https://www.faz.net/-gtl-10sj6

Vor dem Wales-Spiel : Bierhoff wird zum Ballack-Fan

Die Wade, mal wieder: Ballacks Einsatz ist weiter ungewiss Bild: dpa

„Das Wort Stammspieler kann man nicht mehr gebrauchen“, sagt Thomas Hitzlsperger. Der neue Konkurrenzkampf in der Fußball-Nationalelf hält die Spannung aufrecht - auf die Gesundung von Michael Ballack hoffen dennoch alle.

          3 Min.

          Seit Samstag ist nicht mehr nur die Frage interessant, welchen Spielern Joachim Löw sein Vertrauen schenkt. Seit sich Kevin Kuranyi gegen die Russen aus dem Dortmunder Stadion davonmachte (siehe: FAZ.NET-Spezial: Alles zum 2:1 gegen Russland), besitzt auch die Entscheidung des Bundestrainers über die Tribünenbesetzung gegen Wales einen gewissen Reiz.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nachdem der Kader in den vergangenen Tagen wegen des Muskelfaserrisses von Marcell Jansen, des Handbruchs Robert Enkes und des Rauswurfs Kevin Kuranyis auf 19 Spieler geschrumpft ist, muss Löw im Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel in Mönchengladbach (20.45 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Liveticker) nur noch einen einzigen Unglücklichen ausfindig machen, den er auf die Tribüne setzt. „Das sind die schwierigen Entscheidungen eines Trainers“, sagt Joachim Löw.

          „Es fällt nicht schwer, sportlich ein Ballack-Fan zu sein“

          Aber diese Entscheidung könnte ihm vielleicht auch noch abgenommen werden - falls die Wadenverletzung von Michael Ballack auch an diesem Mittwoch noch gravierend sein sollte. Doch danach sieht es, bei aller medizinischen Unwägbarkeit, nicht unbedingt aus. „Eine Prognose wage ich nicht, bin aber zuversichtlich, dass Michael Ballack spielen wird“, verkündete Manager Oliver Bierhoff, nachdem der Kapitän am Montag mit dem Training komplett aussetzen musste und stattdessen die medizinische Abteilung ausgiebig für Massagen an seinem seit Jahren wunden Punkt in Anspruch nahm. Auch am Dienstag fehlte Ballack beim Abschlusstraining.

          Harmonisch: Oliver Bierhoff findet derzeit nur lobende Worte für Michael Ballack
          Harmonisch: Oliver Bierhoff findet derzeit nur lobende Worte für Michael Ballack : Bild: ddp

          Ballacks Wade macht nach einem harten Tritt aus dem Russland-Spiel mal wieder, was sie nicht soll: auf und zu. Jede Stunde sieht es anders aus. „Wir brauchen gegen Wales einen einhundert Prozent fitten Kapitän“, sagt Bierhoff, der für Ballack nur lobende Worte nach dem letzten Auftritt fand. Es war eine schöne Pointe im zuletzt angespannten Verhältnis zwischen Kapitän und Manager, dass nun ausgerechnet Bierhoff als Vertreter der sportlichen Leitung die Rolle zufiel, sich den Kapitän gegen Wales ganz fest ins Team zu wünschen. „Es fällt nicht schwer, sportlich ein Ballack-Fan zu sein“, fuhr der Manager fort.

          „Das Wort Stammspieler kann man so nicht mehr gebrauchen“

          Er behauptete, die letzten zehn Tage hätten der schwierigen Beziehung richtig gutgetan. Sie hätten miteinander geredet und auch miteinander trainiert, und „ich bin froh, dass alles beigelegt ist“, sagte Bierhoff aufgeräumt und stimmte ein Loblied auf den Torschützen und die deutsche Leitfigur gegen Russland an. Er freue sich, dass der neue Trainer Felipe Scolari beim FC Chelsea „viel aus den Spielern herausholt“, die Entwicklung von Ballack in England sei nicht zuletzt wegen des hohen Konkurrenzkampfes generell „sehr gut“.

          Der Konkurrenzkampf im Mittelfeld ist mittlerweile aber auch bei der Nationalmannschaft angekommen. Vor dem Spiel gegen Russland waren erstmals alle Mittelfeldspieler fit, auch gegen Wales könnte Löw nun wieder die ganz große Auswahl haben. „Das Wort Stammspieler kann man so nicht mehr gebrauchen. Es trifft auf mich auch nicht zu“, sagt Thomas Hitzlsperger zu der neuen Situation, in der er sich mit Ballack, Frings, Rolfes, Trochowski und Schweinsteiger um die vier freien Plätze streitet, dahinter lauert auch noch Jones (siehe auch: Trochowski im Gespräch: „Ich will etwas Entscheidendes beitragen“).

          Löws Lage ist komfortabel

          Am Samstag hatte der Stuttgarter den Bremer Frings und den Leverkusener Rolfes auf der defensiven Mittelfeldposition verdrängt - Gewissheit, auch gegen Wales von Anfang an dabei zu sein, verspürt er trotz eines guten Auftritts nicht. „Ich werde jeden Tag darum kämpfen, dass ich spiele“, sagt der Musterschüler der vergangenen vier Jahre unter Löw. „Wir haben im Mittelfeld vier, fünf Spieler zur Auswahl. Das spornt mich an und die anderen auch.“ Die Mannschaft werde von Löw nun genauso auf die Partie gegen Wales „fokussiert“ wie zuletzt gegen die Russen, sagte Hitzlsperger. „Er hat zu uns gesagt: Was bringt es, wenn wir gegen Russland drei Punkte holen und dann gegen Wales straucheln?“ Natürlich nichts.

          Hitzlsperger war gegen Russland erstmals dem fitten Torsten Frings vorgezogen worden, Ansprüche leitet er daraus, wie es sich in der Nationalmannschaft gehört, nicht ab. Früher habe sich eine Stammformation aus elf, zwölf oder dreizehn Spielern zusammengesetzt, „heute sind es 20 bis 25 Spieler“. Für Joachim Löw ist das eine komfortable Lage, das seit der EM offene Duell um den Platz neben Ballack hat mitunter auch die Tonlage schon etwas verändert. In der vergangenen Woche hatte sich Routinier Frings schon zu kleinen Sticheleien gegen seine jüngeren Konkurrenten Hitzlsperger und Rolfes herausgefordert gefühlt: „Jeder, der bei uns Verantwortung übernehmen will, ist herzlich willkommen. Aber da muss auch mal was kommen, nicht nur Reden.“ Hitzlsperger wird sich darauf freuen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erzbischof von Köln: Rainer Maria Woelki, Kardinal der römisch-katholischen Kirche

          Missbrauch im Erzbistum Köln : Wie Kardinal Woelki das Vertrauen verlor

          Das Missbrauchsgutachten sollte den Konflikt zwischen Kardinal Woelki und den Gläubigen in seinem Erzbistum entschärfen. Aber das Gegenteil trat ein. Der Graben wurde immer tiefer. Die F.A.Z. dokumentiert die wichtigsten Stationen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.