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Staats-Doping in Russland : Die Lunte im Fußball brennt

Ganz schön explosiv: In einem halben Jahr startet die Fußball-WM in Russland. Bild: Getty

Was bedeutet das russische Staats-Doping für die Fußball-WM? Der Fußball-Weltverband schweigt beharrlich. Nun aber könnte ein brisanter Datensatz das Bollwerk der Fifa sprengen.

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          Kaum hat er lebenslang bekommen, da tritt Witalij Mutko als der starke Mann des russischen Sports auf: Rücktritt aus eigenem Entschluss? „Nein. Ich bleibe bei den Sportlern.“ Staats-Doping über wenigstens fünf Jahre? „Klare Lüge.“ 15 Millionen Dollar Strafe zahlen? Nur, falls das Internationale Olympische Komitee (IOC) anschließend einen Schlussstrich zieht. Der Olympiazirkel unter Präsident Thomas Bach hat Russlands ehemaligen Sportminister zwar vor laufender Kamera als (politisch) verantwortliche Figur der russischen Manipulation unter anderem bei den Winterspielen in Sotschi 2014 hingestellt.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nie mehr darf Mutko einen Fuß auf den olympischen Hain setzen. Aber den stellvertretenden Ministerpräsidenten des größten Landes der Welt rührt das Urteil, seine Verbannung, nicht. Am vergangenen Donnerstag stellte er sich zwischen den Zeilen als Unterhändler für die Nachverhandlung des soften Deals mit dem IOC um die Teilnahme des russischen Teams an den Winterspielen in Südkorea 2018 vor. Gleichzeitig stärkt ihm der größte Sportfachverband der Welt den Rücken. So, als seien die IOC-Richter im Falle Mutko geistig umnachtet: Die Entscheidung des IOC, schreibt der Internationale Fußball-Verband (Fifa), „hat keinen Einfluss auf die Vorbereitung für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018“. Mutko ist der Organisations-Chef.

          Ohne Mutko läuft nichts. Das gilt für die Inszenierung der WM und galt für den Urin-Austausch gedopter Athleten mit Hilfe des Geheimdienstes. 34 russische Fußballprofis, heißt es im sogenannten McLaren-Bericht für die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), seien involviert gewesen ins russische Doping- System, auch Nationalkader der WM 2014 in Brasilien. Die Fifa verweist kaltlächelnd auf „negative Kontrollen“ und auf ihre Untersuchungsbemühungen. Auf russisches Terrain wagt sie sich vorerst nicht. Der Druck ist zu gering.

          Die Fußball-Verbände schweigen zur Sache Mutko. „Soll ich denn mit der Brandfackel losmarschieren?“, sagte der Chef eines europäischen Verbandes der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch die stärksten Kräfte, die maßgebliche Sponsoren des Weltverbandes, gehen in Deckung. Fragen der F.A.Z. an Coca-Cola, Hyundai oder Visa, ob und welche Reaktionen sie nach der IOC-Entscheidung von der Fifa erwarteten, wichen die Konzerne aus. „Wir haben doch nur mit der positiv-emotionalen Seite des WM-Turniers zu tun“, sagte ein Unternehmenssprecher, der nicht genannt werden will. Nur Adidas, seit Jahrzehnten mit der Fifa verbunden und Sponsor der russischen Nationalmannschaft, war zu einer Stellungnahme bereit: „Adidas verurteilt Doping im Sport in jeglicher Form und wird auch in Zukunft an dem Grundsatz festhalten, laufende Verträge mit Teams und Sportlern, die nachweislich gedopt haben, unverzüglich und vereinbarungsgemäß zu kündigen. Wir erwarten von all unseren Partnern, dass sie sich an die Gesetze halten.“ Die Botschaft ist eindeutig. Beim Thema Doping positioniert sich das Unternehmen nur (noch) nach Vertragslage. Mutko trägt zwar einen Anzug mit Streifen, aber es sind Nadelstreifen.

          Das alte Geist der Fifa: Verbandsboss Gianni Infantino (rechts) mit Witalij Mutko, dem Tausendsassa des russischen Sports.

          Monate bevor sich die Protokollchefs der Nationen die Frage stellen werden, ob das Staatsoberhaupt dem Staats-Doper auf der WM-Ehrentribüne die Pfote schütteln soll, rückt das Gelöbnis der Fifa wieder in den Mittelpunkt. Der Blatter-Ära sollte eine ehrenhafte Erneuerung am Stammsitz folgen, quasi Glasnost am Züricher Sonnenberg. Stattdessen hat Fifa-Chef Gianni Infantino unbestechliche Kontrolleure abserviert. Als in der vergangenen Woche im Moskauer Kremlpalast die Gruppenaufteilung für das WM-Turnier ausgelost wurde, sprang Infantino den Mächtigen Russlands gefällig zur Seite. „Die Unterstützung für die Veranstaltung ist absolut einmalig. Ich bin mir sicher, dass in Russland die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten stattfinden wird.“ Da lächelt der Bühnennachbar – Mutko.

