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Angewandte Regelkunde : Wann ist Hand eigentlich Hand?

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Felix Brych: „Es gibt Sieg und Niederlage und den Schiedsrichter. Alles drei muss man akzeptieren.“ Bild: dpa

Schiedsrichter, Juristen und ein Philosoph interpretieren die umstrittene Regel durchaus unterschiedlich. Brych sagt gerne zu den Spielern: „Wir spielen Fußball. Wenn du Hand spielst, hast du ein Problem.“

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          Wenn zu den Hausaufgaben eines Profis neben dem Fußballspielen auch Regelkunde gehört, müssten die meisten Bundesligaprofis nachsitzen. „Es befasst sich keiner so wirklich mit den Regeln“, sagte Felix Brych, „ich muss immer wieder etwas erklären im Spiel.“ Das gelte für hiesige und ausländische Einsätze. „Die Vereine werden ja geschult vor der Saison. Aber Regelunwissenheit gibt es trotzdem in jedem Spiel.“ Besonders, wenn es um die Hand geht. Schiedsrichter Brych hat sich dafür einen simplen Satz zurechtgelegt: „Ich sage zu den Spielern: Wir spielen Fußball. Wenn du Hand spielst, hast du ein Problem.“

          Wenn es doch immer so einfach wäre. Beim „Forum für Internationales Sportrecht“ sprachen am Montagabend Juristen und der Philosoph Gunter Gebauer zum Thema, wann Hand denn nun wirklich Hand sei. „Die Handregel ist die Geburtsurkunde des Fußballes“, sagte Gebauer. Sie sei in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in England eingeführt worden, um Fußball vom Rugby abzugrenzen. Gebauer brachte das Plenum zum Nachdenken, als er den Begriff der „Absicht“ sezierte: „Was ist Absicht – reicht es, wenn man an etwas denkt?“ Der Begriff der „unnatürlichen Bewegung“ beim Handspiel amüsierte ihn: „Beim Tanzen ist Armheben eine vollkommen natürliche Bewegung.“ Er erinnerte daran, dass die Regeln des Fußballs Spielregeln seien, keine Gesetze im juristischen Sinne. Der Schiedsrichter sei auch kein Richter im klassischen Sinne.

          Widerspruch gab es von Professor Hans Christoph Grigoleit aus München. Auf den Fußball bezogen hätte der Schiedsrichter sehr wohl zu richten, und die Spielregeln seien die Gesetze des Spiels. Grigoleit stellte eine interessante Frage: Warum vereinfache man die Handspielregel nicht dergestalt, dass Hand immer Hand sei? Dann wäre die subjektive Seite verschwunden. Allerdings müsste man provozierte Handspiele ausschließen – den Chipball an den Arm des Gegenspielers im Strafraum etwa. Und wer hätte dann zu entscheiden, ob provoziertes Handspiel vorläge oder nicht? Brych hörte amüsiert zu. Die Überarbeitung der Handspielregel zur laufenden Saison begrüßt er. Sturz-Hand am Boden bleibt nun straffrei, die Hand oben nicht. Unbeabsichtigt erzielte Hand-Tore zählen nicht mehr: „Das Handspiel wurde für den Videofußball überarbeitet. Die Absicht bleibt Kernelement des Handspiels“, sagte er, auch wenn Absicht oft schwer nachweisbar sei – selbst nach dem Studium der Videobilder.

          Christian Deckenbrock, Jurist und Hockey-Schiedsrichter, warb für das System der „Challenge“, um den Spielfluss nicht zu häufig abzuwürgen. Im Hockey können beide Seiten schon seit 2006 Entscheidungen „anrufen“. Dann werden sie überprüft. Aber die Aktion geht im Unterschied zum Fußball von den jeweiligen Mannschaften aus, nicht vom Videoassistenten (VAR). „Durch jahrelange Feinjustierung haben wir mehr Gerechtigkeit und Transparenz bekommen“, sagte Deckenbrock, dem im Fußball die Transparenz bei der Entscheidungsfindung zwischen Schiedsrichter und VAR fehlt. Brych entgegnete mit einer Sentenz, die sich als Schlusswort eignete: „Es gibt Sieg und Niederlage und den Schiedsrichter. Alles drei muss man akzeptieren.“

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