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Vor der Europameisterschaft : Auf geht's, Portugal!

  • -Aktualisiert am

Die Portugiesen sind im Fußballfieber Bild:

Fußball ist für Portugiesen nicht einfach nur Nebensache, er ist identitätsstiftender Teil des Selbstverständnisses geworden. Die Europameisterschaft soll nun dem angeknacksten Selbstbewußtsein wieder auf die Beine helfen.

          Fußball ist für Portugiesen nicht einfach nur Nebensache. Seit die Gebrüder Pinto Basto 1886 einen abgewetzten Lederball von ihrem Studienaufenthalt in England nach Lissabon brachten, ist der Sport zu einem identitätsstiftenden Teil des portugiesischen Selbstverständnisses geworden. Das gilt nicht nur für die vier Millionen portugiesischen Emigranten, die vor allem in Brasilien, Frankreich und Südafrika ein besseres Leben suchten, sondern auch für die überwältigende Mehrheit der zehn Millionen Menschen im Land.

          Wirtschaftlicher Aufschwung durch die EM?

          Daher ist es für viele Portugiesen nur allzu natürlich, daß ausgerechnet der Fußball ihrem kleinen Land am westlichsten Ende Europas eine Aufmerksamkeit bescheren wird, die es seit der Nelkenrevolution Mitte der siebziger Jahre nicht mehr gehabt hat. Etwa 8.500 Journalisten werden drei Wochen lang über die Fußballeuropameisterschaft berichten. Eine halbe Million ausländische Gäste soll der portugiesischen Wirtschaft den nötigen Anstoß geben, um das Land aus der Rezession zu holen. Fast zwei Drittel der Portugiesen glauben, daß die EM dem Land wirtschaftlich nützen wird, wie jüngst eine Umfrage ergeben hat.

          Von der Fußballeuphorie will auch die Mitte-rechts-Koalition um Premierminister Jose Manuel Durao Barroso profitieren. Mit dem Slogan für die Europawahl "Forca Portugal" (Auf geht's, Portugal!) hat das Regierungsbündnis der gemäßigten Konservativen (PSD) und der rechtspopulistischen Volkspartei (PP) nicht von ungefähr einen beliebten Schlachtruf der portugiesischen Nationalelf übernommen. Solch eine Hilfestellung braucht die Regierung aber auch. Denn Meinungsforscher prophezeien für die Europawahl am 13. Juni einen überwältigenden Sieg der oppositionellen Sozialistischen Partei (PS). Für den PS-Vorsitzenden Ferro Rodrigues wäre dies eine Bestätigung seiner Ambitionen, in weniger als zwei Jahren als Kandidat der Sozialisten in den Parlamentswahlkampf zu ziehen.

          Innere Widersprüche in der Gesellschaft

          Unerwarteten Rückenwind erhielt Rodrigues zudem in der vergangenen Woche. Sein enger Vertrauter Paulo Pedroso wurde von der Anklage des Kindesmißbrauches, die im Zuge eines Pädophilieskandals um das Lissabonner Waisenhaus "Casa Pia" zu seiner vorübergehenden Verhaftung geführt hatte, freigesprochen.

          Der Fall "Casa Pia", der seit mehr als einem Jahr die Medienberichterstattung beherrscht, weil Prominente aus Politik, Gesellschaft und Medien darin verwickelt sein sollen, ist mit dafür verantwortlich, daß Portugal eine der schwierigsten Phasen seiner knapp dreißig Jahre jungen Demokratie durchläuft. Doch der Skandal ist nur das Symptom einer Gesellschaft, die sich seit eh und je in inneren Widersprüchen verstrickt.

          Portugal ist zweigeteilt

          Manuel Villaverde Cabral von dem angesehenen sozialwissenschaftlichen "Instituto das Ciencias Sociais" in Lissabon stellt fest, daß das moderne Portugal schon immer zweigeteilt gewesen sei: zum einen die nach Europa gerichteten, kosmopolitischen Metropolen Porto und vor allem Lissabon, das - an der Kaufkraft gemessen - die wohlhabendste Region auf der ganzen Iberischen Halbinsel darstellt; zum anderen die ländlichen Gebiete im südlichen Alentejo und in der zentralportugiesischen Beira, aus denen die Jugend wegzieht und die Alten zurückläßt, was dazu führt, daß in manchen Dörfern immer noch ein Drittel der Anwohner Analphabeten sind.

          Obwohl die Lesefähigkeit der Jugend mitteleuropäischen Standard erreicht hat, ist die fehlende Ausbildung ein großes Problem in Portugal. Mehr als vierzig Prozent der Jugendlichen brechen die Schule vorzeitig ab. Ihre Berufschancen werden sich in den kommenden Jahren noch weiter verschlechtern. Denn die Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitern, die eine Ursache für das rapide Wirtschaftswachstum der neunziger Jahre war, nimmt nach der Ost-Erweiterung der Europäischen Union weiter ab. Der Mindestlohn in Portugal ist zwar der niedrigste in Westeuropa, liegt aber weit über den Löhnen der neuen EU-Mitgliedstaaten.

          Bildung hat einen geringen Stellenwert

          Dennoch genießt Bildung keine Priorität in Portugal. Im Haushalt von 2004 wurden die Ausgaben des zuständigen Ministeriums um mehr als vier Prozent gekürzt. Durch den schmerzhaften Konsolidierungskurs der Regierung konnten im vergangenen Jahr zwar die Kriterien des EU-Stabilitätspaktes eingehalten werden. Doch Wirtschaftsfachleute rechnen damit, daß der Schuldenberg im Jahr 2005, wenn die Privatisierungsmöglichkeiten der Regierung erschöpft sind, um bis zu fünf Prozent anwachsen könnte.

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