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Wembley-Stadion : Englands teure Fußball-Gralsburg

Hier steigt das große Finale: das Wembley-Stadion in London Bild: AFP

Das Wembley-Stadion in London, am Samstag Schauplatz des deutschen Endspiels in der Champions League zwischen Dortmund und Bayern, ist ein Fußball-Mythos - und finanziell ein Fass ohne Boden.

          Einen dramatischeren Schauplatz gibt es auf der ganzen Welt nicht für das deutsche Champions-League-Finale an diesem Samstag (20.45 Uhr / Live im Ticker bei FAZ.NET): Wembley - das ist im Fußball ein Mythos. Es gibt schönere Stadien, es gibt größere Stadien, aber es gibt keines, dessen Name einen solchen Klang hat wie dieses.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wembley, das ist Fußballgeschichte pur, auch wenn die Gralsburg in den uferlosen Reihenhausweiten des Londoner Nordens gerade einmal sechs Jahre alt ist. Das neue Wembley-Stadion ist erst 2007 eröffnet worden. Aber natürlich ist diese magische Fußball-Weihestätte viel älter.

          Das historische Wembley-Stadion mit seinen beiden weißen Türmen im Art-déco-Stil musste nach der Jahrtausendwende dem Neubau weichen. Es stammte aus dem Jahr 1923. Der Ort, an dem der FC Bayern und Borussia Dortmund am Samstagabend den wertvollsten Titel im Vereinsfußball untereinander ausmachen werden, ist also seit 90 Jahren den Fußballgöttern geweiht.

          Und mit den Deutschen haben die es hier bekanntlich nicht immer gut gemeint. Der Lattenschuss von 1966, das Wembley-Tor, das keines war, noch die Kindeskinder werden um die grausamste Stunde der deutschen Fußballgeschichte wissen. Gut also, dass dieses Mal schon feststeht: Es wird einen deutschen Champions-League-Sieger geben in Wembley.

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          Das Stadion ist im Häusermeer der britischen Hauptstadt aus allen Himmelsrichtungen viele Meilen weit zu sehen. Der Architekt Norman Foster hat dafür gesorgt: 133 Meter hoch über dem Rasen spannt sich kühn der stählerne Bogen, der große Teile der Dachlast trägt. Aus der Ferne sieht er aus wie der Henkel eines riesigen Einkaufskorbs.

          Wembley ist nach Camp Nou, dem Stadion des FC Barcelona, die zweitgrößte Fußballarena Europas. 90.000 Zuschauer finden darin Platz. Das sind 10 000 mehr als im Dortmunder Stadion und 19.000 mehr, als ins Wohnzimmer des FC Bayern passen. Der dröhnende Begeisterungssturm der Fans in der Arena, der auch bei Fußballverächtern für Gänsehaut sorgt, hat einen eigenen Namen: „Wembley Roar“ nennen ihn die Briten.

          Lange juristische Nachspielzeit

          Zum Fürchten sind allerdings auch die Bilanzen des Fußballtempels. Mit dem kalten Blick des Buchhalters betrachtet, ist dies ein Ort majestätischen Größenwahns. Wembley gilt als eines der teuersten Stadien der Welt. Einschließlich Infrastruktur beliefen sich die Gesamtkosten auf rund eine Milliarde Pfund (1,2 Milliarden Euro).

          Das ist mehr Geld, als in Deutschland vor der Weltmeisterschaft 2006 für alle Stadionneu- und -umbauten zusammen aufgewandt wurde. Das neue Wembley-Stadion ist mehr als doppelt so teuer geworden wie ursprünglich veranschlagt. Dem australischen Baukonzern Multiplex hat das Albtraumprojekt einen dreistelligen Millionenverlust eingebracht. Die juristische Nachspielzeit des Debakels zog sich über Jahre hin.

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          Andererseits rechnet ja auch niemand die Quadratmeter-Rendite von Buckingham Palace nach. Wie dieser ist auch der Palast von König Fußball ein nationaler Repräsentationsbau. Es geht nicht um Wirtschaftlichkeit und Vernunft, sondern um Symbolkraft, große Gefühle und patriotischen Stolz. Wembley ist das englische „Nationalstadion“ und schwebt damit weit über den Niederungen der Gewinn-und-Verlust-Rechnung und des Liga-Alltags. Kein Verein trägt hier regelmäßig seine Heimspiele aus.

          Die Anlage gehört stattdessen dem Fußballverband und ist außer für internationale Begegnungen vor allem für die Endrunden des englischen Pokalwettbewerbs reserviert. Das aber bedeutet auch: Das prachtvolle Stadion steht die meiste Zeit leer. Nur knapp 2 Millionen Besucher zählt Wembley im Jahr, Konzerte wie die von Bruce Springsteen im Juni und Pink-Floyd-Bassist Roger Waters im September mitgerechnet. Zum Vergleich: Die kleinere Allianz Arena des FC Bayern war weniger als halb so teuer wie der Wembley-Neubau, zählte vergangenes Jahr aber rund 300.000 Besucher mehr.

          Die Finanzdecke ist hauchdünn

          Der jüngste verfügbare Geschäftsbericht der Wembley National Stadium Ltd. bezieht sich auf das Geschäftsjahr 2011. Bei Umsätzen von 100 Millionen Pfund musste die bis über beide Ohren verschuldete Stadionbetreibergesellschaft damals 21 Millionen Pfund Kreditzinsen zahlen. Einschließlich eines Darlehens des Fußballverbands lasteten auf der Immobilie Schulden von knapp 400 Millionen Pfund. Die Finanzdecke ist also hauchdünn.

          Die Wirtschaftsprüfer sahen sich deshalb genötigt, darauf hinzuweisen, dass die Gläubigerbanken Kredite fällig stellen könnten, falls es zu unerwarteten Einnahmeausfällen kommen sollte. „Die Geschäftsführung ist zuversichtlich, dass weitere Unterstützung verfügbar wäre, sollte sie benötigt werden“, heißt es im Testat der Bilanzprüfer. Im Klartext: Der Fußballverband als Eigentümer müsste dann noch mehr Geld nachschießen, damit im Stadion die Flutlichter nicht ausgehen. Der Mythos Wembley ist Englands Fußball lieb - und ziemlich teuer.

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