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WM-Sieg 1990 : Des Kaisers imprägnierte Kleider

Weltmeister 1990: Der Star ist der Teamchef Bild: dpa

Genau 25 Jahre ist es her, dass Franz Beckenbauer mit dem deutschen Nationalteam zum zweiten Mal Weltmeister wurde – diesmal als Teamchef. Seitdem kann sich die Lichtgestalt des deutschen Fußballs alles erlauben. Selbst der Morast der Fifa bleibt nicht an ihm hängen.

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          Da ist dieser eine Augenblick, die Szene nach der Siegerehrung. Franz Beckenbauer schreitet allein über den Rasen. Das Flutlicht ist erloschen. Seine Hände stecken tief in den Taschen seiner hellen Sommerhose, die braungemusterte Krawatte sitzt tadellos, eine goldene Medaille baumelt davor. Beckenbauer senkt den Kopf und schaut zu Boden. Unergründlich scheint sein Weg in diesem Augenblick, auch für ihn selbst.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          Später wird er einmal sagen, dass er erst nach Jahren verstanden habe, „was in diesen Momenten des 8. Juli 1990 im Olympiastadion in Rom in mir, zunächst unbewusst, geschah: Ich habe mich vom Fußball gelöst. Es war ein Abschied ohne Wiederkehr. Es ist kein Feuer mehr in mir, keine Leidenschaft.“

          Explosion der dunklen Fußballwelt

          Ein halbes Jahrhundert begleitet Franz Beckenbauer nun schon die Deutschen. 25 Jahre davon, seit der Nacht von Rom, als Lichtgestalt. Seit dem Weltmeistertitel von damals ist Beckenbauer sogar noch größer geworden, irgendwann wurde er der bekannteste Deutsche. Aber während der frühere Teamchef heute mit seinem alten Team in Südtirol, wo der Weg zum WM-Triumph seinen Anfang nahm, zum Jubiläum anstößt, explodiert jene dunkle Fußballwelt, in der Beckenbauer zu einer geradezu märchenhaften Figur wurde.

          Die Fifa, deren Regierung Beckenbauer exakt in jener Zeit angehörte, in der die skandalöse WM-Vergabe an Qatar und Russland fiel, versinkt in Schande. Aber der Kaiser, der sich nach der Wahl ungerührt vom russischen WM-Förderer Gasprom anwerben ließ, geht imprägniert seiner Wege. Seit Jahrzehnten kennt er die Leute, gegen die ermittelt wird, und zwielichtige Gestalten waren auch schon da, als Beckenbauer die WM nach Deutschland holte. In diesem Morast ist auch das Sommermärchen emporgewachsen, Beckenbauers dritter und letzter Titel, und immer ist er sauber geblieben. Er kann es sich sogar leisten, heute, da sich das internationale Fußballsystem vor aller Augen desavouiert hat, dessen Erschaffer Sepp Blatter zu verteidigen. Und Sklaven in Qatar hat Beckenbauer nie gesehen. In Andersens „Des Kaisers neue Kleider“ wird die Lichtgestalt entzaubert. Im Märchen namens „Beckenbauer“ nie.

          Grenzenloser WM-Jubel: Beckenbauer inmitten seiner Spieler
          Grenzenloser WM-Jubel: Beckenbauer inmitten seiner Spieler : Bild: Imago

          Als die Ethikkommission der Fifa im vergangenen Jahr den Weltmeister aller Klassen für neunzig Tage sperrte, weil er einen Fragebogen nicht ausgefüllt hatte, wurde hierzulande die Strafe heftiger kritisiert als des Kaisers fehlende Kooperation. Noch läuft das Verfahren, aber Beckenbauer hat bisher immer allen Widrigkeiten getrotzt, ob sportlich, geschäftlich oder privat. Stets ist er als strahlender Sieger hervorgegangen. Einen Kaiser ficht nichts so leicht an. Seine Karriere ist die größte, die der deutsche Sport hervorgebracht hat. Und die große Frage angesichts all der Verwerfungen im Fußball dazu lautet ganz schlicht: Wie ist das möglich?

          Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), ist in diesen Tagen für Medien schwer zu erreichen. Der Fifa-Skandal und die künftige Rolle des DFB bei der Wahl von Blatters Nachfolger sind heikle Themen. Aber für ein Gespräch über Franz und die WM in Italien nimmt er sich sofort Zeit. Und wenn Niersbach nach 25 Jahren in den von Gianna Nannini besungenen italienischen Sommer zurückkehrt, dann lebt er auf, verjüngt sich. Man sieht förmlich, wie er nach dem Finalsieg gegen Argentinien auf den Platz stürmt, den Kaiser umschlingt und die Arme in die Luft wirft.

          Glücksmoment: Der Kaiser feiert am 8. Juli 1990 in Rom den Sieg über Argentinien
          Glücksmoment: Der Kaiser feiert am 8. Juli 1990 in Rom den Sieg über Argentinien : Bild: Picture-Alliance

          Er entdeckt „den Franz“ dann plötzlich allein auf dem Platz. „Da trug er noch die Medaille, die er mir dann später in der Kabine geschenkt hat“, erzählt Niersbach. Zwanzig Jahre lang schmückt die Medaille seinen Kaminsims. Bei der letzten Jubiläumsfeier des WM-Siegs vor fünf Jahren schenkte er sie ihm zurück. Und Beckenbauer reichte sie ans Fußballmuseum weiter.

