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Wanderarbeiter des Fußballs : „Das Transfersystem ist ungerecht und repressiv“

„Es muss überall funktionieren“: Abdes Ouaddou (links) hat in Qatar monatelang auf Gehalt gewartet. Bild: Picture-Alliance

Es geht nicht um Messi oder Ronaldo: Der Ökonom Stefan Szymanski im Gespräch über die Not der Wanderarbeiter des Fußballs und was geschehen muss, um den Markt fairer zu gestalten.

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          Die Spielergewerkschaft Fifpro hat bei der EU-Kommission Beschwerde gegen das Transfersystem im europäischen Fußball eingereicht mit der Begründung, Verbände und Klubs missbrauchten ihre marktbeherrschende Stellung. Funktioniert denn der Markt nicht?

          Die Frage für den Ökonomen ist, ob Dominanz der natürliche Zustand dieses Marktes ist. Für gewöhnlich ist es im Fußball so, dass Klubs zwar dominant sind, aber nicht unbedingt profitabel arbeiten. Profite, die durch die Dominanz entstehen, werden durch den Drang nach mehr Erfolg aufgefressen. Inzwischen gibt es Klubs an der Spitze des Marktes, die, anders als in der Vergangenheit, profitabel arbeiten: Manchester United, Arsenal, Bayern, Real Madrid, Barcelona. Sie haben so hohe Einnahmen, dass sie die Gehälter so managen können, dass sie mit einem Gewinn abschließen. Und hier kommt das Transfersystem ins Spiel, und zwar als Einschränkung: um sich die Arbeitskraft der besten Spieler zu sichern, muss ein Klub in der Lage sein, die höchsten Ablösen zu zahlen. Das ist eine Schranke für potentielle Rivalen. Und das heißt: Obwohl sie in dem Markt ohnehin schon dominant sind, macht sie das Transfersystem noch dominanter.

          Die Transfersummen machen es Spielern schwerer, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Was muss geschehen, um den Markt fairer zu gestalten?

          Ich finde es frustrierend, dass weder die Fifa noch die Uefa noch die Klubs je erklärt haben, wie das Transfersystem hilft, die Klubs zu stabilisieren, wie es den Fußball solidarischer macht, wie es den sportlichen Wettbewerb ausgeglichener gestaltet oder wie es dafür sorgt, dass Verträge eingehalten werden.

          Klubs und Verbände behaupten, das System wirke so...

          ...aber um Argumente aufrechterhalten zu können, braucht man Beweise, Fakten, dass das in der Realität auch so funktioniert. Und diese Fakten werden nicht geliefert. Stellen Sie sich vor, alle Autohersteller würden ihre Preise absprechen und dem Kunden erzählen, das sei erforderlich, weil die Autos dadurch sicherer würden. Und Sie würden fragen: Wo sind denn die Belege dafür? Und Sie bekommen als Antwort: Die brauchen wir ja wohl nicht zu liefern. Das ist völlig inakzeptabel. Man muss schon erläutern können, warum man den Wettbewerb beschränkt und durch was diese Beschränkungen gerechtfertigt sind. Und dann müssen diese Rechtfertigungsgründe durch Fakten belegt werden. Aber der Markt ist alles andere als stabil, das Element der Instabilität ist im Gegenteil riesig. Es gibt keine tatsächliche Solidarität, der Anteil der Einnahmen, der umverteilt wird, ist denkbar klein. Der sportliche Wettbewerb ist eben nicht ausgeglichen. Die großen Klubs dominieren. Alle angeblichen Vorteile des Transfersystems lassen sich nicht belegen. Es gibt dazu keine Untersuchung – weil sie nicht geschrieben werden kann.

          Was passiert, wenn das Transfersystem weg ist?

          Die Spieler werden autonomer, bekommen mehr Freiheit bei der Gestaltung ihrer Verträge, werden Regressforderungen wohl auch leichter durchsetzen können.

          Und wer sichert Solidarität, Vertragstreue, ausgeglichenen Wettbewerb?

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