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Italiens Fußball : Plötzlich wollen alle Klubs weiterspielen

Italiens Fußball ist sich einig: Das Spiel soll demnächst weitergehen. Bild: Picture-Alliance

Die Klubs der italienischen Serie A geben der Politik ein überraschend klares Signal: Sie beschließen einstimmig, die Saison fortsetzen zu wollen. Noch kurz zuvor gab es gegenteilige Stimmen.

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          Vor gut zwei Monaten wurde in Codogno in der Lombardei Italiens „Patient eins“ positiv auf das Coronavirus getestet. An diesem Mittwoch überschritt das Land eine weitere traurige Schwelle im Kampf gegen die Pandemie: Mehr als 25.000 Menschen starben inzwischen an der Covid-19-Lungenkrankheit, gut die Hälfte von ihnen allein in der Lombardei im Norden des Landes mit der schwer heimgesuchten Hauptstadt Mailand. Über diese Umstände sind sich die meisten Italiener im Klaren. Dennoch wachsen im Land Ungeduld und Unmut.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Regierung in Rom unter Ministerpräsident Giuseppe Conte hat ein gutes Dutzend Notstandsgesetze und -dekrete erlassen. Sie hat vor mehr als sechs Wochen über die 60 Millionen Einwohner des Landes die strengste nationale Ausgangssperre in ganz Europa verhängt und den umfassenden „Shutdown“ der italienischen Wirtschaft verfügt – mit der absehbaren Folge der schlimmsten Rezession in der Eurozone. Und doch gibt sie ein Bild der anhaltenden Unentschlossenheit und wachsenden Ratlosigkeit ab.

          Einstimmig für Fortsetzung

          Eine geschlossene Front präsentierten in der Debatte über die Wiederaufnahme des professionellen Fußballbetriebs dagegen die Klubs der Serie A. Bei ihrer jüngsten Videokonferenz einigten sich die Vertreter der zwanzig Erstligavereine einstimmig darauf, die seit 12. März unterbrochene Saison fortzusetzen und die verbleibenden zwölf Spieltage zur Ermittlung von Meister und Absteigern sowie der Teilnehmer an den europäischen Wettbewerben auszutragen.

          Noch am Morgen vor der Konferenz hatten sich sieben Klubs für ein Ende der Saison ausgesprochen – sechs von ihnen sind in den besonders von der Pandemie betroffenen Regionen im Norden des Landes beheimatet. Man darf vermuten, dass die Skeptiker vor allem mit dem Geldargument zum Meinungsumschwung motiviert wurden.

          Der Sender Sky will mit den Erstligavereinen über eine Reduktion der ausstehenden letzten Rate in Höhe von 156 Millionen Euro für die Übertragungsrechte der Saison 2019/2020 verhandeln. Doch die Liga will (und kann) keinen Preisnachlass gewähren, weil viele Klubs selbst in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Sollte der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden, wird es vorerst nur Geisterspiele ohne zahlende Zuschauer in den Stadien geben, so dass jeder „Fernseh-Euro“ doppelt und dreifach ins Gewicht fällt.

          Flagge zeigen: Romelu Lukaku und Inter Mailand haben sich geeinigt.
          Flagge zeigen: Romelu Lukaku und Inter Mailand haben sich geeinigt. : Bild: AFP

          Jedenfalls gingen die Erstligavereine und deren Interessenvertreter sowie der Fußballverband FIGC am Mittwoch geschlossen in die Verhandlung mit der Regierung in Rom: Das Training solle möglichst bald nach der Lockerung der allgemeinen Ausgangssperre vom 4. Mai wiederaufgenommen werden, der Spielbetrieb dann Ende Mai, Anfang Juni. Eine Entscheidung wollten (oder konnten) die zuständigen Minister für Sport und Gesundheit noch nicht treffen. Erst müssten der technisch-wissenschaftliche Ausschuss der Regierung sowie eine Reihe weiterer Fachleute und Berater der Regierung gehört werden, hieß es.

          Italienische Medien berichteten am Donnerstag, die Regierung werde (Mannschafts-)Training allenfalls vom 18. Mai an zulassen und Spiele erst ab dem 6. oder 13. Juni. Strittig ist offenbar, wie im Falle der Infektion eines einzelnen Spielers, Trainers oder Betreuers mit dem Coronavirus nach der Wiederaufnahme von Training und Spielbetrieb verfahren werden soll. Einen Ausschluss des gesamten betroffenen Klubs vom weiteren Betrieb kann es eigentlich nicht geben, weil sonst der Wettbewerb insgesamt abgebrochen werden müsste.

          Eine Art Waffenstillstand gab es noch am Mittwochabend zwischen dem belgischen Nationalstürmer Romelu Lukaku und dessen Klub Inter Mailand. Lukaku hatte in einem Instagram-Gespräch mit der Moderatorin Katrin Kerkhofs, der Ehefrau des Neapel-Profis Dries Mertens, eine unerkannte Infektion fast des gesamten Inter-Kaders mit dem Coronavirus insinuiert. Vor dem Spiel gegen Cagliari Calcio vom 26. Januar seien „23 von 25 Spielern“ krank gewesen, sagte Lukaku: „Alle husteten und hatten Fieber.“ Auch er selbst habe sich fiebrig gefühlt. Sein slowakischer Teamkollege Milan Škriniar habe nach einer Viertelstunde Spielzeit mit Atemnot und hohem Fieber ausgewechselt werden müssen. Von der Vereinsführung hieß es, Škriniar sei im Januar grippekrank gewesen, wie eine Handvoll weiterer Spieler auch.

          Auf eine Bestrafung des Mittelstürmers für dessen Behauptung, die Lukaku inzwischen zurückgenommen hat, verzichtete der Klub. Es hieß, man habe großes Verständnis für die Sorge Lukakus. Er selbst hat auf die Diabeteserkrankung und besondere Gefährdung seiner Mutter bei einer möglichen Ansteckung mit dem Virus hingewiesen. Deshalb kehrte Lukaku Anfang dieser Woche ohne seine Mutter und ohne seinen Sohn Romeo aus Belgien nach Mailand zurück.

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