          Niersbach ist, immer in der Nähe oder an der Seite Beckenbauers, zur mächtigsten Figur im deutschen Fußball aufgestiegen. Als DFB-Präsident wurde er auch Regierungsmitglied der Fifa und des europäischen Verbands. Womöglich spült ihn die Krise des Weltverbandes bald noch weiter nach oben. Aber eine bessere, unbeschwertere und glücklichere Zeit als in Italien hat Niersbach nicht erlebt in seinem Fußballleben. Und so wie ihm hat Beckenbauer, der eigentliche Entertainer dieses Landes, vielen Menschen unzählige schöne und vergnügliche Momente geschenkt. Beckenbauer hat nicht nur wichtige Spiele gewonnen in München, Rom und Zürich, er hat die Menschen gewonnen. Und manche, wie Niersbach, sind durch Beckenbauer selbst größer geworden. Und haben ihn dann noch größer gemacht.

          Im Schatten des Kaisers groß geworden: der heutige DFB-Präsident Niersbach
          Im Schatten des Kaisers groß geworden: der heutige DFB-Präsident Niersbach : Bild: dpa

          Torsten Körner spielte in der Jugend des BV Cloppenburg, bevor er Autor wurde. Er ist der Mann, über den Beckenbauer sagt, dass er fast mehr über sein Leben wisse als er selbst. „Beckenbauer ist eines der Erfolgssymbole der Bundesrepublik, ein Gesamtkunstwerk verschiedener Interessen. Und das darf nicht beschädigt werden“, sagt Körner. Er hat in seiner Biographie versucht, Beckenbauer und seine Wirkung mentalitätsgeschichtlich zu erklären. Der Junge aus Giesing, Jahrgang ’45, als deutscher Wunschschwiegersohn, für Mütter und Väter. „Er hat nie unbequeme Fragen gestellt. Er hat glänzend Fußball gespielt, so elegant wie kein anderer, und den Erfolg verkörpert. Er hat diese Kriegsgeneration nie kritisch angetastet. Er war sehr folgsam. Immer auch zum eigenen Vorteil, bis heute.“ Der Mensch Beckenbauer wiederum hat seinen Biographen, wie so viele, ganz schnell von sich eingenommen: „Er ist von einer großen Liebenswürdigkeit und Bodenständigkeit. Distanz lässt er nicht aufkommen, das macht er meisterhaft.“

          Körners Beckenbauer-Buch erschien zu dessen 60. Geburtstag, ein knappes Jahr vor der WM 2006, die Krönung der Kaiser-Karriere. Bei den Recherchen gehörte er mitunter zu Beckenbauers Entourage und hat dessen Wirkung auf die Menschen am eigenen Leib gespürt. „Im Schlepptau des Kaisers bist du sofort eine Art Vasall. Und wenn du so eine Aura miterlebst als Vasall, als Wasserträger, der du für den Augenblick bist, dann streichelt das auch deine eigene Seele. Als Fußballkind, als Fußballfan bist du froh, dass du in der Nähe des Kaisers bist und das miterleben darfst – und von dem du ein Stück mitgespeist wirst.“

          Beckenbauer hat viele Menschen in seinen vielen Rollen gespeist, einige besonders. Während der Recherchen kam Körner an Informationen aus einem Buch des früheren Bayern-Präsidenten Neudecker. Er hatte es bei einem von dessen Enkeln entdeckt, der sich aber erst mal in Beckenbauers Umfeld versicherte, ob er es überhaupt aushändigen dürfe. „Die waren schon sehr verärgert, dass ich es überhaupt gesehen hatte“, erinnert sich Körner an die Reaktionen von Beckenbauers Berater Marcus Höfl und von Fedor Radmann, seinem Helfer bei Bewerbung und Organisation der WM 2006. „Als ich es dann bekam, waren fünfzig Seiten mit der Rasierklinge entfernt. Vor allem die Stellen, wo es um finanzielle Transaktionen beim FC Bayern ging.“

          Alle haben voneinander profitiert

          Körner erzählt das, weil er damit auf Beckenbauers Bodyguards zu sprechen kommt. Die Image-Bodyguards, wie er sie nennt. „Beckenbauer hat viele Image-Bodyguards. Und im Grunde sind wir das alle auch selbst.“ Denn Beckenbauer habe vielen in diesem Land viel gegeben: Fans, Medien, Unternehmen, der Politik – und natürlich dem Fußball. Und alle haben voneinander profitiert. Körner wundert sich manchmal, dass Beckenbauer nicht kritischer vom deutschen Sportjournalismus analysiert worden ist, seine Rollen, seine Interessen. „Aber auch da erkenne ich ein Immunabwehrsystem, eine kollektive Anstrengung, ihn nicht zu beschädigen und sei es durch Schweigen, Aussparen, fehlende Recherche.“

