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Lüneburger SK Hansa : Weltmann Zobel räumt in der Regionalliga auf

  • -Aktualisiert am

„Die Leute sind gewohnt, dass hier Chaos ist. Das muss weg“: Rainer Zobel. Bild: Picture-Alliance

Regionalliga statt Rotes Meer: Wie der frühere Bayern-Profi und Trainer-Globetrotter Rainer Zobel den Lüneburger SK Hansa auf Vordermann bringen soll.

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          Im Raum hinterm Tresen rumpelt eine Waschmaschine. Die Kaffeemaschine läuft. Und Rainer Zobel raucht L&M blau. Badelatschen, Trikots, Bälle, eine alte Trainingsjacke und der Tischkicker, der mehr Abstellfläche ist: hier müsste mal aufgeräumt werden. Von außen wirkte das Vereinsheim, als gebe es nicht mal Strom. Dabei ist dies der „modernere“ Teil des kleinen, flachen Gebäudes im Stadtteil Goseburg. Nebenan sind Toiletten und drei Kabinen in der niedrigen Backsteinbaracke untergebracht. Da möchte Zobel lieber keinen Gast reinlassen. Aber immerhin kommt seit ein paar Wochen heißes Wasser aus den Duschen. Herzlich willkommen beim Lüneburger SK Hansa, Regionalliga Nord, wo am Ostermontag um 14 Uhr gegen Eintracht Norderstedt gespielt wird.

          Eigentlich wollte Zobel 2015 aufhören. Er trainierte den SC El-Guna bei Hurghada am Roten Meer. Gemäßigter Stress im Alltag, herrliche Aussicht beim Aufstehen: „Das wäre ein richtig schöner Abschluss meiner Karriere gewesen.“ Jetzt wohnt der 70 Jahre alte Fußball-Lehrer die Woche über nicht zu Hause in Braunschweig, sondern in einem Ein-Zimmer-Studentenappartement in Lüneburg und versucht, den LSK in der Vierten Liga zu halten. Die eigentliche Aufgabe ist indes eine andere. Eine größere. Zobel sagt: „Ich will bleiben, bis was steht.“

          Ende der siebziger Jahre ließ Zobel seine Laufbahn in Lüneburg ausklingen. „Der LSK hat mich nach meiner Bayern-Zeit wunderbar aufgenommen“, sagt er. Er stammt aus dem nahen Wrestedt. Damals gingen 6000 Fans zu den Spielen ins Stadion am Wilschenbruch. Zobel blieb als Trainer in der Region und ging in die Bundesliga. Dann trainierte er ab 1997 Vereine in Ägypten, Südafrika, Iran, Georgien, Moldau und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Den alten LSK verfolgte er nur noch in den Ergebnisspalten.

          Gelassenheit des Weitgereisten

          Als sich der Verein Anfang 2018 meldete, war aus dem Lüneburger SK nach einer Insolvenz der LSK Hansa geworden und die Not groß. Zobels Vorgänger hatte gesundheitsbedingt aufgehört. Ein erfahrener Mann sollte das junge Team in der Liga halten. Da er sowieso zurück nach Deutschland wollte, sagte Zobel zu. Und erbte eine Menge Probleme, die weniger mit Fußball und mehr mit Sportpolitik zu tun hatten. Allerdings wirkt Zobel nicht, als kratze ihn das sonderlich, als wollte er irgendeiner Auseinandersetzung aus dem Weg gehen. Die Gelassenheit des Weitgereisten? „Wir haben für ein Champions-League-Spiel in Bujumbura zehn Tage hin und zurück von Kairo gebraucht. Allein darüber könnte man ein Buch schreiben. Meine Haltung ist, dass es im Fußball kein Problem gibt, das man nicht lösen kann“, antwortet Zobel.

          Er ist keiner, der Gespräche mit tausendundeiner Anekdote füllt. Es gibt genug im Hier und Jetzt zu tun. „Ich will nicht nur Missstände anprangern“, sagt Zobel, „ich will helfen.“ Es war nur ein Satz, mit dem er Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) aufschreckte: „Ich kenne keine Stadt der Größe Lüneburgs, die kein Stadion hat.“ Der 2015 in die Regionalliga aufgestiegene LSK zog drei Jahre lang ins Stadion des kleinen Nachbarorts Bardowick, weil das alte Stadion Wohnungen weichen musste. Die nächste Übergangslösung folgte: nun spielt der LSK auf dem städtischen Sportplatz an den Sülzwiesen. Der erfüllt so gerade die Anforderungen der Vierten Liga. Zobel sagt nur: „Es gibt eine Toilette für Frauen.“

          Die Diskussionen um die schlechten Sportstätten der 75.000-Einwohner-Stadt 50 Kilometer südlich Hamburgs sind bekannt. Seit 15 Jahren wird über einen Arena-Neubau für die Volleyball-Männer des SVG geredet. Jetzt soll er tatsächlich kommen. Zobel schmunzelt. Es wurde schon viel versprochen. Er sagt: „Die Leute sind gewohnt, dass hier Chaos ist. Das muss weg.“ Wenn er Spieler, Berater oder Eltern an die Goseburg einlädt, kehren manche auf dem Absatz um und verlassen den schlaglochübersäten Parkplatz wieder: „Ich habe noch nie so trainiert“, sagt Zobel, „auch nicht in Moldau. Ich brauche keinen Luxus, Aber jede Container-Lösung ist besser.“ Allerdings machte es der unstete LSK der Politik auch schwer. Es gab keine Basis mehr. Der Name „Zobel“ hat Bewegung in die Sache gebracht. Er hat dem OB und dem Niedersächsischen Fußballverband im März die Trainingsanlage gezeigt. Eine Gesprächsebene ist gefunden. Die Baracke wird bald abgerissen. Ein Klubheim mit Geschäftsstelle wird gebaut und soll 2020 fertig sein. Fehlt noch das Stadion.

          Aber es scheint, als sei ein Investor gefunden, der dem LSK ein kleines, feines Stadion hinstellt. Ein Stückchen außerhalb der Lüneburger Gemarkung, immer noch zentral. Bis es so weit ist, wird der LSK noch mal umziehen, ins kleine Neetze im Osten. 2021 soll der LSK dann sein eigenes Stadion besitzen und ein vernünftiges Trainingszentrum. Nicht nur für die erste Mannschaft, sondern auch für 230 junge Fußballer. Ende Juni 2021 endet Zobels Vertrag. Kommt es, wie es kommen soll, hätte er hier viel erreicht. Allerdings ist der Alltag knifflig: Seine Mannschaft steht auf einem Abstiegsrang. Mit einem Etat von 200 000 Euro wird auf Dauer kein Platz in der Regionalliga Nord sein, sagt Zobel. Aber das ist ein anderes Thema. 

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