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Vuvuzela : „Trompeter aller Vereine vereinigt Euch!“

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Mann mit Tröte: Prof. Reinhard Kopiez fürchtet wegen der Vuvuzela um die Atmosphäre in den WM-Stadien Bild: Daniel Meuren

Die Vuvuzela nervt. Professor Reinhard Kopiez weiß warum. Im Gespräch mit Daniel Meuren spricht der Musikpsychologe über die Zerstörung der Fankultur durch die Vuvuzela und keltische Tradition.

          10 Min.

          Prof. Reinhard Kopiez hat in seinem Buch „Fußball-Fangesänge - Eine Fanomenologie“, (Verlag Königshausen&Neumann, 20,50 Euro) die Anfeuerungsriten der Fans als eine Kunstform bezeichnet. Sowohl gesangliche Qualität als auch Kreativität bezeichnet der Musikpsychologe der Hochschule für Musik und Theater in Hannover als bemerkenswert. Umso weniger optimistisch hört Kopiez nun zur Weltmeisterschaft nach Südafrika. Der Musikwissenschaftler fürchtet, dass die Vuvuzelas alles Kunstvolle übertönen - die bisherigen Spiele und die Reaktionen von Spielern und Trainern geben ihm Recht. Lionel Messi sieht keine Chance mehr zur Kommunikation, Bundestrainer Joachim Löw führte beispielsweise eine Zeichensprache ein, um sich mit seinen Spielern zu verständigen.

          In Ihrem Buch „Fußball-Fangesänge - Eine Fänomenologie” schreiben Sie, dass Sie 1990 bei der Weltmeisterschaft zufälligerweise am Fernsehapparat erstmals Fangesänge wahrgenommen hätten und das als Konzert empfunden haben Sind die Anfeuerungen immer noch Musik in Ihren Ohren?

          Das war damals absolut die Initialzündung für meine Beschäftigung mit Fangesängen und auch für mein Buch. Man muss dazu wissen, dass ich eigentlich nicht interessiert bin an Fußball und damals nur nach Ende meiner Dissertation ermüdet vor dem Fernseher saß.

          Ich hörte die Gesänge im Hintergrund der Reporterstimme und war fasziniert. Ich hatte das Gefühl, dass da wesentlich mehr zu holen ist, als man an der Oberfläche vermutet. Meine Idee war: da steckt ein System dahinter und ein Repertoire. Das war das tragfähige Konzept für die Feldstudien, die wir dann unternommen haben.

          Nun droht bei dieser WM, dass die Plastiktröte Vuvuzela wie schon im vergangenen Jahr beim Confed-Cup jeden Fangesang im Lärm erstickt. Haben Sie Hoffnung auf Musik in den Ohren?

          Ich habe da wenig Hoffnung. Ich fürchte, dass da gar nichts mehr übrig bleiben wird von einem „Konzert“ der Gesänge. Es wird nur eine Riesen-Lärmkulisse geben durch die Plastiktrompeten. Das ist ein Fluch. Wer diese Dinger in die Welt gesetzt hat, sollte sich schämen. Das Ganze war ja ein Marketing-Gag, mit dem die Südafrikaner 2004 zur Vergabesitzung nach Zürich zogen, um ein Alleinstellungsmerkmal zu kreieren. Sie wollten sich bei den Mitgliedern im entscheidenden Gremium der Fifa im Gedächtnis verankern.

          Kann das mit der Vuvuzela gelungen sein und womöglich den Ausschlag für Südafrika gegeben haben?

          Psychologisch war das geschickt, keine Frage. So etwas bleibt in Erinnerung. Aber für die Fankultur im Stadion ist die Vuvuzela ein Desaster.

          Warum?

          Wir haben für das Buch damals ein „Fan-Abitur“ in Form einer Pyramide skizziert. Das Abitur ereichten demnach diejenigen Fangruppen, die durch erstaunliche gesangliche Leistungen herausragten und Rhythmusgefühl besaßen. Das erreichen vor allem Fußballfans, weil sie anders als beispielsweise Handballfans oder Basketballfans aufgrund der wenigen Tore in einem Spiel viel mehr Zeit haben zum ausführlichen Gesang. Das Fundament, sozusagen den Hauptschulabschluss für Fans, stellen demnach Primärreaktionen wie Klatschen und Lärmen dar. Die Vuvuzelas ordne ich dort ein, auf der Stufe eins der Genese von Fankultur. Dorthin gehören alle Lärminstrumente wie Hupen und Schreien. Darüber kommt die Vuvuzela nicht hinaus.

          Besteht denn die Chance, dass sich die Fankultur in den WM-Stadien noch dem Abiturniveau annähert?

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