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Zum Tod von Hans Tilkowski : Und immer wieder das Wembley-Tor

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Das Unheil nimmt seinen Lauf: Hurst schießt, Tilkowski wartet, kurz darauf steht es 3:2 für England – eine Fehlentscheidung, wie man heute weiß. Bild: WITTERS

Drin oder nicht drin? Diese Frage musste Hans Tilkowski immer wieder beantworten. Doch verfolgt hat der Treffer den Torwart nicht. Nun ist der frühere deutsche Nationalspieler mit 84 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

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          Flieger, Show-Mann, Blender: Hans Tilkowski nutzte viele Bezeichnungen, wenn er über die spektakulärsten Kollegen aus seiner Innung sprach. Sie waren selten auch die Besten, wie er kurz angebunden fand. Ein wirklich schlauer Torwart stand ihm zufolge ohnehin schon dort, wo der Ball, der zu seiner Zeit tatsächlich eine Lederkugel war, im nächsten Moment eintreffen würde. Er war wie ein Reisender, der auf dem avisierten Gleis seinen Zug erwartet. Oder ein Monteur, der genau weiß, wann welcher Handgriff vonnöten ist. Weshalb man auch nicht zaubern, sondern einfach nur seine Arbeit verrichten sollte, so gut es eben geht.

          Das Berufsbild des 39-fachen deutschen Nationaltorhüters, der 1935 im Dortmunder Vorort Husen geboren wurde, ist wohl nicht zuletzt von der Arbeitswelt seines Vaters geprägt worden: Man macht nicht „den Herrmann“, wenn es auch anders geht. Auf dem mit Abstand berühmtesten Foto ist der Bergarbeitersohn indes äußerst untypisch eingefrorenen. Da sieht er selbst wie ein Flieger aus, der an diesem heißen Julitag 1966 über dem heiligen Wembley-Rasen zu schweben scheint. Dabei blickt der mützenbewährte Kopf rückwärts über die Schulter, um den von Geoff Hurst geschossenen Ball nach dessen Aufprall an der Querlatte zu verfolgen.

          Seit dem legendären Endspiel der Weltmeisterschaft in England ist aus dem so besonnenen Ballentschärfer im Gedächtnis der Fußballnation so etwas wie ein sentimentaler Gegenentwurf zu Helmut Rahn geworden. Den „Boss“ hatten sie in Duisburg und drumherum sein halbes Leben lang aufgefordert, „noch mal dat Tor“ zu erzählen, das 1954 Deutschlands 3:2-Triumph über Ungarn bedeutete. Den „Til“ dagegen, wie er lange genannt wurde, schaute man in Herne und drumherum noch lange mit Kommissarblick in die Augen – um dann zu fragen, ob der vorentscheidende Ball zum 2:3 nicht doch eher „drin“ gewesen sei.

          Alle Einladungen zum Geständnis schlug der gelernte Stahlschlosser jedoch aus. Weil er eben nicht drin war, und weil er selbst nicht dazu neigte, sich an vermeintlich tragischen Ereignissen bis zur Depression aufzureiben. Das ließ schon sein ausgeprägter Stolz nicht zu, der ihn in Verbindung mit den rabenschwarzen Haaren über dem kantigen Gesicht ziemlich spanisch wirken ließ. Außerdem hatte der erklärte Charmebolzen für betrübliche Gedankengänge keine Zeit – und sein Oeuvre bestand ohne Zweifel aus weit mehr als diesem einen Augenblick.

          Hans Tilkowski hatte in der Saison 1958/59 in 30 Pflichtspielen gerade 23 Treffer kassiert, das machte seinen Verein Westfalia Herne zum Meister der Oberliga West. Und empfahl ihn selbst für die A-Nationalelf, in der er im April debütierte. Als ihm zum WM-Turnier 1962 in Chile jedoch mit Wolfgang Fahrian ein „Flieger“ vorgezogen wurde, brach Tilkowski den Kontakt zu Nationalcoach Sepp Herberger ab. Zwei Jahre später holte ihn dessen Nachfolger Helmut Schön ins A-Team zurück. Das WM-Turnier 1966 wurde sein persönliches Podest und markierte ein überaus gelungenes Jahr – war er im Trikot von Borussia Dortmund doch Europacup-Sieger (über den FC Liverpool) geworden.

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          Hans Tilkowski : Abschied von einer Torwartlegende

          Ein Jahr später fühlte sich Tilkowski in Dortmund nicht mehr recht wertgeschätzt und wechselte zu Eintracht Frankfurt, wo er 1970 seine aktive Karriere beschloss. Über elf Trainerjahre zwischen Bremen und Athen fand er dann heraus, dass der Profifußball „nicht mehr meine Welt“ ist: „Bei den Spielern klafft die Lücke zwischen den finanziellen Ansprüchen und der Leistungsbereitschaft immer weiter auseinander.“ Konsequent wie ehedem zog er lieber Benefiz-Spiele und -veranstaltungen auf, bei denen er Hunderttausende von Euros für karitative Zwecke einsammeln konnte.

          Hans Tilkowski ließ seine Umgebung in aller Regel schnell wissen, was er von ihr hielt. Er konnte bestenfalls ein Charmeur sein, dem eine Geburtstagsrede auf den Wembley-Linienrichter Bakhramov zu einem Glanzstück an Fußballdiplomatie geriet. Ausgemachte „Flieger“ und „Spinner“ ließ er jedoch auch seine schroffe Seite spüren. So oder so war seine Ansage immer klar. Am Sonntag nun ist der geradlinige Charakter nach langer Krankheit im Alter von 84 Jahren gestorben. In Herne ist längst eine Ganztagsschule nach ihm benannt.

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