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Werder Bremen : Realistische Ausflüge ins Reich der Träume

  • -Aktualisiert am

Schaaf: „Wir schieben die Ansprüche nicht weg - wir machen mit!” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Bremen steht vor dem Bundesliga-Spitzenspiel bei Bayern München glänzend da. In der europäischen Königsklasse mit Chancen aufs Achtelfinale, in der Liga auf Rang zwei, im Achtelfinale des DFB-Pokals. Das bringt Thomas Schaaf in seltene Redelaune.

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          Erwartet hat Thomas Schaaf Weißwurst, Brezel und Leberkäse, aber der Speiseplan im Weserstadion korrespondiert nicht mit dem nächsten Spiel der Bremer. Also legt sich Schaaf eine bescheidene Portion Nudelauflauf auf den Teller. Angriffslustiger wird der Trainer von Werder Bremen erst beim Latte Macchiato und der Nachspeise, Quark. Schaaf genießt den Blick hinaus auf die Weser und die sonnenbestrahlte Kleingartenkolonie auf der anderen Uferseite.

          Nächte nach Siegen in der Champions League sind kurz und schön; auch Schaaf hat nicht lange geschlafen. Der Ausflug ins Reich der Träume hat jedoch gereicht, ihn im Gespräch ganz ruhig, ganz entspannt sein zu lassen. Der Schlaf und die Tatsache, daß Werder vor dem Spitzenspiel der Bundesliga an diesem Samstag bei Bayern München (FAZ.NET-Liveticker) wieder einmal glänzend dasteht, bringen Schaaf in seltene Redelaune: nach dem Sieg in der europäischen Königsklasse gegen Udinese Calcio mit Chancen aufs Achtelfinale, in der Bundesliga aussichtsreich auf Rang zwei, dazu der Einzug ins Pokal-Achtelfinale.

          „Wir reden nichts schön“

          "Wir hatten vor der Serie viele Probleme. Wir hatten viele Wechsel, aber es funktioniert trotzdem", sagt Schaaf, "gegen die Bayern wollen wir wieder ein Topspiel abliefern, aber mit weniger Gegentreffern als zuletzt." Er sagt das ohne Stolz, ohne Überheblichkeit oder Genugtuung, nur in der typischen Schaaf-Sprache, die keine Superlative kennt. Es ist einfach der Anspruch des Meistertrainers von 2004, Werder in jedem Jahr zum wichtigsten Konkurrenten der Bayern zu machen. In diesem Herbst sind die Bremer längst dort angekommen.

          Zuletzt aber mußte sich der besonnene Mann wieder einmal wundern. Er staunte über die Reporter und die Stimmung in Bremen. "Nach dem 1:1 in Udine vor zwei Wochen dachte ich, wir stehen kurz vor dem Abstieg", sagt Schaaf, "wir sind ja kritisch, wir reden nichts schön, aber das war mir zuviel Negatives." Er hat bemerkt, wie im Umfeld, bei den Fans und auch den eigenen Verantwortlichen, die Ansprüche gestiegen sind, seit Werder nach Jahren der nationalen Dürre 2004 das Double geholt hat. Man muß ja immer noch einmal daran erinnern, daß Schaaf den SV Werder im Jahr 1999 als Abstiegskandidaten übernommen hat. Davor gaben sich die Trainer die Klinke in die Hand am Weserstadion - de Mos, Dörner, Sidka, Magath. Der 44 Jahre alte Schaaf kann mit dem Anspruchsdenken leben, aber die Ausschläge des Pendels sind ihm zu groß. Ein Remis bei einem italienischen Klub, das sei doch eher ein Punktgewinn, und überhaupt spiele Werder nun zum zweiten Mal nacheinander in der Champions League.

          „Bei uns paßt unheimlich viel zusammen“

          Schaaf findet, daß die vergangene Serie viel zu kritisch gesehen worden ist. Wieder hatte Werder in Ailton und Krstajic Stammspieler verloren, wurde am Ende aber Dritter, erreichte das Halbfinale im DFB-Pokal und überstand die Gruppenphase der Champions League souverän. Schaaf sagt rückblickend: "Wir hatten ein irre erfolgreiches Jahr 2004 hinter uns. Die Maßstäbe waren gesetzt, und es sollte in Zukunft nicht weniger werden. Man wird zufrieden, es entstehen Ansprüche. Aber es ist doch immer auch ein Gegner auf dem Platz." Aber spricht es nicht eher für die Bremer, daß man sie jetzt in Udine oder bei einem mittleren Bundesliga-Gegner immer auf Sieg setzt? Ist das nicht genau das Resultat, daß er und Sportdirektor Allofs erzielen wollten, als sie 1999 gemeinsam anfingen: den Ruhm des Vereins Werder Bremen wieder zu mehren, unabhängig von den Profis auf dem Feld?

          Schaaf findet das erst einmal respektlos vor dem Gegner, wenn immer hohe Bremer Siege erwartet werden. Er sagt aber auch: "Wir sind sehr selbstbewußt. Bei uns paßt unheimlich viel zusammen, deshalb haben wir Erfolg. Wir treten heute ganz anders auf als vor ein paar Jahren. Wir schieben die Ansprüche nicht weg - wir machen mit!" In der Innensicht ist Werder in der Gruppe der absoluten Spitzenklubs angekommen. Was inzwischen auch bundesweit bestaunt wird, das ist der Bremer Erlebnisfußball. Die aufregendsten Spiele finden im Weserstadion statt. "Wir wollen immer guten, attraktiven Fußball anbieten und auch erfolgreich sein", sagt Schaaf in dieser Reihenfolge. Wie der Mannschaft immer wieder solche Offensivspektakel gelingen, das weiß wohl auch Schaaf nicht, der ehemalige Verteidiger. Vielleicht weiß er es auch und will es nicht sagen.

          Mit Bremen verheiratet ist er nicht

          Er lächelt versonnen und sagt: "Darüber könnte man stundenlang philosophieren. Wir haben eine Richtung, an der wir uns festhalten können. Jeder hat etwas in der Hand und weiß: Diesen Weg gehe ich. Und wenn mal was nicht klappt, lassen wir uns nicht aus dem Konzept bringen." Kein Gespräch mit Thomas Schaaf wäre annähernd vollständig ohne die Frage nach seiner Laufbahn. Ist er "lebenslang grünweiß"? Schaaf schwärmt von Spanien, von Italien, dort werde dem Coach viel mehr Respekt entgegengebracht. Er erzählt von Österreich, von Finnland, von England. "Durch die vielen Reisen werde ich mit dem Ausland konfrontiert. Natürlich hat es einen Reiz. Ich überprüfe mich auch und gucke, was ist mit dir. Was hast du für Wünsche und Gedanken? Aber ich mache keine großen Pläne. Es kommt doch meist anders. Ich lasse alles auf mich zukommen." Mit Bremen verheiratet ist er nicht, will Schaaf sagen.

          Man muß sich Thomas Schaaf also als glücklichen Menschen vorstellen, wenn er über sich und seine Familie sagt: "Wir stehen schon im Rampenlicht, aber wir sind auch gern mal mit 'ner Stulle zufrieden."

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