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Werder Bremen : Die Revolte endet mittags

  • -Aktualisiert am

Noch nicht im Fokus: Werder Manager Allofs und Trainer Schaaf (r.) Bild: picture-alliance / Pressefoto UL

In Bremen sind sie sich einig: Thomas Schaaf bleibt der beste Trainer für Werder. Die erste Woche als Abstiegskandidat verlief vor dem Spiel gegen Bayern München (15.30 Uhr) so ruhig wie alle anderen zuvor.

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          Die erste Woche als Abstiegskandidat begann mit einer kleinen Revolte. Vier Männer mittleren Alters stellten ein Pappschild vor dem Eingang zu den Kabinen auf und hielten nun eine Art Mahnwache. „Schaaf + Allofs raus“, hatten sie darauf gesprüht. Dieser Montag sollte als einer der längsten Arbeitstage in die Geschichte des Bremer Berufsfußballs eingehen.

          In Bremen begegnen die Fans dem Niedergang ihres Vereins mit einer Engelsgeduld; niemand hat die grünweiße Fahne vom Balkon rund ums Weserstadion geholt, nur weil Werder Bremen tief in den Keller der Bundesliga gerutscht ist. Es gibt in den Fanforen sogar ein Akronym, das den handelnden Personen die volle Unterstützung zusichert und als eine Art Signatur hinter aufmunternde Beiträge geschrieben wird: 100% KATS. Die Initialen stehen für Klaus Allofs und Thomas Schaaf.

          Werder Bremen könnte an diesem Samstagabend dem Relegationsrang 16 bei einem ungünstigen Spieltagsverlauf noch näher rücken. Aber in Bremen scheinen alle zu Schaaf & Allofs zu halten. Selbst die Mannschaft bleibt vergleichsweise unbehelligt. Pöbelnde Fans am Trainingszaun? Nicht bei Werder. Busblockade nach Auswärtsniederlagen? Nicht bei Werder. Da waren Pappschild und stummer Protest schon eine große Nummer. Allerdings hatten die Revoluzzer das Schild zum Mittag schon wieder in die Büsche geworfen.

          Niederschmetternd: Bremer Spieler nach einem Podolski-Tor bei der Niederlage in Köln
          Niederschmetternd: Bremer Spieler nach einem Podolski-Tor bei der Niederlage in Köln : Bild: dpa

          Drei Stunden lang führten Schaaf und Allofs den Profis an jenem Montag die Versäumnisse des Köln-Spiels vor (die achte Krisensitzung der Saison), danach wurde bis in die Dämmerung geübt, um es an diesem Samstag gegen die Bayern besser zu machen.

          Es sind zähe Tage an der Weser. Die Einheiten sind länger geworden, intensiver, das hat schon im Trainingslager in Belek begonnen. Und es sind Tage, in denen man einen Thomas Schaaf in seinem Element erlebt. Am Donnerstag sagte der ewige Werder-Trainer: „Wir haben in dieser Woche an allem gearbeitet: Zweikämpfe, Laufbereitschaft, Zusammenarbeit, Standards.“ Schaaf hatte in der Hinrunde mehrmals geklagt, die vielen Pokalspiele ließen keine Arbeit mit dem Team zu. Die Hoffnung, dass das konzentrierte tägliche Üben sofort zum Erfolg führt, hat das ernüchternde 0:3 in Köln jedoch zunichtegemacht.

          Außerhalb Bremens ist sofort wieder über Schaaf diskutiert worden. Dann wird seine Gesichtsfarbe bewertet (grau), seine Sprache (teilnahmslos), seine Inhalte (immer gleich) und vergessen, dass Thomas Schaaf auch nach großen Siegen in der Champions League selten wie ein strahlender Held aussah. Allofs aber sagte zum x-ten Mal seine schützenden Sätze auf, er tat es auch in dieser Woche wieder. „Wir entlassen keinen Trainer, um dadurch vielleicht für ein bis zwei Wochen einen psychologischen Vorteil zu haben. Thomas ist der beste Trainer für Werder Bremen.“ Wenn man sich in der Mannschaft umhört, findet man Kritik am Coach bei den Arrivierten nicht mal ansatzweise. Clemens Fritz etwa sagt: „Ich kenne keinen Spieler, der nicht hinter Thomas Schaaf steht.“ Und auch Aufsichtsratschef Willi Lemke hat sich am Donnerstag zu Wort gemeldet. „Die Verantwortlichen haben weiterhin das volle Vertrauen des Aufsichtsrates“, sagte Lemke, der kein Freund von Allofs ist. Allerdings verriet die Privatperson Lemke unlängst, ihm sei vor jedem Spiel „kotzelend“.

          Es gibt keine vernehmbare, ernsthafte Opposition in Bremen. Selbst die deftige Kritik der Helden von einst namens Uli Borowka und Mario Basler verhallt bei Werder. Allzu gewichtige Kronzeugen sind die Herren ja auch nicht. Da hörten sie beim SVW eher hin, was der ruhige Dieter Eilts sagte. Wie lange sich Thomas Schaaf den Job wohl noch antue, fragte Eilts öffentlich. Am ehesten kann man die Bremer Gemütslage wohl so beschreiben: niemand kann sich Werder ohne Schaaf vorstellen, aber wie er die Krise bewältigen soll, weiß auch keiner. Man kann Ruhe bewahren, den üblichen Mechanismen trotzen, keine Panikkäufe tätigen und trotzdem absteigen.Nichts deutet auf einen Rücktritt Schaafs hin. Für manche wirkt er sogar, als wäre für ihn das Aufgabenfeld Abstiegskampf ein neues, spannendes. Dabei testet Schaaf auch neue Seiten an sich aus. In Belek begann er humorvoll, scherzend, sprach viel mit den Spielern, um dann wieder ins normale Gemüt zu kippen, als die Testspiele verloren wurden. Niemand kann aus seiner Haut, aber niemand soll Schaaf nachsagen, er lasse etwas unversucht.

          Die kleinen Veränderungen der letzten Wochen sind ungewöhnlich für einen Mann, der an das Bewährte glaubt. Über Jahre war die Raute das angestammte System; ohne einen tauglichen zentralen Mittelfeldspieler wie Micoud, Diego oder Özil ist Schaaf zum Ausprobieren gezwungen, auch was die Sturmbesetzung betrifft. Aus dem 4-2-3-1 der Hinrunde sollte wieder ein 4-4-2 werden, ehe es Schaaf beim Sieg gegen Hoffenheim nur mit Frings vor der Abwehr versuchte. In Köln misslang das; Frings war chancenlos als alleiniger „Sechser“. Gegen die Bayern soll ihm wieder Bargfrede helfen. Im Training erleben die Spieler einen leidenschaftlich mitgehenden Übungsleiter. Nur: was bringt das engagierteste Training, wenn pünktlich zum Anpfiff alle Tugenden brachliegen?

          Die Mannschaft sei sich selbst ein Rätsel, sagte Torwart Tim Wiese. Vor dem Köln-Spiel habe er felsenfest mit einem Sieg gerechnet, sagte Wiese, der späte Siegtreffer gegen Hoffenheim sei psychologisch enorm wichtig gewesen, die Trainingswoche gut und konzentriert. Dann kam Köln, und die erste Woche als Abstiegskandidat begann.

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