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DFB-Spielerin Marozsan : Die Gefahr mit der Pille

  • -Aktualisiert am

Nationalspielerin Dzsenifer Marozsan bei einem Länderspiel 2017 Bild: dpa

Dzsenifer Marozsan musste drei Monate pausieren wegen einer Lungenembolie. Auslöser war die Anti-Baby-Pille. Nun will sie wieder zu alter Form finden – ganz ohne Hormone.

          Der deutsche Frauenfußball weilt in diesen Tagen an zwei Lieblingsorten aus Vergangenheit und Gegenwart. Am Samstag (16.00 Uhr in der ARD) steht ein Test-Länderspiel gegen Italien in Osnabrück in jenem Stadion an, das wegen des dort 1989 vor ausverkauftem Haus errungenen ersten EM-Siegs als Geburtsstätte der deutschen Erfolgsgeschichte gilt. Das Hotel Klosterpforte in Harsewinkel-Marienfeld, wo sich das Nationalteam zur Vorbereitung getroffen hat, dient derweil der aktuellen Generation an Spielerinnen seit ein paar Jahren als ein Pilgerort, an dem die Mannschaft vor großen Turnieren oder auch vor wichtigen Spielen wie zuletzt dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel auf Island Kraft getankt hat.

          Spielplan der Frauenfußball-WM 2019 in Frankreich

          Es verwundert da ein wenig, dass zwischen all den Mannschaftsfotos von in Harsewinkel trainierenden Klubs von Schalke 04 über den HSV, Hannover 96 oder FC Watford bis hin zu Nationalteams der Türkei oder Portugals in dem zu einer Hotelanlage umgebauten Zisterzienserkloster die deutschen Fußballfrauen bislang noch keinen prominenten Platz gefunden haben.

          Thrombose wegen Anti-Baby-Pille

          Vielleicht wartete die Inhaberfamilie aber für den Schnappschuss auch, dass Dzsenifer Marozsan und somit die wohl technisch und spielerisch begabteste Spielerin in der deutschen Frauenfußballgeschichte mit auf dem Foto sein kann. Die 26 Jahre alte Spielführerin des Nationalteams ist schließlich gerade erst zurückgekehrt aus einer dreimonatigen Zwangspause. Eine Lungenembolie hatte die in Saarbrücken aufgewachsene Tochter ungarischer Eltern von ihrer Lieblingsbeschäftigung abgehalten. „Das war die schwierigste Zeit meines Lebens“, sagte Marozsan. „Das war was anderes als eine typische Sportverletzung. Da weiß man, dass alles wieder nach einer gewissen Zeit gut wird. Das war hier nicht so.“ Just am fünfzigsten Geburtstag ihrer Mutter Mitte Juli musste die Mittelfeldspielerin des Champions-League-Seriensiegers Olympique Lyon ins Krankenhaus. „Ich hatte plötzlich starke Schmerzen in der rechten Schulter, das wanderte in Rippen und Wirbelbereich und irgendwann hatte ich Atemnot“, sagt Marozsan, die sich damals in der Sommerpause bei ihren Eltern im Saarland aufhielt.

          In einem französischen Krankenhaus nahe ihres Heimatortes ging man zunächst von Nierensteinen aus. Als sich zwei Tage später die selben Schmerzen auf der anderen Körperseite bemerkbar machten, diagnostizierte ein anderer Arzt die Lungenembolie. Zwei Wochen verbrachte Marozsan nach ihrer Verlegung nach Lyon im Krankenhaus. Wochenlang musste sich die beste deutsche Fußballerin anschließend schonen, ihr Hund mit dem ungarischen Namen Nyuszka (zu Deutsch: Häschen) wachte in dieser Zeit gegen seine Gewohnheit treu an ihrer Seite, wenn sie sich auf dem Sofa oder im Bett ausruhte. „Er hat gemerkt, dass es mir nicht gut ging“, sagt Marozsan.

          In den Trainingseinheiten mittendrin, bei den Länderspielen noch außen vor: Dzsenifer Marozsan (Mitte) kämpft um ihr Comeback.

