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Vorbereitung auf WM 2019 : Die Vermarktungsmisere belastet die DFB-Frauen

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Die sportliche Krise haben die DFB-Frauen von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg (Mitte) mittlerweile überwunden. Bild: dpa

Sportlich befinden sich die DFB-Frauen im Aufwind. Dennoch rumort es unter den Nationalspielerinnen. Anders als im Ausland kämpfen die deutschen Frauen noch immer mit schleppender Vermarktung – und Vorurteilen im DFB.

          So schnell kann sich der Wind drehen: Vor genau einem Jahr trat Horst Hrubesch nach dem Scheitern von Steffi Jones seine Interimstätigkeit als Frauenfußball-Bundestrainer an und übernahm eine vermeintlich zum Scheitern verurteilte Mission. Elf Länderspiele später sind die deutschen Fußballfrauen mit Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg für die Weltmeisterschaft qualifiziert und vor dem Duell mit Japan an diesem Dienstag (16.00 Uhr im ZDF), dem Weltmeister von 2011 und WM-Zweiten von 2015, das einzige Team aus der Weltspitze, das seit einem Jahr unbesiegt ist. Zehn Siege und ein Unentschieden haben ein lange verunsichertes Olympiasieger-Team wieder aufgerichtet. Am Samstag zeigte die Elf der neuen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg beim 2:1-Sieg gegen Schweden sogar eine äußerst ansprechende Leistung trotz eines taktischen wie auch personellen Experiments: Voss-Tecklenburg ließ ihr Team mit einer Dreier-Abwehrkette um eine in Libero-Art agierende Marina Hegering spielen.

          Beides war für die seit Ewigkeiten auf eine Grundordnung mit einer Vierer-Abwehrkette festgelegte Nationalelf in jeder Hinsicht fast eine Revolution. Denn Hegering, die in der kommenden Woche 29 Jahre alt wird, war die älteste Nationalelf-Debütantin seit den Frühzeiten des Nationalteams in den achtziger Jahren und eröffnet ihrer Trainerin nun aufgrund ihrer Selbstverständlichkeit in der Spielgestaltung aus der hintersten Reihe heraus ganz neue Möglichkeiten. „Wir wissen, dass wir in der Lage sein müssen, in verschiedenen Systemen zu agieren. Das haben wir auch in enger Abstimmung mit den Achsenspielerinnen besprochen“, sagt die Bundestrainerin: „Marina Hegering spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sie in der Bundesliga konstant herausragende Leistungen gebracht hat.“

          Hegering baut dabei auf einen für ihr Alter ungewöhnlich geringen Erfahrungsschatz. Sie hat weniger oft in der Bundesliga gespielt als die gleichaltrige Kapitänin Alexandra Popp im Nationalteam, obwohl die beiden als die prägenden Teamkolleginnen nach dem Gewinn der U-20-Weltmeisterschaft 2010 die gleichen Ausgangsbedingungen hatten. Hegering aber musste danach sechs Jahre lang fast gänzlich auf Fußball verzichten wegen einer äußerst langwierigen Fersenverletzung. Martina Voss-Tecklenburg erinnerte sich nun des Talents der derzeit in Essen aktiven Spielerin. Hegering steht nun beispielhaft für jene Tugend, die die Bundestrainerin ihren Spielerinnen bis zur WM vermitteln will: Mut.

          In Paderborn wird das deutsche Defensivspiel von den stets pass- und kombinationssicheren Japanerinnen stärker auf die Probe gestellt werden als in Schweden. Die deutschen Fußballfrauen müssen sich zudem wieder an eine Minikulisse gewöhnen. Während am Samstag unweit von Stockholm mehr als 25.000 Zuschauer für einen stimmungsvollen Rahmen gesorgt hatten, dürften es nun wieder die in Deutschland üblich gewordenen 4000 bis 5000 Besucher werden. Abermals scheint es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nicht zu schaffen, wenigstens die fußballbegeisterten Mädchen aus der Region in großer Zahl ins Stadion zu locken, während im Ausland von England über Spanien und Italien bis ins WM-Gastgeberland Frankreich Rekordzahlen gemeldet werden.

          Voss-Tecklenburg: „Ich erwarte Mündigkeit“

          Unter den Nationalspielerinnen ist nach der Überwindung der sportlichen Krise diese Vermarktungsmisere mittlerweile ein Thema. Für die Motivation der Akteurinnen ist es nicht gerade zuträglich, dass sie sich vom Verband vernachlässigt fühlen. Auf Unverständnis stößt, dass es dem DFB in einem WM-Jahr noch nicht gelungen ist, einen Hauptsponsor fürs Frauen-Team zu akquirieren. Der Bundesliga, die nach Informationen der F.A.Z. im Mai nach dem Absprung der Allianz und mühsamer Nachfolgersuche wenigstens mit Flyeralarm einen neuen Namenssponsor präsentieren kann, könnte nach der WM zudem ein Exodus an Stars drohen, weil gleich mehrere Ligen derzeit attraktiver wie auch lukrativer sind.

          Die höchste spanische Spielklasse hat einen Fernsehvertrag über jährlich drei Millionen Euro abgeschlossen mit mehreren garantierten Liveübertragungen pro Spieltag, während es in Deutschland kaum Zugang gibt zu Bundesligaspielen. Die Spielerinnen, die durch den Kontakt zu Hrubesch in Erfahrung brachten, dass der Frauenfußball in Teilen des DFB noch vorurteilsbehaftet behandelt wird, vermissen kreative Marketingmaßnahmen unter anderem im Austausch mit der Männer-Nationalmannschaft. Die seit acht Jahren zum Kader zählende Torhüterin Almuth Schult hat erst durch Zufall kürzlich erstmals Kontakt gehabt zu Manuel Neuer, als sich die Nationalmannschaft in Wolfsburg aufhielt. Organisierte Anschubhilfe von männlicher Seite scheint beim DFB nicht gewollt.

          Die Bundestrainerin hält sich nach erst zwei Länderspielen unter ihrer Ägide aus diesem Thema noch heraus mit Blick auf die WM. Sie unterstützt aber ihre Spielerinnen, mündig auch über den Tellerrand hinauszuschauen und sich zu äußern. „Ich sage meinen Spielerinnen nicht, wann sie aufstehen und zu Bett gehen müssen. Und so sage ich ihnen auch nicht, was sie sagen sollen“, sagte Martina Voss-Tecklenburg: „Ich erwarte Mündigkeit, weil ich die Spielerinnen auch in allen Facetten einbeziehen will. Nur deshalb haben wir schon eine gute Feedbackkultur entwickelt in der kurzen gemeinsamen Zeit.“

          Spielplan, Ergebnisse, Termine der Frauenfußball-WM 2019

          Es wird sich weisen, ob die Spielerinnen bis zur WM Geduld haben oder schon zuvor Veränderungen vom Verband fordern, nachdem in den vergangenen zwölf Monaten gleich mehrere Teams wie Dänemark, Norwegen oder auch die Weltmeisterinnen aus den Vereinigten Staaten in den Kampf um mehr Anerkennung gezogen sind. Die deutschen Spielerinnen mussten hingegen ganz gegen den Zeitgeist nach der enttäuschenden EM vor zwei Jahren Kürzungen ihrer keineswegs üppigen Entlohnungen von weniger als 1500 Euro pro Länderspielnominierung akzeptieren. Diesbezüglich hat sich der Wind auch gedreht, allerdings ganz anders als in sportlicher Hinsicht ist er nun eher ein Gegenwind.

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