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Werder Bremen : Die Spezialisten für Achterbahnfahrten

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Turban des Glücks: Wagners Pech war Werders Glück Bild: dpa

Bei Werder Bremen scheint immer alles möglich. Das hat die Qualifikations-Partie für die Champions League in Genua mal wieder bewiesen. Nun geht der Blick voraus: Wieder einmal suchen Klubchef Allofs und Trainer Schaaf eine Verstärkung für die Abwehr. Es könnte der Franzose Mikael Silvestre sein.

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          Es ist nicht überliefert, wo sich Markus Rosenberg gedanklich gerade befand in dieser 72. Minute. Seine Einwechslung wird er kaum erwartet haben, er war ja eigentlich nur deswegen nach Genua mitgereist, um den ersatzgeschwächten Bremer Kader aufzufüllen, nach dem Motto: einen Stürmer brauchen wir ja auch noch auf der Bank. Ein schlimmes Jahr hat der 27 Jahre alte Schwede hinter sich, ein Tor nur gelang ihm in der Liga, als Angriffskraft Nummer fünf in der Bremer Hierarchie fand sich Rosenberg wieder und wollte in diesem Sommer nur noch eines - den Verein verlassen.

          Dann kam der Dienstag, dann kam dieses unglaubliche Spiel bei Sampdoria Genua, eine Partie, die selbst für Bremer Verhältnisse eine übergroße Fülle an Geschichten lieferte. Die bemerkenswerteste hatte Rosenberg zum Hauptdarsteller. Denn ohne seine eher zufällige Einwechslung und seinen schönen Schuss in der dritten Minute der Nachspielzeit wäre Werder nicht als glücklicher, strahlender Verlierer aus Ligurien heimgekehrt, sondern als Absteiger in die ungeliebte Europa League: Rosenberg traf in der 93. Minute zum 1:3, Werder erreichte damit nach dem 3:1 vom Hinspiel die Verlängerung und kam durch Claudio Pizarro zum befreienden 2:3-Endstand in der 100. Minute.

          Am Ende einer nervenaufreibenden Partie, die Werder vor allem in der Abwehr unfassbar schlecht begonnen und beeindruckend konditions- und willensstark beendet hatte, stand eine verlorene Partie, die sich wie ein Sieg anfühlte: Werder Bremen darf zum sechsten Mal in den vergangenen sieben Jahren in der kontinentalen Königsklasse mitspielen und kann sich über garantierte 15 Millionen Euro freuen. „Es war die denkbar schönste Niederlage“, sagte der aufgekratzte Bremer Vereins-Chef Klaus Allofs, „die Teilnahme an der Champions League und die daraus resultierenden Einnahmen geben uns ein gutes Stück Planungssicherheit.“

          Bremer Rettungsanker: Markus Rosenberg schoss Bremen spät in die Verlängerung
          Bremer Rettungsanker: Markus Rosenberg schoss Bremen spät in die Verlängerung : Bild: AFP

          Rosenberg steht weiter zum Verkauf

          Zurück zu Markus Rosenberg und seinem Tor. „Plötzlich hieß es, ich muss schnell rein“, erzählte er später. Schnell musste es gehen, weil Werder die Zeit davon lief - der Gegner führte nach Pazzinis frühen Toren 2:0 (8. und 13. Minute). Bremen war gerade besser ins Spiel gekommen, lief aber minutenlang in Unterzahl über den Rasen, weil Stürmer Sandro Wagner mit einer blutenden Wunde am Kopf draußen versorgt werden musste. Ein neues Trikot ohne Blutflecken für Wagner musste her. Weil es eine Eigenheit des Stadions Luigi Ferraris in Genua ist, dass die auf der anderen Tribünenseite liegenden Kabinen nur durch einen unterirdischen Gang zu erreichen sind, dauerte es ewig, bis das neue Textil da war.

          Thomas Schaaf kochte auf der Bank und winkte Rosenberg herbei. Lieber schnell irgendeinen einwechseln als noch länger auf den Wagner mit reiner Weste warten, mag der Bremer Trainer gedacht haben. So kam Rosenberg also zu seinem Saisondebüt und schoss später ein Tor, dass Werder auch die Energie spendete, Sampdoria in der Verlängerung zu beherrschen.

          Dabei hatten die Italiener nach Cassanos 3:0 in der 85. Minute schon gefeiert. „Wir haben uns in der Verlängerung nicht mehr von Rosenbergs Tor erholt“, sagte Trainer Domenico di Carlo. Der Umjubelte selbst blieb kühl. „Ich habe dem Verein gesagt, dass ich gern wechseln will, um mehr zu spielen“, erläuterte Rosenberg. An der Ausgangslage hat sich durch den Treffer von Genua wenig verändert. Allofs sagte: „Wir wissen, was er kann. Aber Markus hat ein schwarzes Jahr hinter sich. Sollte allerdings kein Angebot für ihn kommen, wird er bleiben.“

          Experten für mitreißende Fußballabende

          Für alle Bremer muss das Hoch und Runter in dieser so wichtigen Partie nervenaufreibend gewesen sein. Schaaf tat später so, als habe er sich bestens unterhalten gefühlt. „Wir sind eben immer für beide Ausschläge zu haben. Es sind schon immer ganz gute Nummern, die wir zeigen“, sagte er, und kündigte an, dass Werder nun auch in den Gruppenspielen der Champions League „für außergewöhnliche Abende“ sorgen werde.

          Man kann den Unverbesserlichen von der Weser ja vorwerfen, dass sie unbelehrbar seien, dass die Abwehrschwäche sie womöglich irgendwann in den Abgrund reißen könnte, doch welcher Klub der Bundesliga kommt im Jahresschnitt auf mehr mitreißende Fußballabende als Werder Bremen? Schaaf scheint über die Vorwürfe, Werder lerne nicht dazu, nur noch müde lächeln zu können. Ihm gefällt das Spektakel.

          Kandidat Silvestre

          Die Spieler waren bei aller Freude auch genervt, immer wieder die eigene Janusköpfigkeit vorgehalten zu bekommen. „Von uns erwartet jeder immer Großtaten. Wir hatten verletzte Spieler zu ersetzen, wir hatten Transferstress. Wir mussten kompensieren, dass praktisch die halbe Mannschaft zu unterschiedlichen Zeiten in die Vorbereitung eingestiegen ist. Trotzdem sind wir in der Champions League. Das zählt. Da will jeder hin. Aber die wenigsten schaffen es“, sagte Nationalspieler Per Mertesacker. Allofs und Schaaf kündigten noch in der Nacht an, dass nun ein Teil der Özil- und Champions-League-Millionen eingesetzt werden soll. Vor allem in der Abwehr suchen die Bremer Macher Verstärkungen - was Allofs und Schaaf schon tun, seit sie 1999 den Klub übernahmen.

          Schon in Genua saß der Manager nun am Vorabend des Spiels mit einem Kandidaten zusammen: Mikaël
          Silvestre. „Er war bei uns in Genua im Hotel“, sagte Allofs am Mittwoch. „Wir haben uns mit ihm unterhalten.“ Der Franzose, der als Innen- oder Linksverteidiger einsetzbar ist, spielte viele Jahre bei Manchester United und zuletzt beim FC Arsenal. Er könnte ablösefrei nach Bremen kommen. „Er ist schon älter, aber dafür ein Spieler mit einer Riesenerfahrung“, sagte Allofs über den 33 Jahre alten Profi.

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