradona vorsätzlich aus dem Spiel trat und Torwart Schumacher den Franzosen Battiston brutal ins Gipsbett beförderte: derselbe Schumacher, der sich später mit seinen Dopingbekenntnissen im Buch „Anpfiff“ um Kopf und Kragen schrieb.

          Die Schande von Gijon

          Wenn es aber eine Partie gab, die jedem Aufputsch-Verdacht fern scheint, dann eine, die ebenfalls in jenem spanischen Sommer stattfand: am 25. Juni 1982, heute vor 25 Jahren. Es war ein Spiel, das zwei Länder weiterbrachte - in die WM-Zwischenrunde - und das zwei Fußballnationen und das Verhältnis zu den Fans, auch den eigenen, jahrzehntelang belasten sollte: der „Nichtangriffspakt von Gijon“.

          Verraten und verkauft: Algerische Fans
          Verraten und verkauft: Algerische Fans : Bild: picture-alliance/ dpa

          Wenn Captagon das Mittel der Wahl war, um an die „geschützten Reserven“ des Körpers zu gehen, dann waren Deutschland und Österreich damals offenbar im Besitz einer Wunderdroge, die bewirkte, dass man nie auch nur in die Nähe irgendeiner Reserve kam.

          In Gijon rannten nicht mal die Deutschen

          Siebzig Jahre lang hatten die Fußballnachbarn vor allem den Gegensatz gepflegt. Der Kabarettist Werner Schneyder, ein Österreicher, beschrieb ihn so: „Der deutsche Fußballer zeigt seinem Publikum freudig und gerne, dass er es sich leisten kann, geradezu aus Lust noch mehr zu laufen, als es der Spielverlauf erforderte. Der österreichische Fußballer will vom Urbeginn an aus dem Stand gewinnen. Er hat nun erfahren müssen, dass das nicht geht. Also bringt er jetzt ein sichtbares Opfer - er läuft -, aber er besteht darauf, dass das Opfer als solches anerkannt wird.“ Doch in Gijon rannten nicht mal die Deutschen.

          Der WM-Modus hatte die Algerier, die Deutschland besiegt und gegen Österreich verloren hatten, schon einen Tag zuvor gegen Chile antreten lassen. So wussten beide Gegner in Gijon, dass ein knapper deutscher Sieg beiden weiterhalf. Nach elf Minuten war das Wunschresultat erreicht, dann geschah nichts mehr. Die ohnmächtigen Algerier wedelten auf der Tribüne mit Geldscheinen. ARD-Reporter Eberhard Stanjek nannte das Spiel „schändlich“. Eine spanische Zeitung behandelte es im Polizeibericht.

          Kein Anstand, keine Professionalität

          Mindestens so skandalös wie das Spiel war die Taktlosigkeit der Spieler. Es war jene zynische Zwischengeneration deutscher Fußballprofis, die nicht mehr den altmodischen Anstand der Altvorderen zeigte und noch nicht das professionelle Bewusstsein für öffentliche Wirkung, das zum Berufsbild kickender Medienprofis von heute gehört. So stahlen sich Sieger und Besiegte nicht etwa vom Ort der Darbietung, sondern gratulierten und tätschelten einander minutenlang.

          Es war ein GAU fürs Image der Beteiligten, und das Schlimmste: dass sie es gar nicht kapierten. Noch ein Vierteljahrhundert später sah sich Hans-Peter Briegel genötigt, jeden Hauch von Reue über die „Schande von Gijon“ wegzuwischen. „Ich muss mich für nichts entschuldigen“, sagte er Anfang 2007, kurz vor dem Scheitern als Nationaltrainer in Bahrain. Dort hatte ihn ein arabischer Reporter mit den Worten zitiert, die deutsche Elf habe damals „geschummelt“, es tue ihm leid. Alles „Quatsch“, dementierte Briegel, der sich falsch ins Arabische übersetzt fühlte: „Damals war nichts abgesprochen, das ist im Spiel einfach so passiert.“

          Eine typische Wurstel-WM

          Seit 1982 stand die deutsche Elf im Ruf, das Spiel dem Erfolg zu opfern. Sie bestätigte das zwanzig Jahre lang, indem sie sich bei der WM meist „durchmogelte“. Von den folgenden 33 WM-Partien nach Gijon konnten nur zwei wirklich begeistern: 1990, in der bald verflogenen Euphorie des Vereinigungssommers, gegen Jugoslawien und Holland. Auch der Weg ins Halbfinale 2002 war eine typische Wurstel-WM, bis man am 25. Juni 2002, exakt zwanzig Jahre nach Gijon, auf den WM-Gastgeber Südkorea traf.

          Und da erst ließ das heimische Publikum sein rituelles Genörgel an der Art deutscher Siege sein; und da, endlich, spielte das deutsche Team wieder aufregend nach vorn und tut es bis heute. Die neun WM-Spiele vom 20-jährigen bis zum 25-jährigen Gijon-Jahrestag, zwei unter Völler, sieben unter Klinsmann, haben allesamt begeistert. Die Sache scheint ausgestanden.

          Vergessen, wie's geht

          Südlich der Grenze aber vielleicht noch nicht. Österreich hat nach Gijon nur noch ein einziges WM-Spiel gewonnen. Im nächsten Jahr ist man EM-Gastgeber, doch das bisher beste Resultat des Nationalteams 2007 ist ein 1:1 gegen Malta.

          Es scheint, als hätten sie seit jenem Tag vor 25 Jahren, an dem sie freiwillig aufs Fußballspielen verzichteten, vergessen, wie es geht. Beim Bau des EM-Stadions in Klagenfurt wurde auf die Lage mit einer neuen Bildungsstätte reagiert: dem „Ballsportkompetenzzentrum“.

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