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Neuordnung der Nationalelf : Wie sich die Kräfte im DFB-Team verschieben

Thomas Müller spielte schon wieder nicht von Beginn an in der DFB-Elf. Bild: AP

Nach dem WM-Debakel ändert sich nun das Gesicht der deutschen Fußball-Nationalmannschaft immer mehr. Das ist nicht nur auf dem Platz zu sehen. Auch abseits davon tut sich Bemerkenswertes.

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          Thomas Müller, 29 Jahre alt, steht vor einem besonderen Jubiläum. Am Montag könnte er gegen die Niederlande in Gelsenkirchen sein hundertstes Länderspiel machen. Damit wäre er Mitglied in einem ziemlich exklusiven Klub. Vor ihm haben das aus Ost und West erst 14 Spieler geschafft. Am Donnerstagabend, nach dem 3:0 gegen Russland in Leipzig, war ihm das allerdings keine besondere Würdigung wert. Das sei „eine Zahl, auf die viel geschaut wird“, sagte Müller, und „vielleicht im Rückblick irgendwann was Besonderes“.

          Fußball-Länderspiele

          Aber er konzentriere sich jetzt „mehr aufs Fußballerische als auf die Statistiken nebendran“. Müller, darauf darf man getrost setzen, wird noch auf Nummer 100 kommen – die Frage ist nur: Unter welchen Umständen? Joachim Löw hatte am Tag vor dem Russland-Spiel in Leipzig noch einmal eine kleine Lobeshymne auf Müller gesungen, darauf, wie viel Energie er der Mannschaft gebe und wie er „die Jungen führen kann, sie antreibt“, aber auch auf seine ureigenen Qualitäten, vor allem die, „in die Tiefe zu gehen“. Müller, sagte Löw schließlich, sei „ein Spieler, der immer in der Lage ist, Spiele zu entscheiden“.

          Am Mittwoch sah Müller dann 73 Minuten von außen zu, wie andere in die Tiefe gingen, Timo Werner und Leroy Sané vor allem, aber auch Serge Gnabry. Und genauso wie alle anderen, die das Spiel verfolgten, sah Müller auch, dass diese jungen Leute dabei ziemlich gut allein klarkamen. Ohne seine Führung. Daraus machte Müller selbst kein Hehl. Tatsächlich wirkte er ganz und gar aufgeräumt, als er später davon schwärmte, wie diese junge deutsche Mannschaft, die mit einem Schnitt von 24,46 Jahren jüngste seit dem Confed Cup, „super angefangen“ und gerade diese Wege in die Tiefe, sein Spezialgebiet, „super wahrgenommen“ habe. Vor allem aber freute er sich über das Gefühl des Sieges, das der Nationalmannschaft ja erst zum vierten Mal in diesem Annus horribilis vergönnt war. Aber die Frage, auf die es zugespitzt hinausläuft, ist eben auch diese: Ob Müller, 99 Länderspiele, künftig Faktor oder Faktotum sein wird im deutschen Spiel?

          Dass sich das Kräfteverhältnis weiter in Richtung der jungen Generation verschoben hat, war jedenfalls an allen Ecken und Enden zu sehen in Leipzig. Das betraf vor allem das Selbstbewusstsein und den Spaß, mit denen die deutsche Mannschaft eine Halbzeit lang zu Werke ging, aber auch die Art und Weise, wie sie hinterher selbstbewusst darüber sprach – oder, je nachdem, die Fragesteller auch ganz selbstbewusst einfach stehenließ. Ganz dankbar war die Aufgabe ja nicht im Leipziger Stadion, dessen Tribünenleerstand Joshua Kimmich an ein „Hallenbad“ denken ließ – wegen der blauen Sitze –, und das zugleich eine unangenehme Novemberkälte verströmte.


