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FC Famalicão : Portugals kleines Fußballwunder

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Grund zum Jubeln: Der FC Famalicão ist überraschend Tabellenführer in Portugals erster Liga. Bild: dpa

Ein Provinzklub namens FC Famalicão bricht die Dominanz der großen drei Klubs in Portugal. Dahinter steckt auch Ronaldos Spielerberater.

          3 Min.

          Die Fußballmeisterschaft ist in Portugal für gewöhnlich ein Dreikampf. Seit der Gründung der portugiesischen Liga vor 85 Jahren konnten nur zwei Vereine die Dominanz der drei großen Fußballklubs FC Porto, Benfica und Sporting Lissabon durchbrechen. Doch seit ein paar Wochen erlebt das Land ein kleines Fußballwunder: An der Tabellenspitze thront der FC Famalicão – ein Aufsteiger, der 1978/79 mit dem 13. Tabellenplatz seine bisher beste Leistung in der obersten Spielklasse vorzuweisen hatte. Nach einem Remis und sechs Siegen, darunter ein Auswärtserfolg bei Sporting Lissabon, liegt der Verein aus der nordportugiesischen Stadt Vila Nova de Famalicão einen Punkt vor Benfica und Porto. „Wir wollen uns mittelfristig in der Spitze des portugiesischen Profifußballs festsetzen“, sagt Geschäftsführer Miguel Ribeiro.

          Vor zehn Jahren stand der Verein am Abgrund. Der damalige Viertligaklub hatte Schulden in Höhe von 2,5 Millionen Euro und verlor zudem einen großen Teil der finanziellen Unterstützung der Kommune. Für die 133.000-Einwohner-Stadt Vila Nova de Famalicão, die immer eine sehr starke Beziehung zu ihrem Fußballverein hatte, war das eine mittelschwere Katastrophe. Die Krise im Klub stand beispielhaft für eine ganze Region.

          Entlang des Flusses Ave sind in Nordportugal seit Beginn des 20. Jahrhunderts viele Textilindustriebetriebe entstanden, die jedoch mit dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation und der EU-Ostererweiterung in eine tiefe Krise schlitterten. Mittlerweile geht es der Region wieder besser, die Arbeitslosigkeit ist von über 17 auf 7 Prozent gefallen. Dass gleichzeitig der FC Famalicão anfing, seine sportliche Erfolgsgeschichte zu schreiben, hat aber nichts mit dem Wirtschaftsboom zu tun, sondern mit den Geschäftsmodellen von Portugals berühmtem Fußballagenten Jorge Mendes.

          Strippenzieher Jorge Mendes

          Der Spielerberater von Cristiano Ronaldo war in den vergangenen Jahren eigentlich mit einem anderen portugiesischen Erstligaklub verbunden: Seit 2015 leitete Mendes’ Kommunikationsfirma Polaris das Marketing und die Kommerzialisierung des Rio Ave FC, eines Klubs, der nur 30 Kilometer westlich von Famalição zu Hause ist. Mendes nutzte den Verein auch, um die Karrieren seiner von ihm betreuten Spieler zu lancieren oder wieder in Schwung zu bringen. Laut einem von Reuters enthüllten Football-Leaks-Dokument wollte Mendes im Sommer 2016 den chinesischen Großkonzern Fosun mit ins Boot holen, um aus Rio Ave eine lukrative Drehscheibe für Spielerverkäufe zu machen.

          Portugal schien für die chinesischen Investoren der ideale Markt zu sein, weil der Fußball weniger reguliert ist und gleichzeitig viele Talente auch mit Hilfe von Jorge Mendes exzellent vermarktet werden. Doch der Plan scheiterte: Zum einen lehnten es die Vereinsmitglieder von Rio Ave ab, aus dem Klub eine Aktiengesellschaft (S.A.D.) zu machen, und Fosun kaufte schließlich den englischen Fußballverein Wolverhampton Wanderers.

          Die Idee, die hinter dem Projekt Rio Ave stand, scheint sich nun doch zu verwirklichen: an anderer Stelle und mit einem anderen Investor, aber – laut portugiesischen Medienberichten – immer noch mit dem Strippenzieher Jorge Mendes. Im Juni 2018 kaufte die Quantum Pacific Group, ein Unternehmen des israelischen Multimilliardärs Idan Ofer, 51 Prozent der FC Famalicão S.A.D., und in einer zweiten Phase vor wenigen Wochen erhöhte Ofer seinen Anteil auf 85 Prozent. Der Unternehmer hatte vor knapp zwei Jahren bereits ein Drittel des spanischen Traditionsvereins Atlético Madrid erworben – und hier mag auch die Beziehung zu Jorge Mendes gewachsen sein: Der Berater hat mit Atlético zahlreiche hochdotierte Transfers abgeschlossen, zuletzt den Kauf des portugiesischen Stürmertalents João Felix für 126 Millionen Euro.

          Wie Famalicão im portugiesischen Fußball überleben will

          In Famalicão hat sich das Engagement des finanzstarken Investors ausgezahlt: In der vergangenen Saison schaffte der Klub den Aufstieg in die erste Liga, und das brachte die Fußball-Begeisterung zurück in die Region: Mit einem Schnitt von rund 3500 Zuschauern hatte der Verein nicht nur den besten Zweitligawert, sondern konnte mehr Fans hinter sich versammeln als ein Drittel aller portugiesischen Erstligateams. Ein neu eröffneter Fanshop bricht nun Woche für Woche Verkaufsrekorde, und zum Spitzenspiel beim Tabellendritten FC Porto am nächsten Wochenende wollen 2500 Famalicão-Fans anreisen.

          An der Spitze der neuen Fußball-AG steht Miguel Ribeiro, der zwischen 2011 und 2018 Sportdirektor von Rio Ave war und mitgeholfen hat, den Verein zum ersten Mal in die Europa League zu führen. Ribeiro verpflichtete als Famalicão-Chefcoach João Pedro Sousa, der als Co-Trainer von Marco Silva bei Sporting, Olympiakos, Hull City, Watford und Everton viel Erfahrung gesammelt hat, aber erst jetzt sein eigenes Projekt beginnt.

          Aus seiner Zeit bei Rio Ave hat sich Geschäftsführer Ribeiro bereits an ein ständiges Kommen und Gehen von Leihspielern gewöhnt. Auch der FC Famalicão hat diese Saison zehn Spieler ausgeliehen, sechs davon stammen aus finanzstarken Vereinen wie Atlético Madrid, Valencia und Wolverhampton. Famalicão will jedoch in Zukunft junge Talente länger an den Verein binden: „Wer im portugiesischen Fußball überleben will, muss sich regelmäßig über Spielerverkäufe finanzieren“, sagt Ribeiro. Zu den Perlen im Kader des FC Famalicão gehören auch zwei portugiesische Nachwuchsspieler: Diego Gonçalves und Guga Rodrigues. Ihr Spielerberater heißt – wie könnte es anders sein – Jorge Mendes.

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