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Trainerin im Männerfußball : Wer will schon gegen eine Frau verlieren?

Wie erklär ich’s einem Mann: Trainerin Corinne Diacre (r.) mit Brandon Agounon Bild: Picture-Alliance

Corinne Diacre dirigiert das französische Fußball-Zweitligateam Clermont Foot – bei den Männern. Die Trainerin ist genervt von immergleichen Fragen. Aber der Vereinspräsident hofft auf besondere sportliche Reize durch die ungewöhnliche Konstellation.

          Auf der Homepage von Clermont Foot, einem französischen Fußball-Zweitligaklub, findet sich ein Video. Die Mannschaft feiert auf den Tischen tanzend nach einem 2:1-Auswärtssieg in Nancy zum Hinrundenabschluss im Dezember. Die Feier wirkt fröhlich, ungewöhnlich wirkt nur, dass alle Spieler ihre Trikots noch anhaben. Das mag der Besonderheit dieser an sich grauen Maus des französischen Fußballs geschuldet sein, die seit einem halben Jahr immer mal wieder das Interesse weckt. Clermont Foot ist nämlich der erste Zweitligaklub, der sein sportliches Schicksal in die Hände einer Trainerin gelegt hat. Seit Ende Juni arbeitet Corinne Diacre mit dem derzeit auf Rang 14 unter 20 Teams rangierenden Team. Und bei der Feier in Nancy ist sie natürlich dabei - und wohl der Grund dafür, dass ihre Spieler so züchtig bekleidet feiern.

          Seit ihrem Dienstantritt müht sich die ehemalige Spielführerin des französischen Frauenfußball-Nationalteams um Normalität, die der Fußball nicht zulässt. Schon vor dem Liga-Debüt in Brest gab es Blumen, und Corinne Diacre zeigte gute Miene zum freundlich gemeinten Spiel. Lieber wären ihr damals im August natürlich drei Punkte gewesen. Sie möchte lieber durch ihre Resultate bestechen als durch ihre Rolle als derzeit weltweit einzige Frau in einer Führungsrolle eines Fußball-Profiteams.

          Zum Vergleich: In Deutschland schaffte es die ehemalige Nationalspielerin Sissy Raith als bislang höchstklassige Trainerin beim TSV Eching in die sechste Liga. „Es liegt an mir, daran zu arbeiten, dass sich der Fußball in dieser Hinsicht demokratisiert“, sagte die 40 Jahre alte Corinne Diacre zum Arbeitsbeginn, ehe sie sich wenige Wochen später ein Schweigegelübde auferlegte. Seither spricht die erste Frau mit der höchsten französischen Trainerlizenz nicht mehr über das Thema Frauen im Männerfußball. Es habe sie in den ersten Wochen ihrer Arbeit zu sehr belastet, die immer gleichen Fragen immer gleich beantworten zu müssen.

          Die Hoffnung des Präsidenten

          Stattdessen redet vor allem Claude Michy. Der Präsident und Besitzer von Clemont Foot, das am Freitag zum Jahresauftakt zu einem 0:0 gegen Laval kam, hatte vor Diacre bereits mit der Portugiesin Helena Costa eine Frau verpflichtet, die aber nach wenigen Wochen wegen angeblicher „männlicher Attitüden“ im Klub aufgab. Trotz des gescheiterten Versuchs blieb Michy anschließend seiner Linie treu und überzeugte Corinne Diacre vom Job, obwohl die Medien in Frankreich schon die Anstellung von Helena Costa als Werbegag bewerteten. „Das waren die Ansichten einer sehr vorgeprägten Medienwelt. Mir geht es nicht um den PR-Gag, sondern um Corinnes Kompetenz“, sagt Michy. „Das, was mich an der Sache interessiert, ist, dass wir eine scheinbar unzerbrechliche Regel brechen in einem Sport, der von Männern für Männer gemacht ist. Wir sind quasi ein Labor, in dem was Innovatives gemacht wird.“ Michy behauptet, dass er tatsächlich daran glaubt, mit dem neuen Reiz einer Trainerin seinen Klub mittelfristig sportlich weiterbringen zu können.

          Der durchwachsene Saisonauftakt änderte nichts an seiner Meinung, der erste Auswärtssieg zum Hinrundenabschluss mag ihn nun in seinem Weg bestätigen. „Ich habe beispielsweise den Eindruck, dass die Spieler mit Corinne viel konzentrierter arbeiten als zuvor mit einem Kerl“, sagt er. Zudem nimmt der 65 Jahre alte Unternehmer seiner Trainerin mit einer netten verbalen Volte den Druck. „Der lastet nicht auf Clermont oder Corinne, sondern auf den gegnerischen Mannschaften und Trainern. Wie gehen die denn damit um, dass sie nun gegen eine Frau spielen müssen und verlieren könnten?“

          Regeln für die Kabine

          Diacres Spieler scheinen mit der ungewohnten Rollenverteilung im Klub die geringsten Probleme zu haben. Sie gehen ihrer Arbeit normal nach, ein Spieler hat sich wegen verbaler Scharmützel mit einem Mitspieler eine Suspendierung durch die Vorgesetzte eingehandelt. Misstöne wegen der Chefin sind bislang - zumindest öffentlich - nicht bekannt. „Ich habe sie als sehr starke Frau kennengelernt“, sagte Verteidiger Anthony Lippi kürzlich.

          Und was die züchtigen Feierbilder aus der Umkleidekabine angeht, hat Corinne Diacre schon zum Amtsantritt kluge Worte gefunden. „Im Frauenfußball arbeiten elf Trainer in der ersten Liga, und niemand wundert sich, wie die das machen“, sagte sie der französischen „Gala“. „Es ist ganz einfach: Ich gehe grundsätzlich dann in die Kabine, wenn die Jungs umgezogen sind. Und dann gibt es kein Problem.“

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