          Aber die Freude kam beim Spielen und damit allmählich auch bei den gut 35.000 Zuschauern an. Am meisten galt das für Kai Havertz und Serge Gnabry, aber auch Leroy Sané und Thilo Kehrer, die beiden verschworenen Freunde, wussten für sich zu werben. Wenngleich die Russen wahrlich kein Maßstab waren: Sie machten keine Anstalten, den Deutschen irgendwie zu nahe zu treten. Aber man konnte das ja einfach mal für sich stehen lassen. So wie Kimmich das tat, der erfahrenste unter den aufstrebenden Jungen und zugleich so etwas wie ihr natürlicher Anführer: „Wir haben gezeigt, dass wir’s auch draufhaben.“ Das hatte durchaus etwas Programmatisches.

          Havertz, der jugendliche Chefstratege, erklärte frank und frei, warum er sich auf der Position des „Zehners“ am wohlsten fühle, „auch im Verein“ übrigens: weil er dort besonders gut ins Spiel eingebunden sei und „andere glänzen lassen“ könne. Er tat das zur Genüge, auch weil er bestens mit Gnabry harmonierte, dem Mann, der eigentlich lieber auf den Flügeln unterwegs ist, für Joachim Löw aber derzeit in zentraler Rolle „am besten“ zur Geltung kommt. Gnabry, so sein Münchner Klubkollege Kimmich, sei einer, der im Spielaufbau entgegenkomme, mit den Bällen etwas anzufangen wisse, dabei eine „brutale Dynamik“ und ein „sehr gutes Gefühl für den Raum“ habe. Zu sehen etwa beim 1:0, das Sané leichtfiel nach Vorarbeit von Kehrer und Gnabry, es war zugleich, nach einigem Anlauf, Sanés erstes Tor für das Nationalteam (8. Minute). Nach dem 2:0 durch Niklas Süle (25.), dem nach einem Eckstoß der Ball vor die Füße fiel, zeigte Gnabry dann nach Vorlage von Havertz noch, dass er neben den von Kimmich erwähnten Tugenden auch einen brutalen Abschluss besitzt (40.).


          Über diesen Gnabry hatte Löw am Vortag gesagt, dass er schon 2014 einer der WM-Kandidaten gewesen, danach aber von Verletzungen aufgehalten worden sei. Das traf zu, es fügte sich aber andererseits auch ein in eine Erzählung, die der Bundestrainer – und nicht nur er – schon seit einiger Zeit unter die Leute zu bringen versucht: in der selbstverständlich er Herr des Prozesses ist, was gerade in und mit dem Nationalteam geschieht. Und schon immer war. Auch Reinhard Grindel sah den Bundestrainer in Leipzig auf dem Weg zu einer vorbildlichen Planerfüllung. „Wir wussten, es gibt nach der WM einen Umbruch, dieses Gesicht der neuen Mannschaft, die die Qualifikation bestehen muss, entwickelt sich jetzt“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. „Genau so haben wir uns das vorgestellt.“ Inwieweit auch das 0:3 in de Niederlanden zu diesem ausgeklügelten Plan gehört haben könnte, ließ Grindel indes unerwähnt. Dabei waren es doch nach einer anderen Lesart erst jene 90 Minuten von Amsterdam, die das schafften, was vier bleierne Halbzeiten bei der WM und eine zweimonatige Analyse nicht vermocht hatten: auch dem Bundestrainer zu zeigen, dass es so wie vor und in Russland nicht weitergeht.

          Fragt sich also, wie nun die Fortsetzung dieser märchenhaften Geschichte aussehen wird. Eigentlich könnte Löw einfach da anknüpfen, wo er in Paris beim 1:2 gegen Frankreich angefangen und jetzt in Leipzig weitergemacht hat. Um seinen Job muss er sich aktuell keine Sorgen (mehr) machen. Zudem hatte er deutlich gemacht, dass ihn nicht nur ein Abstieg in der Nations League mehr oder weniger kaltlasse, sondern auch die Frage, ob sein Team als Gruppenkopf in die EM-Qualifikation geht oder nicht. Spricht alles für die Fortsetzung eines mutigen Kurses, eigentlich. Es sei denn, man wollte unbedingt zeigen, wer hier Herr des Prozesses ist.

          Länderspiel

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