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Wettskandal in Österreich : Cobra in Grödig

Derzeit vom Spielbetrieb freigestellt: Dominique Taboga Bild: dpa

Wettmafia, Wandervögel, Waffengewalt? Fußballspieler Taboga soll zur Manipulation gezwungen worden sein. Noch gibt es viele Widersprüche in der österreichischen Affäre.

          Vergangenen Sonntag erlebten die Zuschauer im Unterberg-Stadion beim Heimspiel ihres SV Grödig eine spannende Partie. Das Team, gerade erst in die österreichische Bundesliga aufgestiegen, beherrschte über weite Strecken den Rekordmeister Rapid Wien, führte eine Viertelstunde vor Schluss 2:0 und hatte noch Pech mit einem Lattentreffer. Doch die Wiener kamen heran und glichen fünf Minuten vor Schluss per Foulelfmeter aus. Verursacht hatte den Strafstoß der Grödiger Innenverteidiger Dominique Taboga. Obwohl sie den Sieg gegen den in letzter Zeit schwächelnden Altmeister aus der Hand gegeben hatten, durften die Grödiger stolz auf ihre Leistung sein.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Zwei Tage später hatten sie allen Anlass, darüber zu grübeln, ob ihr Innenverteidiger vielleicht nicht ganz bei der Sache gewesen war. Denn plötzlich stand Taboga im Zentrum einer Manipulationsaffäre, die den österreichischen Fußball ähnlich erschüttern könnte wie die Hoyzer-Affäre den deutschen. Die Umstände sind sogar noch spektakulärer, sie reichen von einem angeblichen Erpressungsversuch bis hin zu einem Einsatz des Polizei-Spezialkräftekommandos Cobra, das während der Geldübergabe von 3000 Euro auf einem Parkplatz eingriff und drei Verdächtige festnahm. Einer der Festgenommenen ist ebenfalls ein Fußballprofi, Sanel Kuljic, der einst Torschützenkönig und österreichischer Nationalspieler war.

          Sanel Kuljic: Festgenommen bei der Geldübergabe auf dem Parkplatz

          Der Fall erscheint vorerst widersprüchlich. Taboga machte bei der Polizei laut Medienberichten zunächst die Aussage, er sei erpresst worden: Da er nicht bereit gewesen sei, sich an einer Spielmanipulation zu beteiligen, habe er den Beschuldigten einen hohen Geldbetrag geben müssen, andernfalls hätten sie ihm und seiner Familie mit Gewalt gedroht. Die Rede war von insgesamt mehr als 70.000 Euro; das auf dem Parkplatz sichergestellte Geld sei ein Teilbetrag gewesen.

          Unter Waffengewalt hätten sie ihn auch dazu veranlasst, vor laufender Videokamera eine zurückliegende Manipulation zu gestehen, um ihn in der Hand zu haben. Am Mittwoch sagte dann ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, Taboga sei „ein bisschen zurückgerudert“, nunmehr spreche er von einem Betrag von etwas unter 30.000 Euro, welche er den Erpressern gegeben habe.

          Kuljic wiederum bestritt den Vorwurf der Erpressung und Manipulation. Vielmehr habe es sich um Geld gehandelt, das Taboga ihm geschuldet habe. „Die Schuldentheorie ist Gegenstand von Ermittlungen. Die Angaben des Opfers sind kritisch zu hinterfragen“, hieß es von Seiten des Landeskriminalamts Salzburg.

          Grödig: 7000 Einwohner, 4000 Zuschauer

          Der 36 Jahre alte Stürmer und der 31 Jahre alte Verteidiger kennen einander als Teamkollegen: 2012 haben sie für ein halbes Jahr zusammen bei Kapfenberg, damals ebenfalls in der höchsten Spielklasse, gespielt. Kuljic hat zudem Wurzeln in Grödig, wo der Sohn bosnischer Einwanderer und gebürtige Österreicher zum Teil aufgewachsen ist. Seit seinem Beginn als Profi bei der SV Austria Salzburg stand er bei zwölf Vereinen unter Vertrag, zuletzt in der Schweiz und in Griechenland und eben in Kapfenberg. Taboga, geboren in Wien, spielt seit 2012 in Grödig.

          Grödig ist sozusagen das Hoffenheim der österreichischen Bundesliga. Die Ortschaft hat knapp 7000 Einwohner, in das Stadion gehen 4000 – nach der Aufstellung einer Zusatztribüne. Als der Klub im vergangenen Sommer aus der 1. Fußballliga (so heißt in Österreich die zweite Liga) aufgestiegen war, galt eine Sorge der Zufahrt, die über die Äcker führt und eine Autobahnunterführung passiert: Ob da wohl größere Busse durchkämen?

          Aus der sechsten Klasse nach oben

          Ohne einen Mäzen käme ein solcher Klub nicht binnen zehn Jahren aus der sechsten Spielklasse nach ganz oben. In Grödig ist es kein Software-Milliardär, sondern es treten Unternehmen des Altmetallrecyclings auf als Sponsoren. Die Art und Weise, wie die Mannschaft spielt, ist jedoch nicht „Schrott“. Derzeit steht sie in der Tabelle auf Platz fünf (von zehn Mannschaften).

          In den österreichischen Medien wird jetzt darüber spekuliert, ob Provinzklubs wie Grödig und Kapfenberg einerseits und „Wandervögel“ wie der Spieler Kuljic besonders anfällig für Versuche der Wettmafia seien, Spiele zu manipulieren. Nun äußern sich Vereinschefs ebenso wie vergangene Fußballgrößen besorgt über die Umtriebe der Wettmafia.

          Tatsächlich hat Österreich eine Vorgeschichte: In den deutschen Verfahren um den Wettpaten Ante Sapina waren auch die österreichischen Klubs Vienna, Hartberg und eben Kapfenberg erwähnt worden, ohne dass aber ein konkreter Verdacht hätte erhärtet werden können. Im September wurde ein ehemaliger Spieler des Kapfenberger SV angezeigt, nunmehr in der fünften burgenländischen Liga tätig, der einen Manipulationsversuch zugegeben hatte. Weil er geständig war, erhielt er vom burgenländischen Landesverband eine milde Sperre von einem halben Jahr.

          „Pures Gift“ für den Sport

          Besonders besorgt zeigte sich einer der beiden Hauptsponsoren (und Namensgeber) der österreichischen Bundesliga: der Wettanbieter tipp3. Dessen Vorstandsvorsitzender Philip Newald sagte, für den Sport seien solche Skandale „pures Gift“. Die Wurzel ortete er aber natürlich nicht bei den heimischen Wettanbietern, sondern bei Anbietern in Asien – deren Protagonisten allerdings „im Raum Südosteuropa“ zu Hause seien.

          Auch in Österreich setzt intensive Werbung für Sportwetten den Anreiz zum Zocken, zudem stehen die Ligen der Alpenrepublik natürlich auch auf den Spielbögen der südostasiatischen Anbieter. Seit Jahren reicht der Einfluss der organisierten Kriminalität über Mittelsmänner von Singapur und Macau bis nach Westeuropa. Österreich dürfte längst nicht mehr immun sein.

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