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Fußball der Frauen : Der Preis der Wolfsburger Dominanz

  • -Aktualisiert am

Die Leichtigkeit des Siegens: Pernille Harder ist eine Garantin der Wolfsburger Erfolge. Bild: dpa

Die Frauen des VfL Wolfsburg gewinnen den Pokal – und damit das vierte Double in Folge. Das hat nicht nur Vorteile. Finalgegner Essen steht vor einem Umbruch.

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          Der Gesichtsausdruck verriet alles. Wer die Spielerinnen der SGS Essen nach dem Ende des Elfmeterschießens ansah, der sah vor allem eines: Leere. Es war im ersten Moment schwierig, die Niederlage, aber auch die eigene Leistung einzuordnen. So hörte sich das auch an, als Marina Hegering, die Kapitän der SGS, in einem Interview am Spielfeldrand des Kölner Stadions sagte: „Es steht die falsche Mannschaft auf dem Siegerpodest.“

          Auf dieses Siegerpodest, auf dem der goldene DFB-Pokal wartete, durften sich zum sechsten Mal ins sechs Jahren die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg stellen. Eine Mannschaft, die auf jeder Position mit Nationalspielerinnen besetzt ist und eine individuelle Qualität aufweist, wie man sie höchstens in einer anderen Mannschaft in Europa findet: in der von Olympique Lyon, das zuletzt viermal in Serie den Europapokal gewonnen hat.

          Essen verliert Substanz

          Obwohl sich Marina Hegering später doch noch milde zeigte und auf der Pressekonferenz zugab, dass doch „die richtige Mannschaft auf dem Podest steht“, bestätigten die ersten Reaktionen der Essenerinnen ein dumpfes Gefühl: dass sie ihre Niederlage gegen Wolfsburg – 3:3 nach 90 Minuten, 5:7 nach Elfmeterschießen – irgendwie nicht als gerecht empfanden. „Wäre der Pokal nach Leidenschaft vergeben worden“, sagte Hegering, „dann hätten wir gewonnen.“

          Sie läuft von der kommenden Saison an für den FC Bayern München auf – und ist damit nicht die einzige Spielerin, die die SGS Essen verlassen wird. Eine gesamte Achse bricht dem Klub weg: Neben Hegering wechseln auch Überfliegerin Lena Oberdorf (Wolfsburg), Flügelspielerin Turid Knaak (neuer Verein noch unbekannt) und Stürmerin Lea Schüller (München) den Verein. Sie alle sind während ihrer Zeit bei den Essenerinnen zu Nationalspielerinnen gereift und nahmen im vergangenen Jahr an der Frauen-WM in Frankreich teil. „Wir hätten die Ära mit diesen Mädels gerne mit einem Titel gekrönt“, sagte Trainer Markus Högner nach dem Pokalfinale: „Jetzt geht es aber darum, eine neue Mannschaft mit neuen Talenten zu entwickeln.“

          Abschied aus Essen ohne Titel: Lena Oberdorf wird mit Wolfsburg künftig öfter siegen.

          Es lässt sich nur erahnen, wie viel Aufbauarbeit auf den Verein aus dem Ruhrgebiet zukommen wird, um wieder das Endspiel in Köln erreichen zu können. Von der kommenden Saison an wird die SGS Essen neben dem SC Sand der einzige Verein der Frauenbundesliga sein, der nicht mit einem Lizenz-Männerverein fusioniert oder kooperiert. Der finanzielle Nachteil ist enorm. In den vergangenen beiden Spielzeiten verlor die SGS vier ihrer besten Spielerinnen an die Spitzenklubs aus Wolfsburg und München – trotz guter Ligaplazierungen. „Uns ist klar, dass wir Nationalspielerinnen nicht langfristig halten können. Deswegen sind wir jetzt in einer Übergangsphase. Dafür brauchen wir auch Geduld“, sagte Markus Högner. Und auch Geschäftsführer Florian Zeutschler wird beim Blick in die Zukunft nicht bange: „Was wir im Finale gesehen haben, war Werbung für die SGS. Wenn wir weiterhin an einem Strang ziehen, dann wird es uns auch mittelfristig wieder gelingen, neue Nationalspielerinnen zu entwickeln.“

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          Abgänge seien daher immer einkalkuliert: „Ich gehöre nicht zu den Leuten, die beklagen, Wolfsburg und München kauften die Liga kaputt. Diese Vereine haben einfach größere Möglichkeiten. Umso mehr freut es uns, sie mit anderen Mitteln herauszufordern zu können. Es hätte nicht viel gefehlt, um am Ende dieses Pokalfinals sagen zu können: Der VfL Wolfsburg lässt sich durch Leidenschaft und Disziplin bezwingen.“

          Wolfsburg braucht dringend Konkurrenz

          Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere, die auch VfL-Trainer Stephan Lerch ansprach, verhieß wenig Optimistisches für den Wettbewerb im Frauenfußball. Der Rückstand nach zwölf Sekunden durch Lea Schüller sowie die abermalige Essener Führung durch Hegering sei eine „neue Situation gewesen“. Es passiere nicht oft, dass sein Team „einem Rückstand hinterherlaufen muss. Da mussten wir cool bleiben“, sagte Lerch.

          In der Zeit der Essener Führung verblasste die Wolfsburger Dominanz. Weil die SGS nicht nur mit Einsatz dagegenhielt, sondern frech und furchtlos auftrat. Es spricht aber für die Stärke des VfL, dass ihm einige wenige individuelle Aktionen von Spielerinnen wie Pernille Harder genügten, um das Spiel zu gewinnen. Um sich aber dauerhaft auf Weltklasseniveau zu beweisen, benötigt es mehr als „Titel am Fließband“, wie die Wolfsburgerinnen ihr viertes Double in Serie nannten. Es benötigt Konkurrenz, einen ernsten Wettbewerb, ja, im Zweifel auch Niederlagen, um stets an das Leistungsmaximum zu gelangen.

          Das scheinen auch manche Spielerinnen erkannt zu haben. Mit Sara Gunnarsdóttir wechselte zum 1. Juli eine Anführerin nach Lyon. Sie fehlte im Pokalfinale und nun auch beim Finalturnier der Champions League im August, bei dem Wolfsburg noch das Triple gewinnen könnte. Und auch der Vertrag der dänischen Ausnahmekönnerin Pernille Harder läuft im kommenden Jahr aus, die Zeichen deuten auf eine Trennung hin. Es stellt sich daher die Frage: Fordert eine Liga, über die der VfL nur so hinwegfegt, die besten Spielerinnen noch heraus? Es dürfte ihnen daher gefallen, dass in München, aber auch in Hoffenheim und Frankfurt aufgerüstet wird.

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