          Der Kollaps beider Lungenflügel war eine Folgewirkung der Einnahme der Anti-Baby-Pille sowie der vielen Reisen zu Spielen von Olympique oder der Nationalelf. Eine dadurch verursachte Thrombose sei aus der Wade in die Lunge gewandert, eine durchaus gängige Gefahr bei Leistungssportlerinnen, die deshalb insbesondere bei langen Flügen oder Busreisen streng darauf achten müssen, Thrombosestümpfe zu tragen. Viele nehmen die Hormonpräparate ein, um die Periode zu unterdrücken, die damit verbundenen Beschwerden zu verringern und somit auch einem dadurch erzwungenen Fehlen in einem Spiel oder Wettkampf vorzubeugen. Marozsan wird ihrem Körper dieses Risiko künftig ersparen. Die Offenheit im Umgang mit ihrer Erkrankung mag sie sich wohl auch deshalb getraut haben, um andere junge Sportlerinnen vor den Risiken zu warnen.

          „Heim-WM“ in der Wahlheimat

          Sie will nun vernünftig und in Ruhe ihr Form aufbauen, damit sie im kommenden Jahr wieder zur Gefahr mit einer anderen „Pille“ werden kann, mit der sie so gut umgehen kann wie kaum eine zweite Fußballerinnen auf der Welt. Die WM kann dann zum Höhepunkt in der Laufbahn der Spielmacherin werden, nachdem sie die Weltmeisterschaft 2011 wegen einer Knieverletzung ganz verpasst hatte und die WM 2015 wegen einer Sprunggelenksblessur nur eingeschränkt bestreiten konnte. Im Sommer aber ist die technisch beschlagene Frau mit dem Auge für die Mitspielerin und dem gefährlichen Distanzschuss nun nicht nur im besten Fußballalter, das Turnier findet zudem in ihrer französischen Wahlheimat statt. Dort wird Marozsan so geschätzt, dass sie trotz einheimischer Spitzenspielerinnen bereits zweimal zur Fußballerin des Jahres gekürt wurde. Die Leistungen in Lyon führten zudem dazu, dass Marozsan jüngst bei der Wahl zur Weltfußballerin auf Rang zwei gelandet war.

          Vor allem aber fühlt sie sich menschlich am richtigen Ort, was sich auch in der Zeit der Krankheit zeigte. Der erste Besucher am Krankenbett war der millionenschwere Olympique-Präsident und Frauenfußballförderer Jean-Michel Aulas, ihre Mitspielerinnen munterten sie ebenfalls immer wieder auf. „Alle haben sich toll um mich gekümmert“, sagt Marozsan. „Auch vom DFB kam sehr viel Unterstützung, Horst Hrubesch rief mehrmals an und erkundigte sich nach mir.“

          Kein Einsatz am Samstag

          In Harsewinkel ließ Hrubesch die Kapitänin nun vor seinen beiden letzten Länderspielen als Interims-Nationaltrainer in den Übungseinheiten mitmachen, damit sie wieder Bindung zum Team findet. Von einem Einsatz in den Testspielen sieht Marozsan aber aus Vernunftgründen lieber ab, sie reist bereits vor dem zweiten Testspiel gegen Spanien in Erfurt wieder zurück nach Frankreich. „Für ein Länderspiel ist es noch zu früh“, sagt sie. Den Worten mag man misstrauen, wenn man sich Marozsans Traumtor beim 5:0-Sieg gegen Dijon am vergangenen Wochenende anschaut.

          Da spielte sie auf dem linken Flügel drei Gegnerinnen beidfüßig aus, ehe sie den Ball mit dem rechten Innenspann in den fernen rechten Torwinkel schlenzte. Die sichtbare Rührung beim Jubel nach ihrem ersten Tor im fünften Spiel nach dem Comeback Mitte Oktober zeigte, welche Erleichterung der Treffer bescherte. „Das war toll. Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, fehlt noch die Leichtigkeit. Ich muss beim Dribbling noch immer zweimal schauen, ob der Ball noch am Fuß ist“, sagt sie. Sie schätzt sich bei 65 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit ein. Die Tage in der Klosterpforte dürften ihr zumindest mental geholfen haben, wieder zu alter Stärke zu finden.

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