https://www.faz.net/-gtl-940cj

Premier League : Wie in der Oper

  • -Aktualisiert am

Englischer Fußball: Der hübsche Slogan „The People’s Game“ gilt nicht mehr. Bild: Reuters

Die günstigste Tageskarte für 29 Pfund. Junge Fußball-Fans können sich die Spiele der englischen Premier League kaum noch leisten. Der hübsche Slogan „The People’s Game“ gilt nicht mehr.

          3 Min.

          Die gute Nachricht vornweg: Die Klubs der englischen Premier League haben in dieser Saison mehr als 80 Prozent der Ticketpreise entweder auf dem Vorjahresniveau belassen oder sie sogar leicht reduziert. Das hat die „BBC“ in ihrer jährlichen „Price of Football“-Studie ermittelt. Die schlechte Nachricht: Fair sind die Eintrittspreise in Englands funkelnder Eliteklasse dadurch noch lange nicht. Die günstigste Dauerkarte kostet im Schnitt noch immer 464 Pfund (523 Euro), die teuerste gut 843 Pfund (951 Euro). Zum Vergleich: Saisontickets in der Bundesliga bekommt man schon für unter 200 Euro. Auch bei den Tagestickets müssen englische Fans tiefer in die Tasche greifen, hier liegt der Schnitt für die günstigste Karte bei mehr als 29 Pfund. „The People’s Game“, das Spiel des Volkes: Im Mutterland des Fußballs und der Fankultur stimmt dieser Spruch schon sehr lange nicht mehr.

          Vor allem junge Fans und solche mit wenig Einkommen können es sich oft nicht mehr leisten, zum Fußball zu gehen. Zum ersten Mal hat die „BBC“ in diesem Jahr deshalb zusätzlich eine Umfrage unter jungen Erwachsenen organisiert, konkret hat sie 1000 Fans zwischen 18 und 24 Jahren befragt. Vier von fünf (82 Prozent) gaben dabei an, wegen zu teurer Eintrittspreise nur selten ins Stadion zu gehen – wenn überhaupt. Für Kinder und Jugendliche gibt es zwar deutliche Vergünstigungen, doch mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter schießen die Preise in die Höhe. Beim FC Arsenal können Mitglieder zwischen 16 und 19 Jahren eine Dauerkarte für „nur“ 384 Pfund kaufen, danach müssten sie für das billigste Saisonticket gleich 891 Pfund berappen.

          Aus den offiziellen Zahlen der Premier League geht hervor, dass in der laufenden Saison, in der an diesem Dienstag Abend der erste Teil des 14. Spieltags absolviert wird, gerade mal vier Prozent der insgesamt verkauften Dauerkarten an junge Erwachsene gingen. Das durchschnittliche Alter derer, die in den Stadien sitzen, liegt demnach bei 41 Jahren. Klubs und Liga muss das bis auf Weiteres nicht nervös machen, die Stadien sind schließlich voll – die Auslastung liegt im dritten Jahr in Folge bei mehr als 96 Prozent. Ein Problem könnte es auf lange Sicht werden. Denn ob eine Generation von Fans, die nicht mehr mit der Gewohnheit aufwächst, den Fußball im Stadion zu erleben, zur nächsten Generation der Dauerkarteninhaber heranwächst, ist zweifelhaft. Die Managementetage der Premier League rauscht zwar von einem Vermarktungsexzess in den nächsten. Aber an der Basis, bei den Fans, gräbt sie sich selbst das Wasser ab.

          Die Ticket-Einnahmen sind angesichts des TV-Deals ohnehin zu einem netten Zubrot verkümmert. In- und Auslandsrechte zusammen bringen den 20 Klubs innerhalb von drei Spielzeiten insgesamt mehr als acht Milliarden Pfund ein. Selbst der Tabellenletzte bekommt in England mehr Fernsehgeld als der FC Bayern. Der Fußball-Finanzexperte Rob Wilson sagte der „BBC“, bei manchen Premier-League-Klubs mache das Geld aus TV-Übertragungsrechten heute um die 70 Prozent der gesamten Einnahmen aus; noch mehr sei es bei den Vereinen, die zusätzliches Einkommen aus internationalen Wettbewerben kassieren. Es ist also nicht wirklich überraschend, dass die Klubs die Ticketpreise einfrieren oder leicht reduzieren – leisten können sie sich das allemal. Sie könnten dabei sogar noch viel weiter gehen, aber so lange Touristen und besser verdienende Fans auch so noch ins Stadion kommen, sehen sie dazu keinen Anlass.

          Es ist nicht so, als würde die Premier League gar nichts zum Wohl der Fans unternehmen. Sie will immerhin ein Produkt vermarkten, das auch am Fernseher unter anderem über die angeblich so berauschende Atmosphäre in den Stadien funktioniert. Und die erzeugen nun mal die „echten“ Fans, wenn man sie denn lässt. So dürfen seit der vergangenen Saison Tickets für Auswärtsfahrer nicht mehr als 30 Pfund kosten. Die Vereine haben einstimmig für die Deckelung gestimmt. Sogar die Wiedereinführung von Stehplätzen scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Die alten „Terraces“ waren in Folge des Desasters von Hillsborough im Jahr 1989 in den Stadien der ersten beiden Ligen verboten worden. Nun aber signalisieren Liga und Politik ihre Bereitschaft, das Verbot zu lockern – die Fan-Vereinigung „Football Supporters’ Federation“ (FSF) kämpft seit Jahren leidenschaftlich dafür. Sollte es dazu kommen, könnte es den Stadionbesuch vor allem für junge Fans wieder attraktiver machen, die beim Fußball nicht nur still auf ihren Plastiksitzen hocken möchten.

          Ob mit der Einführung des „Safe Standing“ auch die Ticketpreise weiter und signifikanter fallen würden – so jedenfalls erhofft es sich die FSF –, muss dagegen bezweifelt werden. Das Beispiel Schottland, wo der Celtic FC solche Plätze bereits vor der vergangenen Saison eingeführt hat, zeigt, dass die Nachfrage bei den Fans riesengroß ist. Und die bestimmt auch im Milliarden-Business Premier League bekanntlich den Preis.

          Weitere Themen

          Dieser Mann versöhnt Arm und Reich

          Branko Milanović : Dieser Mann versöhnt Arm und Reich

          Der Ungleichheitsforscher Branko Milanović kann viele Probleme der Welt mit einer einzigen Grafik erklären. Jetzt hat er auch Ideen, wie sich Arm und Reich versöhnen können.

          Topmeldungen

          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.
          Das Brexit-Abkommen sei nur ein erster Schritt, dem die Regelung des Verhältnisses zwischen der EU und dem Nichtmitglied Großbritannien folgen müsse, sagt Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier.

          Ringen um den Brexit : Gibt es doch noch einen neuen Deal?

          Noch ist in den Brexit-Verhandlungen alles offen. Doch in Brüssel wird bereits mit Argusaugen verfolgt, wie sich jene Unterhaus-Abgeordneten positionieren, auf deren Unterstützung Johnson für ein Abkommen angewiesen ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.