https://www.faz.net/-gtl-8cac8

Trainingslager in der Türkei : Warum es die halbe Liga nach Belek zieht

  • Aktualisiert am

Grüne Bäume, grüne Leibchen: In der Türkei ist nicht alles so grau in grau wie in Deutschland Bild: dpa

Sieben Bundesligaklubs und mehrere Zweitligavereine trainieren in der Winterpause an der türkischen Riviera. In Belek schwärmen sie von den optimalen Bedingungen. Doch die Reise hat auch ihre Tücken.

          3 Min.

          Wenn sich fast der halbe deutsche Profifußball an einem Ort versammelt, muss es dort wohl etwas Besonderes geben. Allein sieben Bundesligavereine bereiten sich in diesen Tagen an der türkischen Riviera auf die Rückrunde vor. Während die Spieler in und um Belek auf den Trainingsplätzen schwitzen, treffen sich in den Lobbys der Luxushotels Berater, Scouts und Manager. Verträge werden ausgehandelt, Gespräche geführt – ganz ohne Reiseaufwand.

          „Es gibt nichts Vergleichbares zu Belek, in keinem anderen Land“, sagt der frühere Nationalspieler Dieter Burdenski, der sein Geld heute als Veranstalter und Vermittler von Reisen in die ganze Welt verdient. In den 90er Jahren half der ehemalige Bremer einst mit, Belek als Wintergarten für die Bundesliga zu etablieren.

          Von Werder bis Gladbach – alle sind da

          Neben Werder, Borussia Mönchengladbach und Hannover 96 residieren mit dem Hamburger SV, dem VfB Stuttgart und Hertha BSC zurzeit noch drei weitere Erstligaklubs direkt in Belek. Noch bis Dienstag hat zudem Aufsteiger Darmstadt 98 sein Camp im wenige Kilometer entfernten Lara aufgeschlagen. Hinzu kommen wie in den Vorjahren diverse deutsche Zweit- und Drittligaklubs. Sie alle hat es vor allem deshalb an die türkische Küste gezogen, weil das Preis-Leistungsverhältnis „hervorragend“ sein soll. „Diese Region hat sich auf die Trainingslager spezialisiert, das Gesamtpaket mit kurzer Anreise und den tollen Trainingsplätzen ist optimal“, lobt VfB-Sportvorstand Robin Dutt. Bremens Aufsichtsratschef Marco Bode urteilt: „Man kann hier sehr gut arbeiten.“

          Allerdings hat das Trainingslager-Paradies auch seine Schattenseiten: Dadurch, dass sich viele Vereine ihre Unterkünfte und Testspiele von örtlichen Agenturen organisieren lassen, sind vor allem die Freundschaftsspiele anfällig für Betrügereien. Erst kürzlich stand das Duell zwischen dem SV Wehen Wiesbaden und Borussia Mönchengladbach II im etwa 45 Kilometer von Belek entfernten Side unter Manipulationsverdacht.

          Für Hannover 96 geht es nach der Rückkehr aus Belek um den Klassenerhalt Bilderstrecke
          Für Hannover 96 geht es nach der Rückkehr aus Belek um den Klassenerhalt :

          Dennoch ist Belek längst zur deutschen Fußball-Dependence in Winterzeiten geworden und zieht seit Jahren auch internationale Spitzenteams an. Dass die russischen Klubs wegen der von Wladimir Putin initiierten Sanktionen gegen die Türkei erst einmal wegbleiben könnten, ändert nichts an der Ausgangslage: Belek kann mit der wohl größten Rasenplatzdichte der Welt werben. Der Ort sehe perspektivisch „keine Gefährdung“ seiner Vormachtstellung als Trainingslagerstandort, sagt Tahsin Yilmaz, Kulturabteilungschef der türkischen Botschaft in Berlin. „Belek hat sich in diesem Segment seine Stellung erarbeitet und wird diese auch weiterführen.“

          Von den großen deutschen Klubs waren bis auf den FC Bayern schon fast alle hier. Und das, obwohl das Wetter in Belek im Januar keineswegs sommerlich ist. Sonne und Regen wechseln sich ständig ab, teils kommt es zu Unwettern, oft sinken die Temperaturen in den einstelligen Bereich. „Eine absolute Sicherheit“ in diesem Punkt gebe es nie, sagt Burdenski. „In Dubai oder Abu Dhabi wäre das Wetter vielleicht noch besser, die Aufenthalte dort sind aber auch explizit teurer. Und die Klubs würden Probleme haben, Testspiele zu vereinbaren.“

          Dazu stehen die Trainingsreisen der Bayern nach Qatar oder des BVB und Eintracht Frankfurt nach Abu Dhabi heftig in der Kritik, weil es in diesen Ländern immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen kommt. Dass allerdings auch in der Türkei Dinge wie Gleichberechtigung, Pressefreiheit und faire Prozesse nicht überall gleich hoch gehängt werden, steht dagegen nicht so sehr im Fokus – und das scheint die dort logierenden Vereine auch nicht übermäßig zu stören.

          So spielen die Klubs Belek munter gegeneinander ihre Testpartien und genießen sonst die Freuden der türkischen Mittelmeerküste. Hertha BSC trifft beispielsweise dreimal innerhalb von drei Tagen auf Hannover, Gladbach und den VfL Bochum. Bremen und Gladbach haben an bestimmten Tagen sogar je zwei Testspiele binnen weniger Stunden vereinbart. „Man hat Top-Bedingungen, die Temperaturen sind ordentlich und man hat Testspielgegner“, fasst HSV-Trainer Bruno Labbadia zusammen.

          Der Kern des Tourismus-Paradieses Belek ist klein und übersichtlich, der Ort zählt nur wenige tausend Einwohner. Um ihn herum sind im Laufe der letzten Jahre immer protzigere Hotelkomplexe entstanden, die meisten mit eigenen Golfanlagen und Fußballplätzen, teils sogar eigenen Stadien. Insgesamt 54 zu den Hotels gehörende Fußballfelder böten „sehr gute Trainingsbedingungen, die von Fußball-Vereinen hoch geschätzt werden“, sagt Yilmaz. Und das kann er mit Fug und Recht behaupten. Jährlich kommen bis zu 700 Teams nach Belek.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.