          Vergeblich hatte Infantino versucht, den 59-Jährigen aus der Region Krasnodar in der Exekutive seines Verbandes zu halten. Der frühere Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof, Miguel Maduro, schilderte im Sportausschuss des britischen Parlaments, dass sich Infantino und die Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura für den Verbleib Mutkos eingesetzt hätten. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als sich dessen Rolle im Doping-System schon längst abgezeichnet hatte. Damals kursierte bereits der Hinweis, Mutko habe laut einer E-Mail der Beseitigung einer positiven Probe eines russischen Fußballprofis zugestimmt. Maduro, damaliger Governance-Chef der Fifa, ließ sich bei seiner Untersuchung zwar nicht beirren und setzte den Rauswurf Mutkos wegen „politischer Einmischung“ durch. Im Mai aber wurde der Portugiese von Infantino geschasst. Die Fifa äußerte sich nicht zu dem Vorwurf der versuchten Einflussnahme. „Das Mindeste, was die Fifa tun müsste“, sagte ein Ethik-Experte mit tiefem Einblick in das Gebaren von Fußball-Funktionären, „wäre, Mutko nach einer Stellungnahme zum IOC-Urteil zu fragen und ob er es noch für sinnvoll hält, WM-Chef zu bleiben.“

          Ehrliche Antworten auf heikle Fragen kommen aus einer anderen Richtung. An diesem Donnerstag wird die Wada auch der Fifa Informationen aus Daten des Moskauer Anti-Doping-Labors zur Verfügung stellen. Es handelt sich um Tausende Aufzeichnungen von Doping-Kontrollen zwischen Januar 2012 und August 2015, aus denen sich positive Befunde herauslesen lassen. Allein 1000 sollen verdächtig sein. Der über Wochen geprüfte und dann für echt erklärte Datensatz bietet angeblich den kompletten Einblick in das russische Manipulations-Programm, obwohl viele Proben nach den ersten Enthüllungen vernichtet wurden, wie der frühere Labor-Leiter Grigorij Rodtschenkow als Kronzeuge vor gut einer Woche durch seinen Rechtsanwalt bestätigen ließ. Der Datensatz könnte die Basis der Fifa-Argumentation sprengen. Noch am Freitag behauptete sie mit Verweis auf negative Kontrollen etwa während des Confed-Cups 2017, alles zu tun, um den Fußball, „frei von Doping zu halten“.

          Frei von Doping? Seit sechs Jahrzehnten sind kleine und sehr große Geschichten von der pharmakologischen Aufladung des Fußballs erzählt und belegt worden, von Zeugen, Kronzeugen und Gerichten. Kaum ein Weltverband hat das Kernproblem des Sports so konsequent unter den Teppich gekehrt wie die Fifa. Als DFB-Chef Grindel den Weltverband vor Monaten aufforderte, ein vollständig unabhängiges Doping-Kontroll-System für die WM in Russland zu organisieren, mokierte sich Fifa-Boss Infantino über den Deutschen: „Er hat das öffentlich mit der Bemerkung abgetan, es sei gut, dass ich jeden Tag eine neue Idee hätte“, sagte Grindel, selbst qua Amt Fifa-Mitglied. „Ich bleibe dabei: Infantino sollte dem Fifa-Council zügig Vorschläge unterbreiten.“

          Der Europarat geht einen Schritt weiter. Er stellte in der vergangenen Woche den gesamten Aufklärungswillen und die Reformbereitschaft der Fifa in Frage. Geschrieben hat den Report die ehemalige Europaratspräsidentin Anne Brasseur aus Luxemburg (Demokratische Partei). Sie ist heute in der Organisation Berichterstatterin für „Good Governance“ im Fußball. Brasseur befragte aktuelle und frühere Kontrolleure der Fifa, die aktuelle Führung des Weltverbandes sowie weitere Personen in Schlüsselfunktionen und kam zu keinem guten Ergebnis. Die Fifa entgegnete, der Report berücksichtige nicht genügend die angeschobenen Reformen. Sie habe mit dieser Antwort gerechnet, sagte Anne Brasseur auf Anfrage: „Ich sehe nichts von den versprochenen Reformen.“ Was Millionen Fernsehzuschauer während der WM-Auslosung in Moskau zu sehen bekamen, war der alte Geist der Fifa. Eine Sportskamarilla formiert sich für das Fußball-Fest: Mutko, Infantino und die Los-Fee Maradona. Mit der Hand Gottes hat der einstige Starkicker Argentinien nicht nur Glück gebracht. Sie war auch im Spiel, als er überschäumte bei der WM in den Vereinigten Staaten 1994. Die Doping-Analytiker fanden Ephedrin, ein verbotenes Aufputschmittel.

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