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1. FC Kaiserslautern : Bauernfänger auf dem Betzenberg

  • -Aktualisiert am

Abrechnung vom Verein: Aber Stefan Kuntz weist die Vorwürfe weiterhin zurück. Bild: Picture-Alliance

Ein unveröffentlichter interner Bericht des 1. FC Kaiserslautern erhebt schwere Vorwürfe unter anderem gegen den ehemaligen Vorstandschef Stefan Kuntz. Die Mitglieder sind jahrelang getäuscht worden.

          Die Mitglieder des 1. FC Kaiserslautern sind von der früheren Vereinsführung jahrelang getäuscht worden. Das geht aus einem bisher unveröffentlichten internen Untersuchungsbericht des wirtschaftlich angeschlagenen Fußball-Drittligaklubs hervor. Darin werden gegen den ehemaligen Vorstandschef Stefan Kuntz und den ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Rombach schwere Vorwürfe erhoben. Unter anderem ist in dem Untersuchungsbericht die Rede von einer „auffälligen Dreistigkeit“, mit der „Mitglieder hinters Licht geführt“ worden sein sollen.

          Sowohl Kuntz als auch Rombach wiesen die Kritik auf Anfrage zurück. Kuntz, inzwischen erfolgreicher U-21-Nationaltrainer, ließ mitteilen, dass ihm der Untersuchungsbericht nicht bekannt sei und er sich daher nicht im Detail dazu äußern könne. Er verwies auf mehrere unabhängige Gutachten, die die Rechtmäßigkeit seines Handelns während seiner Amtszeit belegten. Auch Rombach teilte schriftlich unter anderem mit, dass Jahresabschlüsse in seiner Zeit beim FCK stets von unabhängigen Wirtschaftsprüfern von „Ernst and Young“ „genehmigt worden“ seien.

          Die Ergebnisse seiner Untersuchung will der FCK-Aufsichtsrat zur Vereinsversammlung am kommenden Sonntag zugänglich machen. Das Papier gibt Auskunft über verschiedene Vorgänge im Verein zwischen 2002 und 2017 und stützt sich dabei vorwiegend auf Protokolle des Aufsichtsrats. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Verwendung von rund neun Millionen Euro. Sie stammen aus einer Fananleihe und einem sogenannten städtischen „Verkäuferdarlehen“, das aus dem Verkauf des Fritz-Walter-Stadions vom Verein an die Stadt resultiert. Die Gelder sollten vor allem dem Ausbau eines Nachwuchszentrums dienen.

          Die Untersuchung bestätigt nun unter anderem die Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Demnach ist ein Großteil der Mittel von Beginn an dazu genutzt worden, um „Löcher zu stopfen“ und die Liquidität des Vereins zu erhalten. Für den versprochenen Ausbau des Nachwuchszentrums hat der Verein kein Geld mehr. In der jüngsten zugänglichen Bilanz betrugen die Verbindlichkeiten rund 14,5 Millionen Euro (30. Juni 2017). Vor allem die Rückzahlung der 2013 aufgenommenen Fananleihe zum August 2019 in Höhe von mehr als sechs Millionen Euro gefährdet die Existenz des Klubs, der gegenwärtig auf Rang 13 der Dritten Liga steht. Darüber hinaus enthüllt das Dokument eine zusätzliche mögliche Last, die die alte Führung hinterlassen haben könnte: Es geht um eine noch genauer zu prüfende Verpflichtung gegenüber der städtischen Stadiongesellschaft, bis „zum 30. Juni 2019“ mindestens drei Millionen Euro brutto in das Nachwuchszentrum zu investieren. Dass der FCK in seiner kritischen Lage diese Summe aufbringen kann, erscheint unrealistisch.

          Die Riege um Kuntz, von 2008 bis 2016 im Amt, hatte Kritik an ihrem Geschäftsgebaren stets zurückgewiesen und den FCK als prosperierenden „Substanzverein“ dargestellt. Sie behauptete, die zweckbestimmten Gelder jederzeit für die versprochenen Investitionen einsetzen zu können, und prangerte Kritiker als Feinde des Vereins an. Der Untersuchungsbericht wirft der früheren Führung nun „Augenwischerei“, irreführende „Bauernfängertricks“ bei Formulierungen in Jahresabschlüssen sowie eine „auffällige Dreistigkeit“, mit der „Mitglieder hinters Licht geführt“ worden sein sollen, vor. Demnach sei ein fehlerhafter Jahresabschluss selbst entgegen öffentlichen Hinweisen nicht korrigiert worden. Der Verbleib mancher Millionensumme bleibe ein „großes Mysterium“. Zudem seien Kontrollmechanismen ausgehebelt worden. Der Aufsichtsrat habe dem Vorstand weite Entscheidungsspielräume eingeräumt und sei so von diesem zum „Abnickergremium degradiert“ worden. Wenn es Verträge erst im Nachhinein genehmige, führe dies „das Gremium ad absurdum“, heißt es in dem Papier: „Darüber hinaus widerspricht diese Vorgehensweise der Satzung.“

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          Kuntz war in der Vergangenheit aufgrund einer hohen Transferintensität in Kritik geraten.Vorwürfe, über die finanzielle Lage des Vereins falsche Angaben gemacht und die Rolle des Aufsichtsrats untergraben zu haben, hatten er und Rombach stets rigoros zurückgewiesen. Rombach tat dies am Mittwoch in einer E-Mail abermals und ging gleichzeitig mit seinen „unmittelbaren Nachfolgern“ hart ins Gericht: Diese hätten „allein mehr als zehn Millionen aus Transfers von Spielern erzielt“, die zu seiner Zeit verpflichtet worden seien. „Alles weg, sportliches Desaster, mehr Trainerwechsel und Spielerneuverpflichtungen als zu unserer Zeit und als Gipfel der Unfähigkeit haben sie mit keinem Spieler Verträge für die Dritte Liga abgeschlossen, so dass alle ablösefrei gehen konnten“ – dies sei eine „Vernichtung von Vereinskapital“, schrieb der Informatikprofessor. Er setze nun „große Hoffnung in die neue Führung“, in die mit dem Sport-Geschäftsführer Martin Bader „zum ersten Mal seit der Demission von Stefan Kuntz wieder Fußballkompetenz“ eingezogen sei. Außerdem verantworteten seine Vorgänger den Arbeitsvertrag mit Stefan Kuntz, „der ihm eine große Machtfülle zugestanden hat“.

          Handfeste Konsequenzen sollen die Erkenntnisse aus dem Untersuchungsbericht nicht nach sich ziehen. Der Verein hält die von ihm beklagten Handlungen der früheren Führung zwar für teils moralisch verwerflich, sieht aber keinen Ansatz für eine erfolgreiche juristische Auseinandersetzung: „Die Protagonisten haben sich verabschiedet“, heißt es im Untersuchungspapier, „und das Chaos den Nachfolgern überlassen.“ Der Verein wolle nun in die Zukunft schauen.

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