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Megan Rapinoe : Die Jeanne d’Arc des internationalen Fußballs

  • -Aktualisiert am

Selbstbewusst und kämpferisch: Megan Rapinoe Bild: Reuters

Energie hat sie für zwei Leben: Die amerikanische Weltmeisterin kämpft für Gleichberechtigung, gegen Rassismus und gegen Trump. Der Fußball ist für Megan Rapinoe ein Vehikel für das, was wirklich zählt.

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          Es gehört etwas mehr dazu als ein paar Erfolge, um eine Ikone des amerikanischen Sports zu werden. Aber nur wenige erleben den mühsamen Weg als konstantes Abenteuer an der Grenze zum Scheitern. Mit häufigen Zwischenstopps im Krankenhaus und dem Neubeginn auf Krücken. Und mit intensiven Selbstbefragungen zur gesellschaftlichen Akzeptanz als lesbischer Frau in einer orthodox tickenden Gesellschaft.

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          Schon allein deshalb fällt die Ausnahme-Fußballspielerin Megan Rapinoe aus dem Rahmen. Aber als ob drei Kreuzbandrisse und ihr Coming-out 2012 nicht schon genug an Energie verschlissen hätten, nahm sie vor vier Jahren einen weiteren Kampf auf: Da wurde sie zur Jeanne d’Arc des internationalen Fußballs, als sie mit ihrem Kniefall beim Abspielen der Nationalhymne öffentlich gegen Rassismus und Polizeibrutalität demonstrierte. Funktionäre reagierten nervös. Aber das schüchterte Rapinoe nicht ein.

          Als Kapitänin der Nationalmannschaft akzeptierte die Vierunddreißigjährige mit dem strammen Spannschuss auch noch die Rolle als Sprachrohr für bessere Bezahlung. Und ließ sich während der erfolgreichen WM 2019 auf ein Fernduell auf Twitter mit Präsident Donald Trump ein, den sie bei der Gelegenheit als Spaltpilz der amerikanischen Gesellschaft bloßstellte.

          Wer den aktuellen Zwischenstand ihrer Tumulte und Techtelmechtel kennenlernen will und ihre Gedanken zu den politischen Herausforderungen in den Vereinigten Staaten im Spätherbst 2020, hat erstmals zwei Optionen: Er kann sich durch die Archive wühlen, in denen es Material zuhauf gibt (darunter ältere Videos, auf denen sie Gitarre spielt und selbstkomponierte Lieder singt, und die Geschichte, wie sie mit fuchsiafarbenen Haaren vom Friseur wiederkam). Oder er besorgt sich ein Buch, das an diesem Montag erscheint – parallel in den Vereinigten Staaten und auf Deutsch.

          Ihre Autobiographie hat in beiden Ausgaben den Titel „One Life“ (Goldmann, 250 Seiten, 20 Euro) und signalisiert damit, um was es bei diesem Projekt hauptsächlich ging: den einen plausiblen Erklärungsstrang für eine rasante Abfolge von Hochs und Tiefs zu liefern, für die andere vermutlich zwei Leben bräuchten. Hinweise für junge Sportler, die ins Rampenlicht drängen, enthält das Buch nicht. Sport, so verriet sie vorneweg, sei nur das Vehikel, „um über das zu reden, was ich als die wichtigste Arbeit in meinem Leben betrachte, also all die Sachen, die wir außerhalb des Spielfelds tun“.

          Megan nutzt ihren Ruhm offensiv

          Sie gibt auch einen Rückblick auf Herkunft und Werdegang, der in der kleinen, konservativ geprägten nordkalifornischen Stadt Redding begann. Weit vom Schuss jener politischen und demographischen Strömungen, die das Land langsam, aber sicher umwälzen. Ihre Mutter arbeitete als Kellnerin, ihr Vater auf dem Bau. Zu ihren fünf Geschwistern gehören ein Bruder, der aufgrund von Drogenproblemen im Gefängnis landete, und die Zwillingsschwester Rachael, die ebenfalls als Fußballerin reüssierte, wenn auch nicht ganz so erfolgreich. Megan nutzt ihren Ruhm inzwischen offensiv. Zum Beispiel mit einer Bekleidungsmarke namens „Re-Inc“, die sie zusammen mit den Nationalspielerinnen Tobin Heath, Christen Press und Meghan Klingenberg gegründet hat. Ihre modische Philosophie: Garderobe, die geschlechtsneutral gestaltet ist.

          Sehr viel stiller ist es seit Mai im Streit mit US Soccer geworden. Damals wies das angerufene Gericht in Kalifornien den Vorwurf zurück, dass die Frauennationalmannschaft unfair entlohnt werde. „Ich war schockiert“, sagte Rapinoe. Denn die Forderung der Spielerinnen basiert nicht nur auf nackten Zahlen, die besagen, dass sie große Summen für den Verband einspielen. Sondern auch auf ihren Erfolgen. Die Amerikanerinnen haben vier olympische Goldmedaillen und ebenso viele WM-Titel gewonnen. Die Männer kamen bei einer WM noch nie über das Viertelfinale hinaus.

          Seit der Entscheidung, gegen die die Spielerinnen in die Berufung gehen wollen, kam es zu einem Wechsel an der Verbandsspitze. Präsidentin ist nun Cindy Parlow Cone, eine ehemalige Nationalspielerin. Sie hatte sich gleich bei Megan Rapinoe dafür entschuldigt, dass sie der Verband wegen des Hymnenprotests abzustrafen versucht hatte. Auch im anhängigen Zwist ums Geld klang sie versöhnlich: „Ich will eine Lösung finden. Als Partner, als Mannschaftskameraden. Zusammen mit unseren Spielerinnen.“

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