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Staats-Doping in Russland : Die Lunte im Fußball brennt

Vergeblich hatte Infantino versucht, den 59-Jährigen aus der Region Krasnodar in der Exekutive seines Verbandes zu halten. Der frühere Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof, Miguel Maduro, schilderte im Sportausschuss des britischen Parlaments, dass sich Infantino und die Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura für den Verbleib Mutkos eingesetzt hätten. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als sich dessen Rolle im Doping-System schon längst abgezeichnet hatte. Damals kursierte bereits der Hinweis, Mutko habe laut einer E-Mail der Beseitigung einer positiven Probe eines russischen Fußballprofis zugestimmt. Maduro, damaliger Governance-Chef der Fifa, ließ sich bei seiner Untersuchung zwar nicht beirren und setzte den Rauswurf Mutkos wegen „politischer Einmischung“ durch. Im Mai aber wurde der Portugiese von Infantino geschasst. Die Fifa äußerte sich nicht zu dem Vorwurf der versuchten Einflussnahme. „Das Mindeste, was die Fifa tun müsste“, sagte ein Ethik-Experte mit tiefem Einblick in das Gebaren von Fußball-Funktionären, „wäre, Mutko nach einer Stellungnahme zum IOC-Urteil zu fragen und ob er es noch für sinnvoll hält, WM-Chef zu bleiben.“

Ehrliche Antworten auf heikle Fragen kommen aus einer anderen Richtung. An diesem Donnerstag wird die Wada auch der Fifa Informationen aus Daten des Moskauer Anti-Doping-Labors zur Verfügung stellen. Es handelt sich um Tausende Aufzeichnungen von Doping-Kontrollen zwischen Januar 2012 und August 2015, aus denen sich positive Befunde herauslesen lassen. Allein 1000 sollen verdächtig sein. Der über Wochen geprüfte und dann für echt erklärte Datensatz bietet angeblich den kompletten Einblick in das russische Manipulations-Programm, obwohl viele Proben nach den ersten Enthüllungen vernichtet wurden, wie der frühere Labor-Leiter Grigorij Rodtschenkow als Kronzeuge vor gut einer Woche durch seinen Rechtsanwalt bestätigen ließ. Der Datensatz könnte die Basis der Fifa-Argumentation sprengen. Noch am Freitag behauptete sie mit Verweis auf negative Kontrollen etwa während des Confed-Cups 2017, alles zu tun, um den Fußball, „frei von Doping zu halten“.

Frei von Doping? Seit sechs Jahrzehnten sind kleine und sehr große Geschichten von der pharmakologischen Aufladung des Fußballs erzählt und belegt worden, von Zeugen, Kronzeugen und Gerichten. Kaum ein Weltverband hat das Kernproblem des Sports so konsequent unter den Teppich gekehrt wie die Fifa. Als DFB-Chef Grindel den Weltverband vor Monaten aufforderte, ein vollständig unabhängiges Doping-Kontroll-System für die WM in Russland zu organisieren, mokierte sich Fifa-Boss Infantino über den Deutschen: „Er hat das öffentlich mit der Bemerkung abgetan, es sei gut, dass ich jeden Tag eine neue Idee hätte“, sagte Grindel, selbst qua Amt Fifa-Mitglied. „Ich bleibe dabei: Infantino sollte dem Fifa-Council zügig Vorschläge unterbreiten.“

Der Europarat geht einen Schritt weiter. Er stellte in der vergangenen Woche den gesamten Aufklärungswillen und die Reformbereitschaft der Fifa in Frage. Geschrieben hat den Report die ehemalige Europaratspräsidentin Anne Brasseur aus Luxemburg (Demokratische Partei). Sie ist heute in der Organisation Berichterstatterin für „Good Governance“ im Fußball. Brasseur befragte aktuelle und frühere Kontrolleure der Fifa, die aktuelle Führung des Weltverbandes sowie weitere Personen in Schlüsselfunktionen und kam zu keinem guten Ergebnis. Die Fifa entgegnete, der Report berücksichtige nicht genügend die angeschobenen Reformen. Sie habe mit dieser Antwort gerechnet, sagte Anne Brasseur auf Anfrage: „Ich sehe nichts von den versprochenen Reformen.“ Was Millionen Fernsehzuschauer während der WM-Auslosung in Moskau zu sehen bekamen, war der alte Geist der Fifa. Eine Sportskamarilla formiert sich für das Fußball-Fest: Mutko, Infantino und die Los-Fee Maradona. Mit der Hand Gottes hat der einstige Starkicker Argentinien nicht nur Glück gebracht. Sie war auch im Spiel, als er überschäumte bei der WM in den Vereinigten Staaten 1994. Die Doping-Analytiker fanden Ephedrin, ein verbotenes Aufputschmittel.

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