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Die Fußball-WM in Qatar : Eine Frage der Haltung

Gastgeber der nächsten Fußball-WM: Qatar Bild: AFP

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Qatar ist das umstrittenste Turnier in 92 Jahren WM-Geschichte. Die Dänen machen das schon jetzt deutlich, andere müssen es noch lernen.

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          Das letzte Qualifikationsspiel ging verloren für die Dänen am Montag in Glasgow, aber längst stand fest: Dänemark wird zur Fußball-Weltmeisterschaft fahren, nach Qatar. Schneller hatten unter den Europäern nur die Deutschen die Berechtigung erspielt. Mitte dieser Woche aber machte die Dansk Boldspil Union, der dänische Fußball-Verband, deutlich, dass die Skandinavier die Reise zur Weltmeisterschaft, die in exakt einem Jahr, am 21. November  2022, beginnt, durchaus anders angehen werden, als es vom Deutschen Fußball-Bund bislang bekannt ist.

          Die Sponsoren der DBU, eine Bank und die staatliche Toto-Gesellschaft Dansk Spil, verzichten während der WM in Qatar auf ihre Werbefläche auf der Trainingsbekleidung der Spieler zu Gunsten „kritisierender Botschaften“, wie es in einer Pressemitteilung der DBU heißt. Zugleich kündigte der Verband an, die Zahl der aus Dänemark anreisenden Verbandsvertreter zu minimieren, um deutlich zu machen, dass es dem dänischen Verband um den sportlichen Erfolg der Mannschaft gehe „und nicht um die Werbung für Veranstaltungen der WM-Organisatoren“.

          Toxisches WM-Turnier in Qatar

          Ein Jahr vor dem Beginn halten also ein WM-Teilnehmer und seine Geldgeber das Turnier in Qatar für so toxisch, dass sie sich nicht in der sonst üblichen Art und Weise damit assoziieren wollen. Das hat es in dieser Form noch nie gegeben. Wie viele Nachahmer werden die Dänen finden?

          Angesichts der Schwierigkeiten, die dem FC Bayern München entstehen, überhaupt einen Streit über die Begleiterscheinungen des qatarischen Wohlstands in seiner Ausprägung als Platinsponsor des deutschen Fußball-Meisters in vereinsrechtlich vorgesehenen Formaten auszutragen, darf man gespannt sein, wann der deutsche Spagat zwischen Kritik- und Vorfreude wohl zu arg spannt.

          Und außerhalb Europas? Wird die überwiegende Mehrzahl der WM-Teilnehmer sowieso mit leuchtenden Augen auf die beeindruckende Infrastruktur schauen, die Qatars Herrscher in den Sand seines Emirats setzen lässt. Die FIFA wiederum hat schon vor fünf Jahren die UN-Richtlinien zu Unternehmen und Menschenrechten anerkannt und wird in dieser Woche doch von Amnesty International unter anderem aufgefordert, „dringend über die Maßnahmen zu berichten, die während der Jahre 2020/2021 ergriffen wurden, um den Verpflichtungen gegenüber WM-Servicekräften im Zusammenhang mit der WM nachzukommen“.

          Im zu Ende gehenden Jahr, hält die Menschenrechtsorganisation fest, habe sich die Lage der Arbeitsmigranten verschlechtert, der auch auf Druck und durch die FIFA angestoßene Reformprozess sei „beträchtlich untergraben“.

          Ein Jahr vor Anpfiff ist der Weg also vorgezeichnet, den das umstrittenste Turnier in 92 Jahren WM-Geschichte nehmen wird. Es wird gespielt, in Qatar. Und jeder aktiv oder passiv Beteiligte hatte elf Jahre Zeit, eine Haltung dazu zu finden. Wer Hilfe braucht: Die Dänen sind auf einem guten Weg.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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