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Weltfußballer-Präsentation : Die Musik lauter gestellt

  • -Aktualisiert am

Ergriffen: Die fünfmalige Weltfußballerin Marta auf dem „Ballon d'Or” Bild: dpa

Die Fifa feiert einen Tag des Sports und kürt ihre Weltfußballer des Jahres. Messi siegt schon wieder und Marta sowieso. Die raue Wirklichkeit lässt Präsident Blatter nur für knapp zehn Sekunden in die Fußball-Glitzerwelt hinein.

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          Joseph Blatter ließ die raue Wirklichkeit für knapp zehn Sekunden in die Fußball-Glitzerwelt des Züricher Kongresshauses hinein. „Wir haben neue Märkte erschlossen, in Osteuropa und in Asien. Und das ist nicht so gemeint, wie viele geschrieben haben und immer noch schreiben.“ Der Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) machte bei den Worten „so gemeint“ eine Handbewegung, die auf der ganzen Welt als Zeichen für Geldzählen verstanden wird und die mittlerweile viele für das Leitmotiv der meisten führenden Fußballfunktionäre halten. Nein, der Fifa sei es bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Qatar nur darum gegangen, den Fußball in die ganze Welt zu tragen und nicht an den bekannten Grenzen zu verharren.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Ansonsten sparte Blatter bei der großen Fifa-Gala „Ballon d'Or“ die großen aktuellen Themen aus. Zum Beispiel seinen Vorschlag, die WM in Qatar doch von der gesundheitsgefährdenden sommerlichen Bruthitze in den angenehm temperierten Winter zu verlegen. Auch zu Blatters Schmähung des Internationalen Olympischen Komitee war nichts mehr zu erfahren und auch nicht zum Rücktritt des deutschen Mitglieds der Fifa-Ethikkommission, Günter Hirsch. „Der Tag gehört dem Sport“, begründete ein Pressesprecher, warum kein Offizieller an diesem Tag zu sprechen war.

          Schöne Töne und eindrucksvolle Bilder produziert

          Die Fifa reagierte auf das Gemurmel um sie herum, indem sie die Musik lauter stellte. Es waren schöne Töne und eindrucksvolle Bilder, die im Zürcher Kongresshaus für die Fußballwelt produziert wurden. Der Verband setzte seine Idee auf Anhieb stilvoll um, dem Fußball einen weiteren Glamourtermin zu verschaffen. Schon früher ehrte die Fifa den Weltfußballer und die Weltfußballerin des Jahres, doch stand die Wahl in Konkurrenz zum traditionsreicheren Wettbewerb „Ballon d'Or“, den die französische Sportzeitung France Football 1956 zu Ehren von Europas Fußballern des Jahres ins Leben gerufen hatte.

          Erzbischof Tutu (links) mit Joseph Blatter: „Wenn ich einen Preis zu vergeben hätte, würde ich ihn auch Ihnen verleihen”

          Der Fifa gelang es, France Football davon zu überzeugen, die beiden Wettbewerbe zu verschmelzen und den Namen „Ballon d'Or“ (auf Deutsch: Goldener Ball) mit einzubringen. Zudem wurde das Format erweitert. Erstmals standen auch Trainer (José Mourinho) und Trainerinnen des Jahres (Silvia Neid) zur Wahl sowie die Weltelf (Casillas - Puyol, Pique, Lucio, Maicon - Iniesta Xavi, Snejider - Cristiano Ronaldo, Villa, Messi). Dazu konnten die Fans unter zehn Vorschlägen das Tor des Jahres küren. Die Kategorien Fair-Play-Preis und der Präsidentenpreis, dessen Gewinner Joseph Blatter persönlich auswählt, gaben der Feier-Arie die gesellschaftliche Dimension, die eine Gala einfach braucht.

          Wenig Wertschätzung für deutsche Fußballmänner

          Der Auftritt von Erzbischof Tutu, den Blatter für seine Verdienste um den afrikanischen Fußball im allgemeinen und die WM 2010 in Südafrika im besonderen würdigte, wurde sogar zum Höhepunkt der Veranstaltung. In seiner launigen Rede verlieh Tutu der Veranstaltung den notwendigen Schuss Leichtigkeit und Selbstironie. „Ich mag Sie auch, Herr Blatter. Wenn ich einen Preis zu vergeben hätte, würde ich ihn auch Ihnen verleihen“, sagte Tutu mit einem listigen Grinsen.

          Auch Hamit Altintop brachte etwas Abwechslung auf die Bühne, als er seinen Preis für das schönste Tor des Jahres eher flapsig als staatsmännisch kommentierte. „Auch irgendwie schön“, meinte der türkische Nationalspieler des FC Bayern München zur Auszeichnung seines Volleytores im EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan. Feiern werde er allerdings nicht: „Ich will doch den Erfolg des Bayern-Trainingslagers nicht gefährden.“

          Wie ein schlecht beratener Teenager auf dem Abschlussball

          Ansonsten verliehen die Tränen von Marta und das Jacket von Lionel Messi dem Abend etwas Besonderes. Obwohl die Brasilianerin schon zum fünften Mal nacheinander als beste Spielerin der Welt (vor den Deutschen Birgit Prinz und Fatmire Bajramaj) geehrt wurde, war sie am meisten von der Zeremonie mitgerissen. Ähnliche Reaktionen hätte das viel zu kurze schwarze Samtjäckchen bei Modeliebhabern auslösen können, das der beste Spieler der Welt als Abendgarderobe gewählt hatte.

          Wie ein schlecht beratener Teenager auf dem Abschlussball kam der Argentinier daher, der sich dann bei seiner Dankesrede hinter das Mikrofon fläzte, als befände er sich an einem Bartresen. Aber dem begnadeten Spieler wird gern alles verziehen. Es setzte sich bei der Wahl sogar über die spanischen Weltmeister Iniesta und Xavi hinweg, obwohl er bei der WM keine überragende Vorstellung zu Wege gebracht hatte.

          Im Gegensatz zu den Frauen wurde den deutschen Fußballmännern wenig Wertschätzung entgegengebracht. Als Bester erhielt Mesut Özil 1,21 Prozent der von den Nationaltrainern, Nationalmannschaftskapitänen und ausgewählten Journalisten abgegebenen Stimmen. Das reichte für Platz 13. Joachim Löw blieb unter den Trainern immerhin Rang vier mit 5,12 Prozent – hinter Mourinho, der knapp Weltmeistertrainer del Bosque schlug, und Barcelonas Coach Pep Guardiola. An den Wahlergebnissen gab es zunächst keine Kritik. Erst tags darauf maulten die spanischen Gazetten darüber, dass niemand ihrer Weltmeister zum Weltfußballer des Jahres gekürt worden war. „Spanien hat in den Urnen kein Gewicht“, schrieb „El Pais“. Als die Gäste das Züricher Kongresshaus angeregt plaudernd über den Roten Teppich verließen, schienen alle mit dem Ballon d'Or zufrieden zu sein. An diesem Abend jedenfalls war die Fußballwelt in Ordnung.

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