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Frankfurt in Europa League : Der Kälte mit heißem Herzen trotzen

Kältetest: Eintracht-Profi Ante Rebic beim Training in Charkiw Bild: dpa

Nicht nur der Gegner Schachtar Donezk ist unangenehm, auch die äußeren Bedingungen: Die Eintracht geht die Aufgabe mit Vorfreude an – unterstützt von Tausenden mitgereisten Fans. Dabei haben alle ein gemeinsames Ziel.

          Es sind mittlerweile mehr als hundertfünfzig Pflichtspiele zusammengekommen für Danny da Costa, seit er sich 2011 entschied, sein Glück als Fußballprofi zu suchen. Eine Partie ist ihm unvergessen: Mitte Februar vor acht Jahren gehörte der Verteidiger als Nachwuchs-Talent zum Aufgebot von Bayer Leverkusen bei der Europa-League-Auswärtspartie in Charkiw. Die Begleitumstände der Begegnung, die beim 2:0 für ihn und seine von Jupp Heynckes angeleiteten Kollegen erfolgreich ausging, waren gewöhnungsbedürftig: Das Thermometer fiel auf 15 Grad unter den Gefrierpunkt. Beim Abschlusstraining wollte sich da Costa mit Manuel Friedrich den Ball zupassen, doch auf dem gefrorenen Untergrund versprang die Kugel, prallte gegen ein Markierungshütchen – und der Plastikkegel zerfiel in Folge des eisigen Windes, der den Kunststoff mürbe gemacht hatte, in zwei Teile.

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          „Es war verdammt schattig“, erinnert sich da Costa an den Trip, der sich nun unter anderen Vorzeichen für ihn als Stammspieler mit der Eintracht gegen Schachtar Donezk wiederholt. Ganz so frostig wie seinerzeit soll es nicht werden, doch beim Anstoß an diesem Donnerstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Europa League, bei Nitro und auf DAZN) werden ebenfalls Minustemperaturen prognostiziert – Wohlfühlklima dürfte im Metalist-Stadion von Charkiw, wohin Schachtar aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen im Land ausweicht, eher nicht aufkommen. Am Straßenrand auf dem Weg zur Arena liegt der Schnee kniehoch.

          Frankfurt muss sich international nicht verstecken

          „Die Spieler werden hoffentlich so viel laufen, dass ihnen warm wird“, sagte Trainer Adi Hütter am Mittwochabend. Auf die Frankfurter wartet eine sportliche Prüfung, die physisch und psychisch „eine Herausforderung darstellt“, wie es der Österreicher formulierte. Dass sich die Hessen international nicht zu verstecken brauchen, haben sie mit ihrem Durchmarsch durch die Vorrunde bewiesen, bei dem sie sich weder von Olympique Marseille oder Apollon Limassol noch von Lazio Rom bremsen ließen. Obwohl sie nach der Siegesserie bei der anschließenden Auslosung der ersten K.-o.-Runde mit Donezk einen denkbar unangenehmen Gegner erwischten, ist bei allem Respekt, mit dem sie nun an die nächste Aufgabe herangehen, viel Vorfreude spürbar.

          Für Hütter handelt es sich bei Schachtar „eigentlich um eine Champions-League-Mannschaft, gespickt mit vielen Brasilianern und guten Einzelspielern“. Er attestierte Donezk eine Klasse, die an die Qualität von Bayern und Dortmund heranreiche: „Sie wären in der Bundesliga vorne dabei.“ Für den Coach liegt die Chance aufs Weiterkommen bei „50:50“. Christian Peintinger, sein Assistent, mutmaßte, dass es sich als Vorteil erweisen könne, dass Schachtar zum Ausklang der in der Ukraine fast ein Vierteljahr dauernden Winterpause wohl noch nicht wieder über hundertprozentige Schlagkraft verfüge: „Man merkt es ja auch in der Bundesliga: Die ersten ein, zwei Spiele sind immer schwierig, bis man den Rhythmus gefunden hat.“ Peintinger betonte, dass vier ungeschlagene Bundesligaspiele in Serie das Frankfurter Selbstvertrauen weiter gestärkt haben.

          Wichtiger Aktivposten in der Frankfurter Offensive: Luka Jovic will auch in der Europa League Tore schießen.

          „Am besten wäre natürlich, wir gewinnen. Wichtig ist aber zunächst ein Auswärtstor“, sagte Sebastian Rode, dem selbst ein formidabler Kalt-Start in die Rückrunde gelungen ist. Nach anderthalb Jahren als Randfigur in Dortmund erkämpfte sich der Rückkehrer mit Fleiß und heißem Herzen auf Anhieb eine Stellung im Kader, was ihn nun auch gegen Donezk zum Startelf-Aspiranten macht. Der 28-Jährige gehört neben Kevin Trapp und Marco Russ zu den erfahrenen Protagonisten in Hütters Auswahl, die schon in der Saison 2013/2014 mit der Eintracht an der Europa League teilnahmen.

          Hütter, der in der Vorbereitung auf das Sechzehntelfinale alle Testspiele von Donezk in der Türkei sowie die Hinrunden-Matches gegen Hoffenheim analysierte, sagte, dass es darauf ankommen werde, „defensiv stark“ zu sein. „Wir dürfen nicht ins offene Messer laufen“, sagte der 49-Jährige, was als Indiz gewertet werden kann, dass er zu Beginn nur zwei seiner drei Top-Stürmer aufbieten wird. Da David Abraham aufgrund seiner Wadenverletzung daheimblieb, sind Hinteregger, Hasebe und N’Dicka für die Abwehrkette erste Wahl, Fernandes und Rode davor auf der Doppel-Sechs. „Damit war vor ein paar Monaten nicht zu rechnen“, räumte Rode ein, „ich freue mich auf die Stimmung.“

          Unterstützt werden er und seine Mitstreiter von Tausenden Fans – eine größere Gruppe an Gast-Anhängern hat es bei Europapokalspielen von Schachtar Donezk nach Auskunft des Vereins noch nie gegeben. Die Frankfurter Sympathisanten, die unter anderem mit dem Zug in ganztägigen Bahnfahrten und mehreren Sonderfliegern anreisen, stehen unter Beobachtung der Uefa. Nach Ausschreitungen im Dezember in Rom tritt der deutsche Pokalsieger zwei Jahre lang auf Bewährung an; neuerliches Fehlverhalten würde den Ausschluss der Frankfurter Fans für das folgende Auswärtsspiel zur Folge haben.

          „Das wäre für einen Klub, der sich stark über Europa definiert, natürlich eine Tragödie“, sagte Axel Hellmann. „Ich mag gar nicht daran denken, wenn es irgendwie zu einem Vorfall käme und wir dann ein Traumlos ziehen.“ Es sei daher in den zurückliegenden Wochen intensiv auf die eigene Klientel eingewirkt worden: „Es gab viele Gespräche in eine gute und vernünftige Richtung“, sagte das Vorstandsmitglied, der die Zuversicht äußerte, dass sich die Europa-Reise über die Ukraine hinaus fortsetzen lässt: „Ich glaube, dass gegen Donezk noch nicht Endstation ist.“ Um diesem Ziel im Frühling näher zu kommen, darf sich die Mannschaft in Charkiw am besten nicht kalt erwischen lassen.

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