          Undurchsichtige Beziehung zweier Männer: Blatter und Beckenbauer
          Undurchsichtige Beziehung zweier Männer: Blatter und Beckenbauer : Bild: Picture-Alliance

          Es hat einige Sportstars gegeben, die ähnliche Voraussetzungen mitbrachten wie Beckenbauer. Fünf Sommer vor der Nacht in Rom verliebte sich das ganze Land in Wimbledon in einen siebzehnjährigen Leimener. Und auch für Lothar Matthäus, den Weltmeister und Weltfußballer, stand 1990 die Welt offen. Und umgekehrt gab es im Leben des Fußball-Kaisers immer wieder Vorfälle, die Sterbliche in der Öffentlichkeit nicht überlebt hätten: Steueraffären, zwei Scheidungen, ein uneheliches Kind, ignorante Sprüche. Und immer wieder Interessenkollisionen. „Vielleicht ist es das ganz Spezielle an der Person Beckenbauer, das man ihm, auch wegen seiner Art, Dinge verzeiht, die man anderen nicht verzeihen würde“, sagt Niersbach. Für ihn hatte Beckenbauer immer auch etwas undeutsches an sich. Und seine Souveränität, gepaart mit Lockerheit, hat er immer bewundert.

          Beckenbauers Karriere begann in einem typischen Fußballgeflecht. Sein persönlicher Manager Schwan war gleichzeitig auch Manager des FC Bayern. Als Bayern-Präsident stand er später in Diensten eines Medienhauses, nach der WM-Wahl dann von Gazprom. So etwas war für den Kaiser nie ein Problem, aber zuletzt hatte die Ethikkommission eines mit Beckenbauer. Und sperrte ihn. „Das war sein Fehler, aber die Sperre war überzogen. Das hat er nicht verdient“, sagt Niersbach.

          Beckenbauer hat es weh getan, dass er nicht dabei sein durfte bei der WM vergangenes Jahr in Brasilien. Daher lud ihn Niersbach zum deutschen Team ein, aber das wollte Beckenbauer nicht. Als die neue Generation in Rio Weltmeister wurde, die erste seit 1954 ohne ihn, war der Kaiser weit weg. Er saß zu Hause mit Deutschland-Hut und Deutschland-Trikot zusammen mit seinen Kindern vor dem Fernseher. Nun zieht er sich allmählich wirklich aus dem Fußball zurück. Im September wird er siebzig. Und es sieht auch so aus, dass die Kräfte, die Beckenbauer schützen, schwächer werden.

          Der DFB ist eine Institution, die zur Bastion in Beckenbauers Leben wurde. Eine andere die „Bild“-Zeitung, für die er seit 1982 Kolumnen schreiben lässt. Nur in seiner Zeit als Teamchef ruhte die Zusammenarbeit. Alfred Draxler ist bei „Bild“ seit der ersten Stunde an Beckenbauers Seite. Zum Gespräch über Beckenbauer und das WM-Jubiläum lädt Draxler in den Journalistenklub des Springer-Verlags. Das Haus steht dort, wo früher die Mauer war. Der WM-Sieg in Rom neun Monate nach ihrem Fall und drei Monate vor der Wiedervereinigung war auch das erste gemeinsame Erfolgserlebnis aller Deutschen.

          Eine Win-Win-Situation

          Damals war Draxler auch Teamchef, für die Reporter des Blattes bei der WM. Später stieg er zum Sportchef und stellvertretenden Chefredakteur auf. „,Bild‘ muss Fan und Freund des Fußballs sein“, sagt Draxler. Bild und Fußball gehören zusammen. Und damit auch Bild und Beckenbauer, das liegt nahe. Eine Win-win-Situation. „Wenn man das so nüchtern ausdrücken will, kann man das sagen. Das ist die Grundlage“, sagt Draxler. Er legt Wert darauf, dass sie nie Informationen von ihm verlangt und er nie eine bevorzugte Berichterstattung gefordert habe. „Aber die Leute haben auch eine Sehnsucht danach, dass beim Kaiser alles in Ordnung ist. Man hat in vielen Dingen eine Art Nachsicht.“

          Draxler erzählt dann eine typische Beckenbauer-Geschichte, die sein Erfolgsgeheimnis über all die Jahrzehnte erklären soll, seine enorme Beliebtheit. Als Kolumnist lebte Beckenbauer bei der WM in Spanien mit den „Bild“-Reportern unter einem Dach. Irgendwann fanden die Kinder in Gijón heraus, in welchem Haus der große Fußballspieler wohnte, und dann klingelte es mehrmals am Tag, und vor der Tür standen Jungs, die um Autogramme baten. Beckenbauer unterschrieb und drückte ihnen dazu ein paar Peseten in die Hand. Einmal öffnete Draxler die Tür, während Beckenbauer ein Stockwerk höher Karten spielte. Er wollte die Jungs abwimmeln, um ihm einen Gefallen zu tun. „Aber da spüre ich, wie mir hinten einer an den Kragen fasst. Und der Franz sagt: ,Das machst du nie mehr. Wenn mich einer sprechen will und ein Autogramm haben will, dann bin ich da.‘“

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